Eine bayerische Kindheit

Sissi wurde am 24. Dezember 1837 als Kind des bayerischen Herzogs Max und seiner Frau Ludovika in München geboren. Die Freude der Eltern und Anverwandten war groß, hatte doch nach dem erstgeborenen Stammhalter Ludwig und der nachfolgenden Tochter Helene nun ein drittes Kind wohlbehalten und gesund das Licht der Welt erblickt. Und es schien, als sollte das Leben des Neugeborenen unter einem guten Stern stehen. Denn nicht nur der weihnachtliche Geburtstag galt im katholischen Bayern als Besonderheit. Sissi war auch ein Sonntagskind und darüber hinaus mit einem Zahn zur Welt gekommen - ein Glückskind, wie es in der Familie hieß.

Gespannte Erwartungen und Gesprächsstoff über die Zukunft der Kleinen gab es daher genug, als den damaligen Gepflogenheiten gemäß die hochadlige Verwandtschaft sich kurz nach der Geburt aufmachte, Mutter und Kind ihre Aufwartung zu machen. Wohl keiner der zahlreichen Gratulanten wird jedoch auf die Idee gekommen sein, dass die kleine Elisabeth Amalie Eugenie, wie sie am 26. Dezember getauft wurde, einmal den mächtigen Herrscher des Habsburger Reiches heiraten und an der Seite Franz Josephs I. die österreichische Kaiserkrone tragen sollte. Sissi selbst war eine echte Wittelsbacherin und zwar sowohl mütterlicher- wie auch väterlicherseits. Seit 700 Jahren herrschte das Geschlecht der Wittelsbacher über Bayern und in diesem Zeitraum hatte es sich in zahlreiche Linien verzweigt. Sissis Mutter Ludovika gehörte der Birkenfeld-Zweibrückener Linie des Hauses an, die das Land seit Ende des 18. Jahrhunderts regierte. Dieser Familienzweig war 1805 vom Herzogsstand in den Königsstand erhoben worden. Ludovika war also eine echte Königstochter, und nach ihrem Vater Maximilan I. saß zur Zeit der Geburt Sissis ihr Bruder Ludwig I. auf dem bayerischen Königsthron. Ludovika hatte zahlreiche Schwestern, die alle glänzende Partien gemacht hatten. Zwei von ihnen, die Älteste, Karoline, sowie die für Sissis Zukunft später so bedeutsame Sophie hatten an den Habsburger Kaiserhof geheiratet; zwei weitere, Marie und Amalie, waren an den sächsischen Königshof vermählt worden, und die fünfte Schwester Elise sollte später an der Seite ihres Mannes Friedrich Wilhelm IV. die Königin von Preußen werden.

Nur die jüngste Königstochter Ludovika musste sich mit einem weniger prunkvollen Leben zufrieden geben. Denn ihr Ehemann Max gehörte keinem der deutschen Herrscherhäuser an, sondern stammte aus der nicht souveränen wittelsbachischen Nebenlinie der Pfalzgrafen von Birkenfeld-Gelnhausen. Erst Ende des 17. Jahrhunderts war dieser Zweig des Hauses Wittelsbach von dem Pfalzgrafen Johann begründet worden und hatte gut hundert Jahre lang neben der Herrscherfamilie ein wenig beachtetes Schattendasein geführt. Erst der Vater Ludovikas, Maximilian, hatte sich seinem Gelnhausener Vetter Wilhelm, dem Großvater von Max, zugewandt und ihm für seine zahlreichen Dienste 1799 den Herzogstitel verliehen. Allerdings nur den eines Herzoges in Bayern, denn es konnte nur einen Herrscher geben und nur der durfte den Titel Herzog von Bayern tragen. Zum Zeichen seiner Gunst gab er schließlich dem Gelnhausener Stammhalter Max seine jüngste Tochter Ludovika zur Frau und schenkte beiden zur Hochzeit das prachtvoll ausgestattete Herzog-Max-Palais in München, das er eigens für Tochter und Schwiegersohn hatte bauen lassen.

