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Es geht um uns

Wie und warum sich Historiker Clemens Tangerding mit Kommunen ihrer NS-Vergangenheit annähert

Zum Beispiel Dömitz an der Elbe, eine 3200-Einwohner-Landstadt im Südwesten von Mecklenburg-Vorpommern. Tausende Zwangsarbeiter schufteten dort während des Zweiten Weltkriegs in einer Munitionsfabrik. War der Zwischenfall dort ein Sabotageakt? Und welche Feuerwehrleute waren eigentlich aktive NSDAP-Mitglieder? 

Zum Beispiel Egling im bayerischen Landkreis Bad Tölz. Durch die Gemeinde zog ein Todesmarsch an KZ-Häftlingen, ein abgestürzter englischer Flieger wurde erst im Jahr 2000 exhumiert. Warum entstand dort nach Ende des Kriegs die erste jüdische Gemeinde des Ortes?

Menschen, Schicksale, Ereignisse, die einst Dorfgespräch waren. Und heute? Spielen sie heute noch eine Rolle, direkt oder unterschwellig? Wie kann, muss oder will heute mit dieser Geschichte umgegangen werden? Sagt sie uns etwas, und wenn ja, was?

Historiker Clemens Tangerding aus Berlin versucht die Geschichte im Dritten Reich gemeinsam mit Interessierten vor Ort so aufzuarbeiten, dass sie für die Interessierten im Ort und darüber hinaus neuen Sinn ergibt. Angefangen hat er dafür vor zwei Jahren mit vier Freiwilligen Feuerwehren. Das Pilotprojekt "Feuerwehren in der NS-Zeit", realisiert mit großen Kooperationspartnern wie dem Deutschen Feuerwehrverband und der Justus-Liebig-Universität Gießen, ist mittlerweile zu "Das Dritte Reich und Wir" erweitert worden und bezieht ganze Kommunen mit ein. 

Die Teilnehmer vor Ort arbeiten gemeinsam mit Clemens Tangerding die nationalsozialistische Vergangenheit in einjährigen Workshops und Einzelgesprächen auf und präsentieren die Ergebnisse auf eine individuell auf Menschen, Ereignisse und Orte zugeschnittenen Weise, die Bürger von heute einbezieht. Die Ausstellung in Dömitz ist gerade zu Ende gegangen, dort wurden Erkenntisse aus dem Projekt auf Schautafeln in den Schaufenstern leerstehender Geschäfte präsentiert. Coronatauglich, aber auch mitten im Stadtgeschehen. Historisch-praktische Bildungsarbeit.

Ausstellung in Dömitz. Foto: Jörn Lehmann

„Ich sehe die Beschäftigung mit Geschichte nicht nur als Dienstleistung, sondern als einen Beitrag zur Gesellschaft“, sagt der promovierte Historiker. „Ich will das Bewusstsein von und für Aufarbeitung verändern. Es geht ums uns. Es geht darum, dass wir miteinander reden.“ 

Foto: Waldemar Salesski

Die Freiwillige Feuerwehr Dömitz war eine der vier Wehren, mit denen Clemens Tangerding zusammengearbeitet hat, neben Mannheim, Marburg und dem brandenburgischen Schwedt an der Oder. Die Corona-Pandemie hat die Präsentation der Ergebnisse verzögert; die Ausstellung in Schwedt steht ebenso aus wie eine Reflektion mit den Teilnehmern.

Derweil ist das Nachfolge-Projekt in vollem Gange - und deutlich größer angelegt. Zehn Kommunen sind aktuell in „Das Dritte Reich und Wir“ inkludiert; perspektivisch sollen fünf pro Jahr hinzukommen. Gefördert werden die Projekte unter anderem vom Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat sowie privaten Stiftungen. Die Finanzierung ist bis Ende des Jahres gesichert. Clemens Tangerding zeigt sich im Interview zuversichtlich, dass es eine Anschlussfinanzierung geben wird. 

Wie kam es zu dem Projekt „Feuerwehren in der NS-Zeit“?

