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Vergiss alles, was du über Emotionen weißt

Jeden Freitag erzähle ich dir von Erkenntnissen aus Neurowissenschaft und Psychologie, die du kennen solltest. Heute starten wir eine neue Mini-Serie über Gefühle.

Wie du vielleicht weißt, fahre ich jedes Jahr im Sommer für zwei Wochen mit 150 Kindern und Jugendlichen ins Zeltlager. Die Zelte liegen mitten im Naturschutzgebiet in Schleswig-Holstein, zwischen einem glasklaren See und einem dichten Wald. Wir fahren Kanu, machen Nachtwanderungen, spielen Fußball, Basketball, Volleyball, rennen für eine Rallye quer durch den Wald und backen Stockbrot überm Lagerfeuer.

Diese zwei Wochen sind wie ein Ausflug in eine ganz eigene Welt. Nachrichten, Alltagsprobleme, all das ist während der Zeit am See egal. Am letzten Tag machen wir immer ein großes Lagerfeuer. Alle Kinder und Betreuer stellen sich in einem großen Kreis um das Feuer herum auf, wir reichen zwei große Fackeln von Person zu Person weiter, bis sie schließlich am Feuer ankommen. Die ersten Äste fangen Feuer, im Hintergrund läuft Gitarrenmusik.

Wenn ich da stehe, nach zwei Wochen am Ende meiner Kräfte, kommt jedes Jahr dieser Moment, an dem ich meine Tränen nicht mehr halten kann. Dass die zwei Wochen schon wieder vorbei sind, macht mich traurig. Und jedes Jahr schaue ich mich um und blicke in die Gesichter der Betreuer:innen und Kinder und weiß: Denen geht es genauso. Bei den meisten von ihnen sehe ich die gleichen Tränen. Wir fühlen das Gleiche. Emotionen scheinen tief in uns verdrahtet zu sein, sie setzen reflexartig ein, wenn sie getriggert werden. Und sie scheinen bei jedem von uns da am Feuer das Gleiche auszulösen: Tränen oder zumindest sehr, sehr glasige Augen. Meine Traurigkeit ist die Traurigkeit der anderen Betreuer:innen ist die Traurigkeit der Kinder.

Das dachte ich jedenfalls. Denn genauso fühlt es sich an. Die Menschheit hat Traurigkeit und andere Emotionen seit über zweitausend Jahren auf diese Weise verstanden. Aber wenn ihr etwas aus den letzten 1,5 Jahren Das Leben des Brain gelernt habt, dann: Dinge sind nicht immer so, wie sie scheinen.

Wir starten heute eine neue Mini-Serie über Emotionen. Denn die Hirnforschung der letzten Jahre deutet darauf hin, dass unser allgemeines Verständnis davon, was Emotionen sind, wie wir sie erkennen, was sie mit uns machen und was wir aus ihnen schlussfolgern, nun: falsch ist.

Die klassische Sicht auf Emotionen …

Die Geschichte, die Wissenschaftler:innen seit einer Ewigkeit erzählt haben, ging ungefähr so:

Emotionen sind von Geburt an in uns eingebaut. Wenn in der Welt etwas passiert – ob ein lauter Knall oder ein Lachanfall von der Person neben uns – schalten sich unsere Emotionen schnell und automatisch ein, als ob jemand einen Schalter umgelegt hätte. Unsere Gefühle sind eine Reaktion auf das, was passiert. Unsere Emotionen zeigen sich in unserem Gesicht; mal durch Lächeln, mal durch Stirnrunzeln, wir gucken böse, erleichtert, und jeder kann erkennen, was wir gerade fühlen. Unsere Stimmen verraten unsere Emotionen durch Lachen, Schreien und Weinen. Unsere Körperhaltung verrät unsere Gefühle mit jeder Geste.