Durch die Verleihung des Herzogstitels wie auch die eheliche Verbindung mit dem Königshaus wurde das Ansehen der Gelnhausener Linie entscheidend aufgewertet. Dennoch blieben die Herzöge in Bayern letztlich die armen Verwandten des Wittelsbacher Herrscherhauses, die - ohne Fürstensitz und ohne Herrschafts- und Repräsentationsaufgaben - nur von den Familieneinkünften lebten und von dem Wohlwollen des bayerischen Königs abhängig waren. Denn trotz seiner Wertschätzung für die Gelnhausener achtete Maximilian I. streng darauf, dass die Rangunterschiede zwischen beiden Familienzweigen stets gewahrt blieben.

Die beiden Wachoffiziere aus den bayerischen Regimentern, die er vor dem Herzog-Max-Palais postieren ließ, sollten nicht die Stellung des Herzog Max in Bayern erhöhen, sondern galten dem königlichen Rang seiner Frau. Denn Ludovika behielt auch nach ihrer Hochzeit den Titel »Königliche Hoheit, während es für Herzog Max wie auch für die gemeinsamen Nachkommen ausdrücklich beim Titel Hoheit bleiben sollte. Erst Maximilians Sohn Ludwig I., der seinem Schwager herzlich zugetan war, brach mit dieser Praxis und gestand 1845 allen Mitgliedern des Herzogshauses den Titel »Königliche Hoheit bzw. Prinz und Prinzessin zu. Mit dieser Erhöhung des fürstlichen Ranges waren jedoch weder die Zuteilung einer eigenen Landesherrschaft, noch ein sonstiger Gewinn an Besitz oder Vermögen verbunden. Der neue Titel war eine Ehre, doch änderte er nichts an der Kluft, die zwischen beiden Familienzweigen in Bezug auf Rang, Macht und Ansehen bestand. Ludovikas Haltung zu dieser Heirat unter Stand war stets zwiespältig. Einerseits bedeutete es für die Königstochter eine tiefe Schmach, nur einen kleinen Herzog ohne Land zum Ehemann zu haben. Zeit ihres Lebens bewunderte sie daher ihre älteren Schwestern, die an hochherrschaftlichen Königs- oder Kaiserhöfen brillierten. Andererseits aber war die bayerische Herzogin mit dem relativ bescheidenen Leben, das ihr Max bieten konnte, durchaus zufrieden. Denn Ludovika war im Grunde ihres Herzens eine einfache und schlichte Frau, ein bisschen »angebauerlt«, wie sie später selbst einräumen sollte. Höfisches Zeremoniell und demonstrative fürstliche Machtentfaltung flößten ihr nicht nur Widerwillen, sondern geradezu Angst ein, und so war sie überaus erleichtert, dass sie als Herzogin in Bayern keinerlei repräsentative Verpflichtungen übernehmen musste.

Weniger zufrieden war sie indes mit Person und Charakter ihres Ehemannes. Zeitgenossen beschrieben Ludovika in ihrer Jugend als geradezu »junonische Schönheit«, und es hatte weiß Gott nicht an Bewerbern um ihre Hand gefehlt. Hätte sie selbst wählen dürfen, so hätte sie sich für den Prinzen Miguel von Braganza, den späteren König von Portugal entschieden, in den sie sich als Siebzehnjährige stürmisch verliebt hatte.

Allerdings wurde Ludovika nicht gefragt. Die Ehe zwischen ihr und Herzog Max war schon im Kindesalter beschlossen worden, und so musste die Achtzehnjährige 1824 schweren Herzens den Weg zum Traualtar antreten. Dabei hätte sich die pflichtbewusste Königstochter mit einer Vernunftehe, die zwar nicht auf Neigung, wohl aber auf einem stillen Einverständnis beider Partner beruhte, durchaus abgefunden. Die Ehe mit Herzog Max stand aber selbst in dieser Hinsicht unter einem unglücklichen Stern. Beide Ehegatten kannten sich schon vor der Hochzeit und waren sich alles andere als sympathisch. Die Ehestifter, Herzog Wilhelm und König Maximilian, kümmerte dieser Sachverhalt allerdings wenig. Als man Wilhelm noch vor der Heirat davon unterrichtete, dass die beiden jungen Leute wenig Gefallen aneinander fanden, antwortete er nur: »Das ist ziemlich egal. Sie werden sich schon lieben lernen.« Im Falle von Ludovika und Max sollte dieser Lernprozess gut ein halbes Jahrhundert dauern. Erst nach der goldenen Hochzeit, so berichtete Ludovika später einmal ihren Enkeln, sei Max das erste Mal gut zu ihr gewesen.

