Neues vom großen Italien-Fan

#EuropaTour revisited, Teil 1

Eigentlich wollte ich ja keine Werbung mehr für den Lago d'Iseo machen. Ich liebe ihn ja gerade deshalb, weil er nicht so voll ist, weil er nicht der Gardasee ist und weil nicht halb München an seinem Ufer sitzt und sich schon nach dem ersten Limoncello vorkommt wie Adriano Celentano auf Sommerfrische. Aber, mein Gott, es ist Corona, wir brauchen alle ein bisschen Ablenkung und die Nicht-Hochrisiko-Gebiete sind dünn gesät - also bittesehr: Der Iseosee, meine Damen und Herren!

(Wer sich über die Serpentinen von Sulzano dem See nähert, sollte einen stabilen Magen haben)

2017 waren wir das erste Mal hier, man hatte uns gerade in Bratislava das Auto leergeräumt, in Österreich war es unerträglich heiß und wir brauchten dringend ein bisschen gute Laune. Diesmal war der Ausgangswunsch ähnlich: Unseren Urlaub in Spanien hatten wir wegen Corona gecancelt und jetzt suchten wir nach einem Platz, wo man ohne sich und andere zu gefährden ein paar schöne Tage verbringen kann. Und meine Güte: Das kann man am Iseosee spielend! Schon 2017 waren wir völlig ratlos, warum wir von diesem absolut perfekten Gewässer noch nie gehört hatten. Tatsächlich lässt sich das ein bisschen geographisch begründen. Der Iseosee liegt einfach nicht "auf dem Weg". Auf keinem Weg, um genau zu sein. Wer aus NRW kommt, fährt wahrscheinlich über Mailand weiter Richtung Süden, von Bayern aus landet man eher in Verona  (oder eben am Gardasee) und genau dazwischen, clever versteckt wenngleich eigentlich für jedermann zu sehen, liegt eben der Lago d'Iseo. 

(Autor mit guter Laune - Symbolbild)

Groß ist er nicht, der See, (die Fahrrad-Rundtour misst 63 Kilometer, aber Obacht: dazwischen verstecken sich 540 Höhenmeter), muss er aber auch nicht sein, denn er bietet auch so alles, was man meiner Ansicht nach zu einem perfekten Urlaub braucht: Klares Wasser mit genau der richtigen Temperatur. Möglichkeiten für jede Art von Wassersport. Eine Insel, die man bequem mit einer Fähre erreichen und dann problemlos mit dem Fahrrad umrunden kann. Putzige Ortschaften außenrum, die sich in Sachen Urlaubsatmosphäre gegenseitig überbieten. (Iseo selbst ist schon nett, noch besser gefiel es mir rund um den Hafen von Sarnico.) Kurz: Ich könnte locker zwei Wochen hier verbringen, ohne mich auch nur eine Sekunde zu langweilen. Allein schon irgendwo am Ufer zu sitzen und einen von diesen perfekt schokoladigen italienischen Espressi (Espressos? Espressae? Espressiones? Hier bitte nach Belieben klugscheißen!) zu trinken, macht mich glücklich. Was zur Hölle machen die Italiener eigentlich in ihren Espresso und warum macht das in Deutschland keiner??

(Es gibt schlechtere Kulissen für eine Kajaktour.)

Apropos Italiener: Wer mich und mein Programm kennt, kennt auch diese gewisse Italienskepsis, die ich mir in vier Lebensjahrzehnten mühsam aufgebaut habe, und die in den letzten Jahre immer mehr in ihre Bestandteile zerbröselt. Um nicht zu sagen: Sie ist mir heute regelrecht peinlich. Wie schon 2017 wurden wir auch jetzt immer und überall herzlich empfangen, Campingplatzbesitzer gaben sich größte Mühe, einen Platz für uns (und selbst für das etwas überdimensionierte Wohnmobil meines Bruders) freizuräumen und auch in Sachen Hunde-Akzeptanz haben die Italiener einen großen Sprung nach vorne gemacht und fast zu den Franzosen aufgeschlossen. Passende Geschichte dazu: Gleich am ersten Abend auf unserem Campingplatz gingen wir mit dem Hund an den Strand. Sofort wies uns ein älterer Herr darauf hin, dass Hunde am Strand nicht erlaubt sind. Nichts Neues und irgendwie auch verständlich, trotzdem wollte ich schon angenervt abziehen, da kam derselbe Herr mit einer Flasche Grappa an und gab uns einen aus, weil er die Hunderegel selbst total doof findet. Das Ganze endete übrigens damit, dass er uns noch seine Frau vorstellte und die beiden uns zu einer Spritztour mit ihrem Motorboot einluden. Ha! Die Italiener, ey! Schon immer meine Lieblingseuropäer, und wer was anderes behauptet ist ein sporco bugiardo!

(Autor mit Rotwein, dem Espresso des Abends

Stichwort Campingplatz: Wir hatten uns einen in Pilzone ausgesucht, was im Gegensatz zu vielen anderen Plätzen am See den großen Vorteil hat, dass nicht direkt dahinter eine Straße und eine Eisenbahnlinie vorbeiführen, da die in Pilzone von einem Berg auf Abstand gehalten werden. Außerdem hat man hier einfach den viel besseren Ausblick: Denn genau über besagtem Berg geht am Vormittag irgendwann die Sonne auf, wandert dann über Iseo nach Süden und geht abends am gegenüberliegenden Ufer in spektakulären Farben unter. Es gibt schlechtere Orte für einen Sundowner am Strand - selbst ohne Hund.

Zum Abschied sprechen wir mit unseren holländischen Platznachbarn. Der Mann ist gut über 70 und wirkt sehr fidel. Seine Frau erzählt aber mit kummervollem Gesicht, dass er sich gerade zwischen zwei Chemotherapien befindet. Krebs, gleich an drei Organen, sie wirkt verzweifelt. Er dagegen schaut nicht im Geringsten kummervoll. Ich frage ihn warum. "Na, weil ich hier bin!", antwortet er. "Weißt du: Ich fühle mich gut! Aber daheim bin ich immer nur der kranke Willem. Hier kennt mich keiner und ich darf gesund sein. Deswegen bin ich lieber hier." Also, wenn man hier nicht zu einem rundum gesunden Willem wird, dann weiß ich auch nicht mehr.

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