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Four Seasons In One Day (The Euros Diaries, Part II)

Here I’m alive
Everything all of the time
(Radiohead)

141/∞

Good evening, Europe!

Wie geht’s Euch so? 

Wenn Ihr mich gerade fragen würdet, müsste ich vor der Antwort erst einmal aus dem Fenster schauen. Wenn die Sonne scheint, ist alles fein, wenn es gerade wieder in Strömen regnet, eher nicht. Manchmal denke ich: Es ist ja schön, dass ich inzwischen wenig mehr brauche als Sonnenschein, um gute Laune zu haben, aber dann sollte ich perspektivisch über einen Wohnortwechsel nachdenken, denn, das betonen die Meteorolog*innen ja immer wieder, das, was wir da gerade erleben, ist eigentlich ein klassischer deutscher Sommer.

Aber auch die Nachrichtenlage besteht ja, vorsichtig ausgedrückt, überwiegend aus Graupelschauern; die Erfolge (Opens in a new window) der Rechtsextremen in Frankreich und das ganze Elend in den USA, von der Präsidentschafts-Debatte (Opens in a new window) bis hin zu den neuesten (Opens in a new window) Entscheidungen (Opens in a new window) des Supreme Court erinnern eher an Exkremente, die vom Himmel regnen.

Die Fußball-Europameisterschaft der Männer macht immer noch Spaß, aber man kann eigentlich nicht mehr ruhigen Gewissens über sie sprechen, ohne auch den „Rechtsruck in den Kurven“ zu thematisieren, den die „11 Freunde“ ganz gut dokumentiert (Opens in a new window) haben. Bisheriger Tiefpunkt: Der türkische Nationalspieler Merih Demiral zeigte nach seinem zweiten Tor gegen Österreich den sogenannten „Wolfsgruß“, das Erkennungszeichen der rechtsextremen „Grauen Wölfe“ (mehr zu den Hintergründen in einem Interview (Opens in a new window) mit der Ex-Fußballerin Tuğba Tekkal, ebenfalls bei „11 Freunde“).

Alexander Marinos, Vize-Chefredakteur dessen, mit dem wir im Ruhrgebiet als Leitmedium leben müssen (also der „WAZ“), wünscht der türkischen Nationalmannschaft in einem unheilvoll als „Klartext-Kolumne“ beworbenem Text (Opens in a new window), „dass sie das nächste Spiel verliert und schleunigst nach Hause fährt, auch wenn mir das für die Aufrechten unter den türkischen Fußballfans leid tut.“ Diese Haltung ist nachvollziehbar, auch wenn es mir aus irgendeinem Grund etwas pubertär erscheint, sie so öffentlich zu postulieren. (Ich wünsche der türkischen Nationalmannschaft vor allem deshalb, dass sie das nächste Spiel verliert, weil das gegen Holland geht, kann mich aber auch Marinos’ Begründung anschließen.)

Schwierig wird es für mich vor allem später im Text:

Gerade die in x-ter Generation in Deutschland Geborenen müssen sich doch ganz grundsätzlich fragen lassen, warum die türkische eigentlich „ihre“ Nationalmannschaft ist, sofern sie das so sehen. Mindestens genauso könnte und sollte doch jene Mannschaft „ihre“ Mannschaft sein, die das Land repräsentiert, in dem sie leben und arbeiten – zumal die deutschen Fußballprofis mit Ilkay Gündogan von einem Kapitän angeführt werden, der ebenfalls einen türkischen Migrationshintergrund hat, so wie sie selbst.

Ich wurde in Deutschland geboren und bin so sehr Kartoffel, dass mich auch Tiere mit Vegetariernachweis essen dürften. Trotzdem gilt meine Unterstützung bei internationalen Männer-Turnieren seit Jahrzehnten in erster Linie der schwedischen Mannschaft und wenn die nicht dabei ist (was in letzter Zeit häufiger vorkommt) der niederländischen. Ich möchte mir von Herrn Marinos nicht vorschreiben lassen, welche Nationalmannschaft „meine“ ist, und ich möchte auch nicht, dass er das mit anderen tut. (Dass er den Namen von İlkay Gündoğan falsch schreibt, ist in dem Kontext vielleicht auch ein ganz kleines bisschen unglücklich. Vor allem, weil er im nächsten Absatz schreibt: „Es sind zum Teil leider Parallelgesellschaften, die nebeneinander leben, nicht miteinander.“) 

Ausgerechnet während eines internationalen Fußballturniers vermessen zu wollen, wie gut die Integration geklappt hat, ist vielleicht ein bisschen überambitioniert, zumal er sich nur über türkischstämmige Menschen empört, nicht aber über Menschen mit Vorfahren aus anderen Ländern. (Ich hab grad noch mal nachgeguckt (Opens in a new window): „integrieren“ ist übrigens ein transitives Verb, was bedeuten würde, dass die Hauptarbeit eigentlich von der Mehrheitsgesellschaft erledigt werden müsste, aber ich schweife ab.)