In Bezug auf die Lieblosigkeit gegenüber seiner Ehefrau ist Max ein deutlicher Vorwurf zu machen. Ansonsten aber ist es schwer, hier von Schuld oder Unschuld zu reden. Denn beide Ehepartner waren einfach zu gegensätzlich. Sie lebten in verschiedenen Welten: Ludovika fühlte sich in ihrer zurückgezogenen Häuslichkeit am wohlsten. Sie ging voll in ihrer Mutterrolle auf und widmete sich ganz der stetig wachsenden Kinderschar, die sie liebevoll umhegte und pflegte. Die wenige verbleibende freie Zeit widmete sie ihrer Uhrensammlung, strickte Strümpfe oder las in Missionskalendern über fremde Länder. Musische, literarische oder politische Interessen waren ihr völlig fremd. Max dagegen war ein weltläufiger und gebildeter Mann. Er hatte in seiner Jugend einige Semester an der Münchner Universität studiert - eine Seltenheit unter den Adeligen seiner Zeit - und seine stattliche Bibliothek umfasste an die 27.000 Bände, vorwiegend historischen Inhalts. Trotz dieser Gelehrsamkeit war der bayerische Herzog jedoch alles andere als eine trockene, papierne Schreibtischexistenz. Geradezu bedauernd blickte er auf die »ruheliebenden Geschöpfe«, zu denen er zweifelsfrei auch seine Frau Ludovika zählte, »die Leibeigenen ihrer Gewohnheiten, die in der Regel das Leben und die Menschen und deren Sitten nur aus toten Büchern oder durch die dritte Hand kennen zu lernen glauben«. Nein, Max war alles andere als ein Stubenhocker, und seit seiner Jugend stand für ihn fest, dass er das Leben bis zur Neige auskosten würde. Das Münchner Nachtleben, Zirkus und Theater, Wandern und Reisen - alles, was nach Freiheit und Abenteuer roch - übte eine unwiderstehliche Faszination auf ihn aus. Und da er keinerlei höfische Verpflichtungen und Ämter hatte, hatte er auch Muße und Zeit genug, sich seinen Vergnügungen zu widmen. Schon den Zwanzigjährigen trieb es nach Frankreich, England und Belgien. Und auch nach seiner Heirat gab er das Reisen nicht auf. Anfangs begleitete ihn Ludovika noch auf den monatelangen Visiten in die Schweiz, nach Florenz, Rom und Sizilien. Aber für ein derart unstetes Wanderleben war die Herzogin nicht geschaffen. Nach der Geburt der beiden Kinder Ludwig und Helene richtete sie sich in einer ruhigen Familienexistenz ein, was Max allerdings nicht hinderte, nun auf eigene Faust durch die Welt zu vagabundieren.

Am 20. Januar 1838, kaum einen Monat nach Sissis Geburt, erfüllte er sich dann seinen lang gehegten Jugendtraum: eine Reise in den Orient. »Es trieb mich ein unwiderstehliches Gefühl, ein nicht zu besiegendes Drängen aus der ewigen Einförmigkeit des bis zur Unbequemlichkeit bequemen Alltagslebens, bei welchem man nicht mehr lebt, sondern nur vegetiert; denn ein Daseyn ohne Schatten und Licht gleicht einem schaalen Gemälde, das spurlos an der Wand eines Zimmers verbleicht«, so fasste er später die Motivation für diese Reise zusammen, womit er gleichzeitig eines der treffendsten Portraits lieferte, das je von ihm gezeichnet wurde.