Nach dieser Ansicht setzte das Lagerfeuer im Zeltlager bei mir und den anderen eine Kettenreaktion in Gang. Eine bestimmte Gruppe von Neuronen (nennen wir sie den „Traurigkeit-Schaltkreis“) wurde aktiviert und sorgte dafür, dass mein Gesicht und mein Körper auf eine bestimmte Weise reagierten. Meine Stirn legte sich in Falten, meine Schultern hingen herab, meine Lippen bibberten leicht und ich weinte. Dieser Neuronen-Schaltkreis löste auch physische Veränderungen in meinem Körper aus: Mein Herzschlag und meine Atmung beschleunigten sich, meine Schweißdrüsen wurden aktiv, meine Blutgefäße verengten sich. Was in meinem Gesicht, mit meinem Körper und in meinem Gehirn passierte, ist wie ein Fingerabdruck der Emotion „traurig“. Und dieser ist genauso eindeutig wie ein echter Fingerabdruck, der nur dir zuzuordnen ist.

All das kann man zusammenfassen als die „klassische Sicht auf Emotionen“. Demnach sind unsere Emotionen Artefakte der Evolution, sie haben uns dabei geholfen zu überleben. Und sie sind universell: Alle Menschen, egal wie alt, wo sie leben, in welcher Kultur sie aufgewachsen sind, welches Geschlecht sie haben, erleben Traurigkeit so wie ich, wenn ich am Lagerfeuer stehe. Wir haben die gleichen körperlichen Reaktionen (weinen) und die gleichen Hirnregionen werden aktiviert.

… stimmt nicht

Obwohl die führenden Wissenschaftler:innen Hunderte von Jahre davon ausgingen, dass das stimmt und Emotionen universell sind, scheint diese Theorie falsch zu sein. Bisher wurde nicht ein einziger konsistenter, physischer Fingerabdruck für auch nur eine einzige Emotion gefunden. Nicht im Gesicht, nicht im Körper und nicht im Gehirn:

  • Du kannst dich freuen, ohne eine Miene zu verziehen.

  • Du kannst Wut mit oder ohne Blutdruckanstieg erleben.

  • Und du kannst Angst auch erleben, wenn deine Amygdala nicht aktiv ist, obwohl diese Gehirnregion historisch als „Sitz der Angst im Gehirn“ bezeichnet wird (ist sie nicht, dazu kommen wir in einer weiteren Ausgabe).

Die Neurowissenschaftlerin Lisa Feldman Barret stellt in ihrem Buch How Emotions Are Made eine alternative Theorie vor, was Emotionen sind. Eine, die zu den neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen passt – und nicht zu einer uralten Idee.

Sie schreibt:

„Emotionen sind nicht universell, sondern variieren von Kultur zu Kultur. Sie werden nicht ausgelöst, sondern wir erzeugen sie. Sie entstehen aus einer Kombination der physischen Eigenschaften unseres Körpers, eines flexiblen Gehirns, das sich auf die Umgebung einstellt, in der es sich entwickelt, und unserer Kultur und Erziehung, die diese Umgebung schaffen. Emotionen sind real, aber nicht in dem objektiven Sinne, wie Moleküle oder Neuronen real sind. Sie sind real in demselben Sinne, in dem Geld real ist – also keine Illusion, sondern ein Ergebnis menschlicher Übereinkunft.“

Wenn das alles kontraintuitiv klingt: Ging mir auch so. Vielleicht denkst du: Das kann ja alles sein, aber es fühlt es schlussendlich eben doch so an, als wären Emotionen universell. Warum sonst solltest du allein durch den Blick ins Gesicht eines guten Freundes erkennen, dass er wütend ist? Nun, die Antwort ist: Das kannst du nicht. Niemand kann das. Wir sind unfassbar schlecht darin, anhand von Gesichtern zu erkennen, was jemand fühlt. Weil Gesichter das gar nicht verraten. Nächste Woche stelle ich Studien vor, die dich anders in die Gesichter deiner Mitmenschen blicken lassen.

Blickt voller Vorfreude auf die Studien und Erkenntnisse der kommenden Ausgaben: Euer Bent 🫶🏻🧠

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