Im letzten Newsletter hatte ich so von meiner Heimatstadt Bochum geschwärmt (Opens in a new window), aber es zeigt sich, dass hier natürlich auch nicht alles tutti ist: Vor zwei Wochen löste die Polizei ein Konzert von mutmaßlichen Neo-Nazis in der Kneipe Linie 5 auf. Die Antifa schreibt (Opens in a new window), dass die Kneipe in der Innenstadt seit einem Pächter*innen-Wechsel im Jahr 2021 „regelmäßig von rechten Hools und Menschen mit einschlägiger Kleidung der rechten Szene besucht“ werde und es immer wieder zu Pöbeleien gegen die Teilnehmende gekommen sei, wenn Demonstrationen die Kneipe passierten.

Was hier wieder Hoffnung stiftet: Die Privatbrauerei Moritz Fiege, Getränkelieferant der Stadt und Teil der Bochumer Dreifaltigkeit „VfL, Grönemeyer und Fiege“ ließ über Nacht ihre gesamten Logos und Schriftzüge von der Kneipe entfernen (Opens in a new window). „Moritz Fiege steht für ein Miteinander in Vielfalt, Toleranz und Respekt“, erklärte Geschäftsführerin Carla Fiege. Ob die Brauerei der Kneipe auch den Zapfhahn zugedreht hat, ist noch nicht ganz klar. Die Bevölkerung hat auf Social Media aber schon mal vorsorglich erklärt, den in der Linie 5 womöglich wegbrechenden Bierabsatz mehr als ausgleichen zu wollen.

Noch schlimmer als ein Neo-Nazi-Konzert ist das, was am Sonntagnachmittag bei uns im Stadtteil passierte: Vor einem Café wurde ein Mann mit einer Flüssigkeit übergossen (Opens in a new window), die sich später als hochkonzentrtierte Schwefelsäure herausstellte. 

Gerade in den ersten Stunden war natürlich überhaupt nicht klar, wie groß das Ausmaß dieses Anschlags war. Aber der Horror, den man sonst nur aus Boulevard-Medien kennt, war plötzlich ganz nah: Im Fräulein Coffea war nun wirklich jede*r von uns schon mal gewesen.

Wenn Menschen emotional aufgewühlt sind, reden sie manchmal Quatsch. So wurde dieser - zweifellos schreckliche - Vorfall von manchen auch direkt wieder in eine „Es wird alles immer schlimmer“-Erzählung einsortiert. 

Ich bin - in Ermangelung von Musikfernsehen - zwischen elf und 16 mit einem sehr ungesunden TV-Programm voller Boulevard- und Regionalmagazinen aufgewachsen und dort wimmelte es nur so vor Mord, Totschlag, Gefängnisausbrüchen, Amokläufen, Geiselnahmen, Verkehrsunfällen und Ähnlichem. Für mich bestand die Welt also aus vielen schlimmen Dingen. Nach der Geiselnahme (Opens in a new window) in einem Bus bei einer Stadtrundfahrt in Köln, an die sich womöglich kaum jemand erinnern wird, der nicht direkt involviert war (Ihr könntet mich nachts wecken und nach dem Namen des Täters fragen, ich könnte sofort antworten), hatte ich Angst, Bus zu fahren. Über meine Erinnerungen an den Flugzeugabsturz in Remscheid und den Absturz eines Bundeswehrhubschraubers bei der Jugendmesse You habe ich in meinem Blog schon vor acht Jahren geschrieben (Opens in a new window). Und von dem Weltkriegs-Veteran, der 1964 mit einem selbstgebauten Flammenwerfer in eine Kölner Grundschule gegangen und dort acht Kinder und zwei Lehrerinnen getötet und 22 weitere Personen verletzt hatte (Opens in a new window), hörte ich vermutlich zum ersten Mal am 30. Jahrestag 1994.

