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Wisst Ihr noch ... Kinos?

Tempel der Filmkunst in süßlichem Popcorn-Nebel, Handyklingelton-Testlabor, Kinder-Ablenkungsmanöver am Heiligabend, Anbandlungs-Asyl für hormonell übersteuerte Teenager mit erigiertem Kuschel-Arm und der einzige Ort, an dem Menschen freiwillig Eiskonfekt essen - Gott, ich vermisse Kinos.

Wie schön war das, als wir alle Samstag abends unter der Balustrade auf unsere Begleitung gewartet haben. Als wir Entscheidungen treffen mussten, wie: Schauen wir einen Superheldenfilm von Marvel oder … einen Superheldenfilm von DC? Schauen wir den neuesten Film von Matthias Schweighöfer, oder machen wir uns nen schönen Abend? Wo wir innerlich jubelten, weil wir am Kinotag für schmales Geld eine Eintrittskarte ergattern konnten, um dann ganz beseelt für den Gegenwert eines Ferienhauses in Malibu eine Cola und drei M&Ms zu kaufen.

Ich bin seit meiner Kindheit Kinofan. Mein erster Kinobesuch war „Otto - Der Film“. Ein deutscher Film ohne Til Schweiger und Elias M’Barek - sowas gibt’s heut gar nicht mehr!

Als ich zum ersten Mal im Kino war, da war „Magnum“ tatsächlich noch ein sehr großes Eis und das, was heute als Magnum verkauft wird, hieß damals… Holzstab mit Fettglasur.

Seitdem hab ich alles im Kino gesehen: amerikanische Blockbuster, wo hinterhältige Schurken ganze Großstädte pulverisieren, aber auch rumänische Arthouseperlen, wo am Weltschmerz zerbrochene Biomilch-Melkerinnen im frühen Morgentau zur Musik einer handgedrechselten Schalmei ihre Menstruationsbeschwerden wegtanzen. Alles hab ich gesehen!

Ich habe auch all die tollen Neuentwicklungen in den Kinos in den letzten Jahren mitverfolgt. Edelkinos, zum Beispiel. Ab einem gewissen Alter bekommt man zum Geburtstag ja nichts anderes mehr geschenkt, als Edelkino-Eintrittsgutscheine im Wert eines gut angesparten Bausparvertrags.

In Edelkinos gibt es Ledersitze und Fußschemel und man wird am Platz bedient, es ist herrlich! Gut, Handys klingeln da genauso viele, wie im normalen Kino, nur in dem einen meldet man sich mit „Alder was geht?“ und in dem anderen mit „Rüdiger von Waldenfels, danke für den Rückruf!“

Als ich das erste Mal in einem Edelkino war, hat man mir dort am Platz eine Käseplatte mit französischem Rohmilchkäse serviert. Das hat mich verwirrt. So viel Eintritt bezahlt und jetzt muss ich mir die Käsesoße für die Nachos auch noch selbst zusammenschmelzen?

Tja. Und dann kam Corona und die Kinos waren zu.

Gut, die Autokinos erlebten eine Renaissance, aber ganz ehrlich, wenn ich in einem mit Snackresten zugemüllten Auto zwei Stunden vor mich hinstarren will, fahr ich einfach auf die Leverkusener Brücke.

Hinzu kommt: dieses Jahr gab’s im Kino nicht gerade die Blockbuster… eher die Trostpflaster. Der neue James Bond wurde schon fünfmal verschoben. Hat sich leider rausgestellt: „No Time to die“ … ist grade nicht der allerbeste Titel.

Ich bin gespannt, was uns die Kinos bieten werden, wenn sie endlich wieder auf sind, habe aber auch ein bisschen Angst vor all den Corona-Filmen, die in den nächsten Jahren erscheinen. Was weiß ich … „Star Wars - The Klopapier Wars“, der Virologen-Smasher „Drostman versus Streekman“ und vermutlich gleich zwei neue Filme von Til Schweiger: „Kein-Ohr-Virus“ und „Covid im Kopf“. Das wird nicht einfach.

Trotzdem: Ich werde es mir anschauen, denn ich vermisse alles am Kino.

Ich will mir ne kleine Packung Popcorn kaufen, also den 5-Liter-Eimer, dann eine halbe Stunde Popcorn knabbern und danach drei Stunden Maiskornspelzen aus den Zähnen friemeln.

Ich will endlich wieder Lokalwerbung sehen, wo Kölner Hörakkustiker in kaum verständlicher Tonqualität ihre Dienste feilbieten und Eifeler Bauern die aphrodisierende Wirkung ihrer Petersilienwurzeln anpreisen.

Ich will nach einer Kindervorstellung mit meinen Schuhen auf Haribo-verklebten Teppichböden steckenbleiben und mir dann auf dem Sitz so viele Colaflecken in die Kleidung drücken, dass mich beim Verlassen des Kinos Dalmatiner neidisch anschauen!

Ja, ich freue mich sogar darauf, dass sich eine Sekunde, bevor der Film losgeht, mal wieder ein zwei Meter Mann mit einer drei Meter Hochsteckfrisur aus Dreadlocks, Man-Bun und Zeisignest direkt vor mich setzt.

Ist mir alles egal, Hauptsache, ich darf wieder ins Kino. Dann werde ich die Ruhe bewahren, gütig lächeln, allen Ärger wegatmen … und den Zeisig vor mir mit Popcornmais füttern.

Bis dann.

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