Solche Projekte entstehen häufig zufällig aus Zukunftsbegegnungen. Ich hatte mit einem Redakteur der BILD-Zeitung zu tun, und er erwähnte, dass er die Geschichte der Feuerwehren in der NS-Zeit für zu wenig aufgearbeitet hält. Es gab dann im Februar 2016 ein Treffen mit dem Feuerwehrverband. Wer mit Anträgen zu tun hat, weiß, was das für ein unglaublich steiniger und langer Weg ist. Bis wir Kooperationspartner gefunden hatten und die Finanzplanung stand, war es 2019. Wir wurden dann mehrmals durch die Corona-Pandemie unterbrochen und konnten erst drei Ausstellungen zeigen, in Mannheim, Marburg und Dömitz. Im Laufe dieses Projekts haben wir dann festgestellt, dass wir das nicht mehr nur mit Feuerwehren realisieren wollen.

Ein Grund war: Feuerwehrleute gehören mit zu den engagiertesten Menschen, die ich kenne. Mir war nicht klar, in welchem Maße sie Arbeiten leisten. Wir haben deshalb gesagt, dass wir ihnen nicht zusätzlich noch ein Geschichtsprojekt aufbürden können.

Wie kam die Kooperation mit dem Deutschen Feuerwehrmuseum zustande?

Das Feuerwehrmuseum ist ja ein Teil des Feuerwehrverbands. So kam ich mit Ralf Schamberger zusammen, dem bekanntesten Feuerwehrhistoriker Deutschlands. NS-Geschichte ist für die Feuerwehren schon immer wichtig gewesen. Es war eben nur so, dass auf dem platten Land bei den etwa 20.000 Freiwilligen Feuerwehren dazu noch nicht viel erforscht war. Wir haben dann Flyer über die Landesverbände verschickt. Mit den ersten vieren, die sich gemeldet haben, haben wir das Projekt gestartet.

Ist das ein Projekt, bei dem die Zeit davonläuft, weil Zeitzeugen versterben?

Einerseits ja. Andererseits ist der Nationalsozialismus eine Zeit, der sich jeder neu und individuell annähern kann, wenn er denn will. Man kann sich das selbst aneignen, und ich finde sogar: Man sollte es sich selbst aneignen. Denn die Geschichten, die die Großeltern erzählt oder auch nicht erzählt haben, entsprechen nicht der historischen Wirklichkeit, sondern sind immer geprägt von Emotionen. Von Schamgefühl, Schuldgefühl, Verwundbarkeit, auch der eigenen Rolle in der Familie, gerade was das Nicht-Erzählen angeht. Häufig wird gesagt, meine Großeltern haben darüber nichts erzählt, und dann macht man ihnen das vielleicht zum Vorwurf. Dabei vergisst man leicht, dass man eigene Interessen mit hineinbringt. 

Das größte Interesse den eigenen Eltern und Großeltern gegenüber ist, dass sie liebe Familienmitglieder sein sollen und das spüren die natürlich auch. Und jetzt zu sagen: Ich will aber Geschichten hören, wie Du an der Ostfront Sowjetsoldaten erschossen, Fallschirmjäger abgeschossen oder in der Ukraine Zivilisten erschossen hast, das passt nicht dazu. Deshalb denke ich, die Annäherung an den Nationalsozialismus ist nicht damit beendet, dass die Zeitzeugen sterben. Nichtsdestotrotz ist es von großer Bedeutung, dass man die Stimmen von Zeitzeugen einfängt. Man sollte nur nicht den Fehler machen, sie mit der historischen Wirklichkeit zu verwechseln.

Wie war denn generell die Quellenlage bei diesem Projekt?

Sie ist der zweite Grund, warum wir davon Abstand genommen haben, nur noch mit Feuerwehren zu arbeiten. In großen Städten findet man genug Material. Aber in Dömitz, einem 3200-Einwohner-Ort, ist es schwer, genug Informationen zu bekommen, um eine Ausstellung zu bestücken. Man findet immer Material, aber es muss ja auch interessant sein.

Wann ist Material interessant?