Die Orientreise war ganz nach dem Geschmack des abenteuerlustigen Herzogs. Von Triest aus ging es mit dem Schiff nach Korfu, Patras und Athen und von da nach Alexandrien. In Kairo wurde die kleine Reisegesellschaft fürstlich vom Vizekönig Mehmet Ali empfangen und beherbergt. Dann reiste man auf dem Nil weiter nach Oberägypten, wo man am Fuße der Cheopspyramide eine musikalische Zitherdarbietung bot, durchstreifte anschließend mit einer Kamelkarawane die Libysche Wüste und machte sich von dort auf den Weg nach Jerusalem, wo Max zum Ritter vom Heiligen Grabe geschlagen wurde. Hitze und Kälte, schweren Stürmen, unzähligen Gefahren und nicht zuletzt der Pest galt es zu trotzen. Als der bayerische Herzog nach achtmonatiger Abwesenheit am 17. September 1838 wieder wohlbehalten in München eintraf, hatte er nicht nur unzählige Geschichten und Geschenke im Gepäck, sondern auch vier junge Schwarze, die er auf dem Sklavenmarkt in Kairo gekauft hatte und die zum Entsetzen Ludovikas nun als Kammerdiener, Gärtner und Spielgefährten ihrer Kinder Teil des herzoglichen Haushalts wurden.

Zurück in München gab sich Max sesshafter, ohne jedoch Frau und Kindern sonderlich viel Zeit zu widmen. Stattdessen lebte er nun seine musikalischen und literarischen Neigungen aus. Ernsthaft begann er, sich dem Zitherspiel zu widmen, und brachte es dabei zu beachtlicher Virtuosität, die sich nicht nur das Spielen, sondern auch auf das Komponieren zahlreicher Tänze und OriginaI-Zither-Ländler erstreckte. Daneben verfasste er einen Reisebericht, die »Wanderung nach dem Orient«, der 1839 erschien und machte auch vor schriftstellerischen Versuchen nicht halt. Unter dem Pseudonym Phantasus veröffentlichte er zahlreiche - wenngleich nicht unbedingt hochkarätige - Novellen, Gedichte, Theaterstücke und Boulevardkomödien. Mit seiner Liebe zur Kunst und Musik war er nicht alleine. Sieht man von Ludovika ab, so hatten fast alle Wittelsbacher mehr oder weniger ausgeprägte musische und künstlerische Neigungen und Talente. Am bekanntesten ist der Kunstsinn des späteren Bayernkönigs Ludwig IL, der phantastische Schlösser bauen ließ und den großen Komponisten Richard Wagner förderte. Aber auch Max' Schwager Ludwig I. war von einer wahren Bauwut besessen, der München bis heute zahlreiche Prachtbauten verdankt. Daneben hatte er eine riesige Gemäldesammlung und griff in jeder freien Minute zur Feder. Seine Gedichte waren allerdings noch schlechter als die des bayerischen Herzogs. Aber um künstlerische Brillanz ging es Ludwig I. auch gar nicht. Er wollte einfach seinen Sinn fürs Schöne ausleben, und davon zeugt noch heute seine Schönheitsgalerie - zwanzig, von ihm in Auftrag gegebene Portraits der attraktivsten Frauen seiner Zeit, in der die aristokratische Fürstentochter gleichberechtigt neben dem anmutigen Bauernmädchen steht.

Diesem Hang zur Schönheit widmete Ludwig nicht nur Unsummen an Geld, so dass in der Münchner Residenz das Gerücht umlief, die königliche Familie sei nunmehr dazu übergegangen, nur noch Schwarzbrot zu essen, sie sollte ihn schließlich auch den Thron kosten. Denn nicht zuletzt aufgrund seiner Affäre mit der rassigen irischen Tänzerin Lola Montez musste er im Revolutionsjahr 1848 abdanken und den Thron für seinen Sohn und Nachfolger Maximilian II. räumen. Trotz dieses exzentrischen Schwagers war Herzog Max der bei weitem populärste Wittelsbacher seiner Zeit. Seine Bodenständigkeit und Volkstümlichkeit waren weithin bekannt. Er war ein begeisterter Wanderer und Naturliebhaber, der sich auf seinen langen Spaziergängen nur zu gerne unters Volk mischte und mit ihm in breitester bayerischer Mundheit parlierte. Zu seinen größten Vergnügungen zählte es aber, incognito über die Dörfer zu reisen und in Dorfwirtshäusern den Gästen auf seiner Zither vorzuspielen. Und als er 1846 auch noch eine Sammlung oberbayerischer Volkslieder herausgab, der bald darauf noch eine Auswahl bayerischer Posthornklänge folgte, wurde sein Ruhm nahezu unermesslich.