Ich bin mir sicher, dass die Welt für meine Eltern, Geschwister und Mitschüler*innen, die nicht so besessen vor dem Fernseher saßen wie ich, deutlich anders aussah. Dass sie von den meisten dieser Geschichten wenig bis gar nichts mitbekommen hatten. An den Fakten hätte das nichts geändert; die Opfer der Verbrechen und Unfälle waren immer noch tot und verletzt, aber alle, die nichts davon erfahren hatten, lebten ein entspannteres Leben. Und wir sprechen hier von den 1990er Jahren, als das Privatfernsehen bereits in voller Blüte stand.

Was ich meine, ist: Wenn etwas Schreckliches passiert, bedeutet das nicht automatisch, dass alles immer schlimmer wird. Schlimm war es ja immer schon (mindestens (Opens in a new window) zwei (Opens in a new window) große Gründungsmythen unserer mitteleuropäischen Kultur enthalten jeweils einen sehr frühen Brudermord), aber eben auch gut — häufig irgendwie gleichzeitig.

Was hast Du veröffentlicht?

In meiner kleinen Musiksendung bei Coffee And TV habe ich mich auf die Suche nach dem Sommerhit 2024 gemacht und einige Vorschläge mitgebracht — jetzt zu hören bei Spotify (Opens in a new window).

Ergänzend dazu habe ich eine Sommer-Playlist (Opens in a new window) zusammengestellt, die Euch durch einen hoffentlich schönen und warmen Sommer begleiten soll.

Für Übermedien habe ich über ein Wort geschrieben, das früher die Nachrichten beherrschte, dort heute aber kaum noch vorkommt: „Bonn.“ (Opens in a new window) So hieß die Bundeshauptstadt, als ich klein war, und ich erinnere an die „Hardthöhe“, den „Langen Eugen“ und Bundesaußenminister Genscher.

Was hast Du gehört?

Bei Fresh Air war Ahmir „Questlove“ Thompson zu Gast (Opens in a new window), um mit Terry Gross über sein neues Buch über die Geschichte des Hip-Hop zu sprechen. Es geht aber auch um seine relativ behütete Kindheit, die er als Privileg empfindet, um Männer, die über ihre Emotionen sprechen, und um gesellschaftlichen Fortschritt, und es ist einfach ein wunderschönes, kluges Interview.

Was hast Du gesehen?

Im Schauspielhaus Bochum war ich in „Das neue Leben“ (Opens in a new window), einer Inszenierung von Christopher Rüping nach einem autobiographischen Text von Dante Alighieri. Wer im Theater nach „Handlung“ fragt, soll zur Antwort bekommen: Als Neunjähriger verliebt sich der junge Dante in ein Mädchen, das er erst neun Jahre später wiedersieht. Statt sie anzusprechen, himmelt er sie aus der Ferne an, bis sie einer Epidemie zum Opfer fällt und sich der Autor auf den Weg durchs Fegefeuer macht, um seine Angebetete noch einmal wiederzusehen.

Christopher Rüping hat das Stück aber mit (relativ) modernen Popsongs verschnitten, deren Lyrics die Handlung weitererzählen. Die Hauptrolle ist auf vier Schauspieler*innen aufgeteilt, die alle auf ihre ganz eigene Art brillieren können. Die komplette Inszenierung wirkt, als sei sie exakt für mich erschaffen worden — und es war wirklich das Beste, was ich je auf einer Theaterbühne gesehen habe. Ich habe breit gegrinst, mit heruntergeklapptem Kiefer die Bühnentechnik bestaunt (Nerd-Alarm, ich weiß!) und am Ende geweint. Klare Empfehlung, wenn es wieder auf dem Spielplan steht!

Was hast Du gelesen?

Christian Stöcker hat sich bei „Spiegel Online“ (Opens in a new window) an Politikern abgearbeitet, die seit Jahrzehnten von Steuergeldern leben und von der Bevölkerung (also den Steuerzahler*innen) fordern, mehr zu arbeiten.

Der Jugend-Aktivist Wolfgang Gründinger hat beliebte und weit verbreitete Kritikpunkte an Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft (Opens in a new window). Eine schöne Handreichung, falls man mal wieder auf Facebook mit Menschen diskutieren möchte. (Hahahahahaha.)

Was hast Du gelernt?

94,3 Prozent der Personen mit Migrationsgeschichte leben in Westdeutschland und Berlin (Bundeszentrale für politische Bildung (Opens in a new window), via den Stöcker-Text bei „Spiegel Online“).

https://youtu.be/GvvCH5tofZE?feature=shared (Opens in a new window)

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Habt ein schönes Wochenende!

Always Love, Lukas

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