In Dömitz zum Beispiel haben wir tolle Quellen über die Gemeinde gefunden. Da das Projekt aber auf die Feuerwehren fokussiert war, hätte man es eigentlich nicht verwenden sollen. Wir haben deshalb in Absprache mit den Förderern besprochen, dass wir zusätzliche Quellen verwenden dürfen. In Dömitz gab es zum Beispiel eine Munitionsfabrik, in der mehrere tausend Zwangsarbeiter gearbeitet haben, und in der es einen versuchten Sabotageakt gab. Wir machen dazu eine Station, die wir mit der Jugendfeuerwehr gestalten und einem DJ aus Dömitz.

Brücken schlagen: vom Heute ins Gestern ins Heute.

Wie definiert sich historisch interessant?

Wenn man sich eine Ortsgeschichte anschaut, sind es eigentlich immer drei Kategorien, die man abklopft: Personen – sowohl auf Opfer-, als auch auf Täterseite, auch wenn diese Begriffe problematisch sind. Das zweite sind Orte, das dritte sind Strukturen. Welche Organisationen haben sich wie geändert? Anhand dieser Kategorien unterscheidet man Quellen und dann schaut man, welche Themen in dem Ort entscheiden sind. Da gibt es große Unterschiede. Wir haben Einzelprojekte, in denen es rumort. In anderen Orten liegt der Focus nicht auf Personen. Heynitz in Sachsen zum Beispiel hat nicht einmal 200 Einwohner. Die ganze Schuldfrage hängt denen zum Hals raus, das wollen die nicht mehr. Hier geht es darum, wie sich die Leute verhalten haben, wie das Alltagsleben war. In Oerlinghausen bei Bielefeld spielen wiederum Orte und Strukturen eine große Rolle. Dort gibt es zwar einen jüdischen Friedhof, aber es ist wenig aufgearbeitet worden. Das versuchen wir in der Ausstellung zu thematisieren.

Es geht also darum, was die Menschen heute bewegt.

Nur darum geht es. Diese Annäherung soll uns helfen und uns ermöglichen, dass wir miteinander reden. Das ist ganz wichtig.

Wo ist Deine Rolle in diesem Prozess?

Ich bin einerseits natürlich als Vertreter unserer Universität der wissenschaftliche Berater in praktischen Fragen, ich liefere die fachliche Expertise. Ich versuche mit den Projektleitern und den Workshopteilnehmer*innen die Kommunikation mitzugestalten, Ideen in Einklang zu bringen, etwaige Konflikte zu lösen. Und ich bin für die Backoffice-Arbeit zuständig, die Finanzierung, das Budget, die Kommunikation mit den Geldgebern.

Wie bekommt man die verschiedenen Interessen der Teilnehmer unter einen Hut?

Wir erleben immer wieder bei Workshops, dass es unterschiedliche Interessen gibt, wie das Projekt aufgezogen wird. Das ist das, was uns interessiert. Wir wollen, dass es so ist. 

Viele Leute denken bei Nationalsozialismus und Aufarbeiten in hermetisch abgeschlossenen Formen wie einem Vortrag, der Verlegung eines Stolpersteins. Das eigene Wissen, die eigenen Erinnerungen, eigene Emotionen, diese ganze Gemengelage kann nicht kanalisiert werden und passt nicht dazu. Deshalb finden wir heraus, was die Hauptthemen im Ort sind. Es wird erst einmal gesammelt, was noch vorhanden ist, und dann präsentiert. 

Die Projektteilnehmer lassen sich also auf einen Prozess ein, dessen Ergebnis sie nicht kennen.

Genau so ist es! Man weiß das Ergebnis nicht, lediglich der Prozesszeitraum ist für ein Jahr festgelegt. Und das ist für alle eine Herausforderung, weil wir gerne wissen, was am Ende eines Prozesses herauskommt. Ich kann mit Sicherheit sagen, dass es in keinem Ort nur Rollups in einer Bankfiliale gibt. Aber in Heynitz mit 200 Einwohnern macht es zum Beispiel keinen Sinn eine Ausstellung zu machen, hier müssen die Ergebnisse mit den Häusern in Verbindung gebracht werden. In Marburg, einer großen Studentenstadt mit hoher Fluktuation, haben wir die Ausstellung sehr sichtbar gemacht.