Dieselbe Offenheit, die Max beim Umgang mit der einfachen bayerischen Landbevölkerung zeigte, bewies er aber auch bei der Wahl seines engeren Freundeskreis. Denn ganz entgegen den adligen Gepflogenheiten seiner Zeit, achtete der bayerische Herzog wenig auf Rang und Vermögen seiner Freunde. Bar jeden Standesdünkels, waren ihm Originalität und Esprit wichtiger als eine blaublütige Visitenkarte. Und so zählten neben einigen unkonventionellen Vertretern des Adels, geistreiche und trinkfeste Bürgerliche, Dichter, Musiker und Gelehrte zu seinen Freunden.

Zwei engere Kreise hatten sich mit der Zeit herausgebildet: die Gesellschaft Alt-England und die Tafelrunde des Herzogs. Erstere war nach einem gleichnamigen Gasthaus benannt, in dem sich die Lords regelmäßig zu feuchtfröhlichen Treffen zusammenfanden. Letztere versammelte sich in wöchentlichem Rhythmus im Herzog-Max-Palais, wobei der Hausherr als König Artus präsidierte. Die Treffen der Tafelrunde waren in München legendär. »Man erscheint in Straßentoilette«, so unterzeichnete Max eigenhändig die Einladung an seine »Ritter. Und dergestalt zwangslos liefen auch die Abende ab. Bis tief in die Nacht wurde fürstlich gespeist und gezecht, launige Gedichte verfasst, auf der Zither musiziert, Zoten gerissen, aber auch auf hohem Niveau diskutiert.

Ob dieser Freizügigkeit rümpfte der steife Münchner Hochadel die Nase. Aber selbst er konnte sich dem Charme und Unterhaltungstalent des Herzogs schwer entziehen. Denn Max brillierte nicht nur im kleinen Kreise. Seine großen Feste und Bälle, die er in regelmäßigen Abständen gab, ließ sich sogar die bayerische Königsfamilie nicht entgehen. Und was deren Unterhaltungswert anbelangte, so waren dem Einfallsreichtum des Herzogs keine Grenzen gesetzt: Maskenbälle, Balletteinlagen, Theateraufführungen, Korsofahrten, Pantomimendarbietungen, Feuerwerke und Humoresken fanden begeisterten Anklang und waren in München Stadtgespräch. Ja, er ließ im zweiten, eingeschlossenen Hof des Herzog-Max-Palais sogar einen kleinen Zirkus mit Logenplätzen und Sperrsitzen bauen, in dem er Hirschkühe über Barrieren springen ließ, Tanzparodien und Reiterquadrillen vorführte und selber stehend auf zwei Pferden als Kunstreiter glänzte. Seine Kinder verfolgten diese Vorstellungen mit leuchtenden Augen. Zu den Soupers und Gesellschaften, die er nebenher noch in seinen Räumen gab, waren sie jedoch nicht geladen - ebenso wenig übrigens wie Ludovika. Hier machte die Gattin seines Hofmarschalls, Frau von Heusler, die Honneurs. Ob die Verbindung zwischen ihr und Max noch tiefer ging, ist nicht bekannt. Sicher ist jedoch, dass der schneidige bayerische Herzog kein Kostverächter war. Zu zweien seiner unehelichen Kinder hat er sich offen bekannt - über die Dunkelziffer zu rätseln, gehörte zu den beliebtesten Themen des Münchner Klatsch und Tratsch.

Ludovika war die Treulosigkeit ihres Gatten ein stetes Ärgernis. Dennoch hielt sie ihr Schlafzimmer weiterhin für Max geöffnet. »Wenn er dann zu mir gekommen ist, hab' ich wohl gemeint, so, jetzt halt ich ihn. Aber - am anderen Morgen - huit, da war er wieder weg«, bekannte die Herzogin später einmal im Familienkreis. Halten konnte sie Max ihr Leben lang nicht, dafür aber blieben ihr die Kinder, und dank der regelmäßigen Besuche ihres Ehemanns, stieg deren Zahl stetig. Auf Ludwig, Helene und Sissi folgte 1839 ein zweiter Sohn, Karl Theodor, und nochmals drei Töchter, Marie, Mathilde und Sophie und schließlich 1849 der Jüngste, Max Emmanuel. Acht kleine Prinzen und Prinzessinnen bevölkerten das herzogliche Haus, und auch wenn sich Max nicht gerade aufopferungsvoll um sie kümmerte, so sorgte er doch für ein standesgemäßes Leben.

