Ratschläge sind auch nur “Schläge”
Neulich erreichte mich eine Nachricht von einem meiner Online Club Mitglieder. Da ich selbst diese Situation schon häufig erlebt habe und ich sehr sicher bin, dass auch du schon mal mit einem Ratschlag konfrontiert wurdest, der sich eher wie ein “Schlag” statt eine gezielte Hilfe angefühlt hat, habe ich mich dazu entschlossen, diesem Thema einen Platz in meinem Online Magazin zu geben.
Hier die Nachricht meines Online Club Mitglieds:
“Ich war mit einer Bekannten und deren Hündin spazieren.
Ihre Hündin hat keinen ausgeprägten Jagdtrieb und konnte während des Spaziergangs ohne Leine laufen und auch das Pause machen an einer Bank, war für diese Hündin kein Problem.
Bei meinem Mädel war das anders. Ich konnte sie nur in kurzen Frequenzen frei laufen lassen und auch die Pausensituation war eine große Herausforderung für sie. Mein Mädel konnte gar nicht herunterfahren. Vermutlich zu viele Reize an einem fremden Ort? … Deckentraining etc. haben wir noch kaum geübt. Trotzdem hab ich es versucht und mein Mädel mit liebevoller Stimme begleitet.
Meine Bekannte meinte daraufhin, dass ich zu nett sei und mein Mädel das ausnutzen würde. Ich soll sie sofort wieder an den Boden runterdrücken, sobald sie weiter will.
Ich will aber so gut es mir möglich ist, nett zu meinem Mädel sein und sie liebevoll begleiten, da ich davon ausgehe, dass es ihr hier einfach zu viel war.”
Ich lieb übrigens den letzten Absatz der Nachricht sehr.
Aber nun meine ausführliche Antwort:
Das Mädel, um das es in der Nachricht geht, gehört einer Rasse an, die zur Jagd gezüchtet wurde. Einen Jagdhund mit einem nicht sehr ambitionierten Jäger, wie der Hündin der Bekannten, zu vergleichen, ist als würde ich einen Goldfisch fragen, warum er nicht so gut klettern kann wie ein Schimpanse. Das macht schlicht keinen Sinn. Entsprechend kann ich von beiden Individuen nicht dieselbe Leistung erwarten und ein Vergleich macht so absolut keinen Sinn.

Das Mensch-Hund-Team ist in einer fremden Umgebung mit einem anderen Team unterwegs. Das alleine ist für das Mädel schon eine aufregende Sache; kommen dann noch tolle Wilddüfte etc. hinzu, dann ist es für dieses Team wirklich schon wahnsinnig toll, dass überhaupt kurze Frequenzen im Freilauf möglich waren. Der Spaziergang an sich, lief bestimmt auch nicht wie gewohnt ab - das Fraule und die Bekannte haben sich sicherlich unterhalten und damit lag der Fokus einfach nicht nur auf dem Mädel, dass vermutlich schon früher eine Pause aufgrund von Reizüberflutung gebraucht hätte. Also ja, genau das, was das Fraule in ihrer Nachricht an mich bereits vermutet hat. Bauchgefühl rockt!
Der Ratschlag, das Mädel direkt wieder auf den Boden zu drücken, wenn es während der Pause nicht zur Ruhe kommt… Ja, kannst du machen. Aber dann bringt die Pause eben nicht den gewünschten Effekt, den ich mir für jedes Mensch-Hund-Team wünsche - eine Pause soll dazu beitragen, dass Mensch und Hund Kräfte sammeln können; dass diverse Reize gut verarbeitet werden und dass die Nervenkapazitäten für die weitere Spazierstrecke gestärkt werden. Mit erzwungener Ruhe erreichst du dieses Ziel nicht. Auf den ersten Blick mag es anders aussehen, schaust du dann aber genauer hin, erkennst du vielleicht Übersprungshandlungen, höhere Erregungslage & Reizbarkeit… oder wenn du Pech hast, eines Tages gesundheitliche Themen, die dann aber natürlich keiner mehr mit den aversiven Trainingsmaßnahmen in Verbindung bringen will. Eine Pause darf übrigens je nach Mensch-Hund-Team und der jeweiligen Tagesform ganz unterschiedlich aussehen. Die einen können direkt zusammen hinsitzen und die Gegend anschauen, die anderen brauchen vielleicht etwas zu knabbern oder möchten sich während der Pause in einem gewissen Leinenradius bewegen und jeden Grashalm des Pausenplätzchens abschnüffeln usw. - so individuell wie Mensch-Hund-Teams sind, so individuell kann auch die Pause aussehen, die Mensch und Hund gut tut.