Unsere Arbeit macht sichtbar, wie wir über die NS-Zeit denken. Sie ist sehr dynamisch und wenig festgelegt.

Blick über den Kirchturm hinaus: Annäherung an die Vergangenheit. 

Wie sind die Teilnehmer aus dem Projekt herausgegangen?

Wir haben drei Projekte bei "Feuerwehren in der NS-Zeit" veröffentlicht, wir hatten aber noch keine Zeit zu reflektieren. Die ständigen Corona-Maßnahmen führen dazu, dass wir immer in Windeseile Ausstellungen durchboxen müssen, wenn wir wieder einen Slot haben.

Wie hast Du den Projektverlauf erlebt?

Mit Feuerwehrleuten zusammenzuarbeiten ist kommunikativ anders als im Familienkreis oder an der Universität zu sprechen. Feuerwehrleute arbeiten sehr zielgerichtet und pragmatisch. Informationen werden immer an einen Zuständigen kanalisiert. Ich hätte mir manchmal fast gewünscht, dass wir mehr in die Tiefe gehen. Es war gleichzeitig für mich eine wahnsinnig bereichernde Erfahrung, wie lösungsorientiert Feuerwehrleute sind.

Und beim Projekt "Das Dritte Reich und Wir"?
Wir sammeln erst einmal, was bei den Leuten vorhanden ist, wie bei der Fernsehsendung "Kunst und Krempel". Die Leute sollen mitbringen, was sie daheim haben. Das ist das erste Mal, dass das passiert. Bei allen bisherigen Projekten ist nie danach gefragt worden. Sie bringen ihre materiellen Besitztümer, ihre Erinnerungen und ihre Haltungen, auch ihre Kritikpunkte mit. Und dann gehen wir in einen Prozess, was wir damit anfangen wollen.

Wie sieht es mit der Finanzierung beider Projekte aus?

Wir sind immer noch in der Pilotförderung der Bundeszentrale für politische Bildung und des Bundesinnenministeriums. Das Paradies wäre eine dauerhafte Finanzierung. Also für drei bis fünf Jahre. Das ist noch schwieriger, als eine Pilotförderung zu bekommen. Wir sind dran, ich glaube, dass wir es hinbekommen, aber es ist ein anstrengender Prozess. Bei „Das Dritte Reich und Wir“ beträgt die Förderung knapp 300.000 Euro, bei „Feuerwehren in der NS-Zeit“ sind es knapp 130.000 Euro. Bis 31.12.2022 sind wir finanziert. Es wird sich im Laufe des Jahres entscheiden. Ich mache mir keine Sorgen, dass es weitergeht, es kommt nur auf die Länge der Förderung an.

Welchen Stellenwert hat das Projekt in Deiner eigenen Historie?

„Das Dritte Reich und Wir“ ist sicher das Projekt, bei dem sich für mich ein Kreis schließt, weil ich damit angefangen habe, dass ich zwei Sachen miteinander verbinde: Ich wollte Geld verdienen mit Geschichte und ich wollte Fakten und Emotionen, psychische Prozesse miteinander in Einklang bringen. Bei der Unternehmensgeschichte war der erste Teil erfüllt, ich konnte davon leben, aber es gab wenig Raum und Interesse, die Auswirkungen der Historie aufzuarbeiten.

Was ich für mich am Sinnvollsten finde am aktuellen Projekt: Man muss sich öffnen. Das Öffnen, das Zuhören, das Eingehen von Konflikten, das Wahrnehmen von eigenen Gefühlen, darauf müssen wir uns einlassen. Ich habe gerade das Gefühl, es wird enger und enger. Das zentrale Gefühl aktuell ist Abgrenzung. Ich glaube, dass uns diese Abgrenzungen nicht weiterführen, weil sie nur Protest sind. Protesthaltungen führen selten zu etwas Neuem und Sinnvollem. Wir müssen vom Protest zum Konflikt und hier als Gesellschaft, speziell als Deutsche, viel, viel besser werden. Diese Projekte sind mein winziger Anteil, den ich versuche zu leisten: Dass sich hier etwas tut.