Möglich war das, weil Max 1837 nach dem Tod seines Vaters und Großvaters als neues Oberhaupt des Hauses Birkenfeld-Gelnhausen, nicht nur sämtliche Besitzungen und Vermögenstitel der Familie geerbt, sondern auch das volle Anrecht auf die seiner Linie zustehende Jahresapanage von 250.000 Gulden erworben hatte. Angesichts der Tatsache, dass seiner Tochter Sissi als Kaiserin von Osterreich allein ein Taschengeld von 100.000 Gulden jährlich zur Verfugung stehen sollte, war diese Summe eher bescheiden. Allerdings reichte sie immer noch voll und ganz aus, die Extravaganzen des Herzogs, die Versorgung seiner Familie und die zwei herzoglichen Haushalte zu finanzieren. Denn schon 1834 hatte Max von dem Erbteil seiner Mutter das Schloß Possenhofen am Starnberger See erworben. Hier verbrachte die Familie die langen Sommermonate, während man im Winter in der Münchener Residenz, im Herzog-Max-Palais, wohnte.

Possenhofen war Sissis eigentliche Heimat. Von einem Schloß zu reden, war allerdings leicht übertrieben. Das Haus glich äußerlich eher einer großen Villa, und auch bei der Innenausstattung hatte man auf jedweden Prunk verzichtet und dafür umso mehr Wert auf zweckmäßige, familiäre Gemütlichkeit gelegt. Denn an einem steifen, repräsentativen Ambiente war weder Max noch Ludovika gelegen. Und noch in einer anderen Sache war sich das sonst so ungleiche Ehepaar einig: seiner Liebe zur Natur, die sich auch auf alle Kinder übertragen hat. Diese Naturverbundenheit hatte den Ausschlag für den Kauf Possenhofens gegeben. Denn das mit Weinreben und Efeu umrankte Landschlösschen lag inmitten einer herrlichen Landschaft. Vom Schloß aus hatte man einen wunderbaren Blick auf die Berge, und es gab einen riesigen Park, der bis an den Starnberger See reichte. Selbst Herzog Max entwickelte hier eine gewisse Sesshaftigkeit, und für die Kinder war Possenhofen das reinste Paradies. Unbeschwert tollten sie durch die Parkanlagen, kletterten auf Bäume und spielten Fangen, machten lange Ausritte, schwammen, ruderten, segelten und schleppten die zahlreichen Stallhasen, Katzen und Hunde, die jedes von ihnen besaß, durch die Gegend.

Auch die schwierige Ehe der Eltern konnte dieses unbeschwerte Kinderglück nicht trüben. Wenn Heim und Familie dem Herzog zu viel wurden, setzte er sich einfach für eine Zeit lang ab, und Ludovika lernte, mit den Eskapaden ihres Ehemannes zu leben. Zwar blieben die Gegensätze zwischen beiden unüberbrückbar, aber der Kinder wegen hatten sie einen Waffenstillstand geschlossen. Denn nicht nur Ludovika, sondern auch Max war seinem Nachwuchs herzlich zugetan. Im herzoglichen Haus herrschte ein warmer und vertraulicher Ton. Man sprach breitesten bayerischen Dialekt und hatte für alles und jedes, was einem teuer war, einen liebevollen Spitznamen bereit. Elisabeth nannten alle nur Sissi, bisweilen auch Sissy, zumeist aber Sisi geschrieben. Helene war Nené, Karl Theodor wurde Gackl gerufen, Mathilde hieß Spatz und Max Emmanuel Mapperl. Ludovika wurde von allen nur Mimi genannt, und das geliebte Possenhofen war Possi. Ein herzliches Einvernehmen herrschte jedoch nicht nur unter den Geschwistern, sondern auch gegenüber anderen Kindern. In München waren die Söhne und Töchter der bürgerlichen Freunde von Max willkommene Spielgefährten, und in Possenhofen tobte der herzogliche Nachwuchs mit den Bauernkindern durch die Gegend. Ludovika wird diesen Umgang nicht unbedingt begrüßt haben, aber auch hier setzte sich schließlich die Offenheit und liberale Gesinnung des Herzogs durch.