Der Ratschlag, das Mädel immer wieder auf den Boden zu drücken, bis es nicht mehr aufsteht, hilft in der Situation also weder dem Fraule noch ihrem Mädel - ganz im Gegenteil, hier wird eher noch zusätzlich Druck aufgebaut und die Trainingsmethode schlecht geredet. Eindeutig ein Schlag…
Dass das Mädel bewusst ausnutzt, dass ihr Fraule “zu nett” ist, ist schlicht eine grobe Vermenschlichung. Hunde haben die kognitiven Eigenschaften von ca. 3 jährigen Kindern; ihr Gehirn kann nicht so komplex denken, wie unseres; sie lernen Kontext- & Personenbezogen; sie handeln in erster Linie für sich selbst und nicht gegen ihre Bezugsperson. Können sie in einer Situation nicht das vom Menschen erwünschte Verhalten zeigen, dann haben Hunde hierfür immer einen guten Grund. In dem Fall meines Online Club Teams sehr wahrscheinlich Reizüberflutung und damit verbunden hohes Stress- & Erregungslevel. In diesem Zustand fühlt sich übrigens kein Hund richtig gut - genauso wenig, wie sich ein Mensch in diesem Zustand wohlfühlen würde. Hätte das Fraule auf den Ratschlag der Bekannten gehört, hätte sie für das Mädel, dem es eh schon nicht gut ging, noch etwas Negatives hinzugefügt. Stell dir mal vor, dir geht es nicht gut und statt eines Versuchs, dir zu helfen, wirst du von deinem/ deiner Partner/in angeblafft, du sollest dich nicht so anstellen. Wie würdest du dich fühlen? Was würde das auf Dauer mit eurer Beziehung machen, wenn sich diese Situation immer und immer wiederholen würde?
Wenn man in den Grundsätzen nicht übereinstimmt, kann man einander keine Ratschläge geben.
Konfuzius
Du kannst manche Umweltbedingungen und deine Mitmenschen nicht ändern. Es wäre so schön, wenn statt Ratschlägen Fragen kämen… wie z. B. “Wie kann ich dich und deinen Hund gerade unterstützen, so dass es euch besser geht?”. Vielleicht eines Tages… bis dahin kannst nur du selbst etwas verändern. Hör auf dein Bauchgefühl, tausche dich mit Gleichgesinnten aus, kommuniziere klar deine Grenzen und lass dich von ungebetenen Ratschlägen nicht verunsichern, sondern reflektiere und brainstorme mit Menschen, denen du in diesem Bereich Vertrauen schenkst.

Vielen Dank, dass du dir Zeit genommen hast, diesen Text zu lesen!
Ein großes Dankeschön auch an meine Online Club Mitglieder, die mir das Vertrauen schenken, ihr “Safeplace” in allen Fragen rund um ihren Alltag mit Hund zu sein!
Wenn du das auch möchtest, dann schau dir gerne mal alle Infos rund um den Online Club an. Neben monatlichen Webinaren, steh ich dir hier nahezu unbegrenzt als Ansprechpartnerin zur Seite.
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Hab einen wunderschönen Tag! Ganz liebe Grüße, deine Nadine