Selbst in den stürmischen Zeiten des Revolutionsjahres 1848, als Macht und Einfluss des Adels in Frage gestellt wurden, behielt die herzogliche Familie diese Liberalität bei. Die königliche Familie hatte sich damals vor den Straßenunruhen und Tumulten des Märzaufstandes in das Herzog-Max-Palais geflüchtet, woraufhin die Revolutionäre sich dort versammelten. Das Ganze verlief zunächst friedlich ab, nicht zuletzt dank der großen Popularität des Hausherrn. Dennoch war nicht sicher, wie lange dieser Zustand anhalten würde. In dieser Situation trat die älteste Tochter des Herzogs, Helene, eigentlich das standesbewussteste unter den Kindern, auf den Balkon und rief den Aufständischen zu: »Brüder gegen Brüder!« Dieses Verbrüderungsangebot von einer Fürstentochter kam für die Bürgerlichen überraschend, blieb jedoch ohne Folgen. In diesem Moment aber dürfte Helene sich des ganzen Stolzes ihres Vaters sicher gewesen sein.

Der liberale Stil von Max prägte nicht nur den Umgang, sondern auch die Erziehung seiner Kinder. In anderen Familien des Hochadels wurde strikt auf Etikette geachtet, mussten die Kinder ihre Eltern siezen und setzte schon früh ein umfassender Erziehungsdrill ein, der die Kleinen durch strenge Disziplin und einen umfassenden Lernstoff auf ihre späteren Pflichten vorbereiten sollte. Im herzoglichen Haus jedoch gingen die Uhren anders. Weder Max noch Ludovika legten Wert auf Etikette, es herrschte das vertrauliche Du, und auch mit der höfischen Bildung wurde es nicht so genau genommen.

Zwar startete Ludovika immer wieder ein umfangreiches Erziehungsprogramm. Ganze Heerscharen von Gouvernanten und Lehrern bevölkerten dann das Herzog-Max-Palais und wurden im Sommer in Wagenladungen nach Possenhofen gekarrt. Aber der stürmischen Rasselbande wat schwer beizukommen, und weder Ludovika noch Max stand der Sinn nach autoritären Disziplinierungsmaßnahmen. Sissi war dabei das unruhigste unter allen Herzogskindern. Man habe sie zum Lernen förmlich am Stuhl festbinden müssen, berichtete ihre Gouvernante Frau von Wulften später. Und am schlimmsten war es in Possenhofen, denn dort zog es Sissi fast magisch nach draußen, in den Garten, an den See und in die Wälder.

Wenn der Herzog einmal bei seinen Kindern vorbeischaute, war es aber ohnehin mit dem Lernen vorbei. Dann wurde der Unterricht kurzerhand ausgesetzt, und Max erzählte von seinen Reisen oder nahm seinen Nachwuchs auf lange Wanderungen mit. Dabei lag auch dem Herzog die Ausbildung seiner Kinder am Herzen, nur hatte er - seinem Naturell entsprechend - recht unkonventionelle Lernziele. Richtig gehen und wandern sollten insbesondere seine Töchter lernen, und so wurde eigens ein eigener Lehrer engagiert, der den kleinen Mädchen nach dem Vorbild der Schmetterlinge einen schwebenden Schritt beibringen sollte. Höchste Priorität besaß aber auch die Reitausbildung. Anmutig und festgewachsen, wie kleine Zirkusprinzen und -prinzessinnen, sollten die Kinder im Sattel sitzen. Und Sissi zeigte von allen das größte Talent. Mit einem ausgezeichneten Gespür für Pferde versehen und einem noch größeren Wagemut, konnte sie schon bald akrobatische Kunststücke auf dem Rücken der Pferde vollführen, was Max mit großem Stolz erfüllte. »Wanns wir nit Prinzen wär'n, wär'n mer Kunstreiter wor'n«, sagte er einmal zu ihr. Eine Bemerkung, die Sissi nie vergessen sollte und sich stets zu Herzen nahm. Noch als Kaiserin eilte ihr der Ruf voraus, eine der kühnsten Reiterinnen ihrer Zeit zu sein. Nicht zuletzt aufgrund dieser Verwegenheit und ihres ungestümen Freiheitsdrangs, in denen sich Max nur zu gut wiedererkannte, war Sissi die Lieblingstochter des Herzogs. Sie war es auch, die er hin und wieder auf seine Inkognito-Besuche in den Dorfwirtshäusern der Umgebung mitnahm. Max spielte dann als fahrender Musikant auf seiner Zither, und Sissi sammelte anschließend das Geld ein. Die Ausbeute konnte sich stets sehen lassen, denn dem Charme der Kleinen war schwer zu widerstehen. Die Münzen, die Vater und Tochter einheimsten, durfte Sissi behalten, und noch als Kaiserin stellte sie mit Stolz fest, dass dies das einzige Geld gewesen sei, das sie in ihrem ganzen Leben selbst verdient habe.

Aber nicht nur die Gasthausbesucher, auch Ludovika konnte dem Charme ihrer Tochter nur schwer widerstehen. Wenn die Kinderbande im herzoglichen Hause etwas ausgefressen hatte, so wurde stets Sissi vorgeschickt, um den Zorn der Mutter zu besänftigen. Und in der Regel gelang ihr das auch, wie die Geschwister später berichteten. Aber Sissi war nicht nur die Tochter ihres Vaters, der charmante, ungestüme Wildfang. Auch von ihrer Mutter hatte sie einen entscheidenden Charakterzug geerbt: die Menschenscheu. Sobald es darum ging, nicht nur im Gasthaus den Hut herumzureichen, sondern mit Fremden in ein Gespräch zu kommen, die Freunde und Gäste von Herzog Max zu begrüßen oder den etwas steifen adeligen Verwandten in München einen Besuch abzustatten, befiel sie eine extreme Schüchternheit. »Bei meinen Eltern und im Freien bin ich am glücklichsten«, bekannte schon die Zehnjährige.

Anders aber als bei der nüchternen Ludovika, war bei Sissi die Schüchternheit mit einer großen Verträumtheit gepaart. Wenn es sie einmal nicht ins Freie trieb, konnte sie stundenlang auf ihrem Zimmer vor sich hinträumen und sich kleine Geschichten ausdenken. Als Backfisch griff sie dann selbst zur Feder und brachte - hier wieder ganz die Tochter ihres Vaters - in kleinen Gedichten ihre romantischen Gefühle und Stimmungen zum Ausdruck. Und man ließ sie gewähren. Ja, ihre Gouvernante Baronin von Wessel ging sogar soweit, Sissi dem Zugriff ihrer energischen und dominanten älteren Schwester Helene zu entziehen, damit sich das weichere Naturell ihres Zöglings besser entfalten könne. Sissi schloss sich daraufhin eng an ihren jüngeren Bruder Karl Theodor an, der zu ihrem auserkorenen Liebling und Spielgefährten wurde. Beide Kinder fühlten sich wesensverwandt. Stundenlang konnten sie sich Geschichten erzählen und mit ihrem Puppentheater selbst verfasste Stücke aufführen. Gackl spielte Sissi auf der Geige vor, die ihm wiederum ihre Verse vortrug, und begeistert besuchten beide mit Max das Theater und schenkten sich wechselseitig Gedichtbände. Sissis Kindheitsjahre waren ein Fest. Unbeschwert lebte sie mit den Geschwistern in der Geborgenheit ihrer Familie und dem ländlichen Idyll von Possenhofen. Frei konnte sie ihre Neigungen ausleben und fand für ihre Sorgen und Sehnsüchte stets ein offenes Ohr, sei es bei den Eltern oder den Geschwistern. Die bayerische Kindheit Sissis war eine Art Glücksvorrat, von dem sie ihr Leben lang zehren konnte. Aber sie war auch ein Glücksversprechen, dass die Zukunft nicht erfüllen sollte. Die Sehnsucht nach der unbeschwerten Possenhofener Idylle war es, die es einmal verhindern würde, dass Sissi in der mondänen Welt des Wiener Kaiserhofes heimisch wurde. Ihr Leben als Kaiserin glich fast einer langen Suche nach dem verlorenen Glück ihrer bayerischen Kindheit.

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