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Folge 57

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Etwas Altes: Hässliches Herz 

Zum achten Geburtstag schenkte mir mein Vater ein dreibändiges Lexikon und schrieb mir eine liebe Widmung rein: Für meine wissbegierige Hausmaus. Ich habe dann tatsächlich immer mal wieder in dem Lexikon gelesen, wir hatten ja nichts aka kein Smartphone, Internet, Wikipedia – aber, keine Sorge, nicht in der Art, wie in Romanen und Filmen die Kindheit von Genies erzählt wird: »Nach fünf Monaten konnte er von den 5.487 Seiten jedes einzelne Wort auswendig.« – Ach, was schreibe ich da, sies, das weiß doch jeder, können ja gar keine Genies sein, und theys müssen ja schon froh sein, wenn man an ihre Existenz glaubt und sie nicht als Trend erklärt noch größerer Lebensgefahr aussetzt. – Ich habe also in dem Lexikon gelesen, vor allem aber geblättert und mir alle Illustrationen angesehen, ganz besonders die von einem menschlichen Herzen. 

Es sah sooo Horror auslösend ekelhaft aus – meine Meinung mit acht. Ich habe das Buch an der Stelle immer nur ganz kurz aufgeklappt, bin dann fast vor Schreck gestorben und habe es mit rasendem Herzen wieder zugeschlagen. Zum Glück habe ich damals nie den gedanklichen Transfer vollzogen, dass ja auch mein Herz in dem Moment und auch sonst gleichermaßen abscheulich aussah und -sieht. – Das erinnert mich gerade sehr an das, was Walter Benjamin über sein Verhältnis als Kind zu E.T.A. Hoffman schrieb, darüber demnächst mal mehr, ich packe ja gerade das Unheimliche als Thema wieder aus. 

Später habe ich immer mal wieder überlegt, ob ich mir ein anatomisch korrektes Herz in Gold als Schmuck kaufen sollte, aber meine Gothseite ist ja eher innerlich, draußen habe ich es gern stabil pastellfarben und unabjekt, also kam es nicht dazu.

Faszinierend finde ich das Verhältnis von physischem Menschenherz und geglättetem Symbol weiterhin sehr. Das Poesiealbums-Pralinen-Emoji-Herz sieht so aus, wie einem vom Patriarchat Romantik verkauft wird: fleischlos, blutlos, angenehm konsumierbar. Gepresstes Formfleisch in Dinosaurier-, Flugzeug- und zum Valentins-/Muttertag oder für die Date Night eben auch in Herzform. 

In Wirklichkeiten ist Romantik, wenn man es schafft, sie ungefiltert wahrzunehmen, ziemlich Horror auslösend und ekelhaft. Romantik macht plausibel, dass man vor Liebe vergehen, mit einer Liebe sterben sollte, sie legitimiert zwar nicht unmittelbar, aber um ein paar Ecken Femizide. 

Liebe ist gut. Freund*innenschaft auch. Romantik kann auf den Müll. Müll in Herzform. 

Bitte trotzdem nicht Menschen fertigmachen, die Freude an Romantik haben. Gedanken, Informationen, Wissen zur Verfügung stellen, aber nicht urteilen. Romantikskepsis ist wieder einer von diesen privilegierten Progressiv-Moves, und wer missioniert, ist back to Arschgeige. 

Herzchen sind außerdem hübsch, so wie auch Rosa. Meine Meinung. Symbole können neu definiert werden, das macht sogar Spaß, denn es ist poetisch.

Etwas Neues: Boomerbetreuerin

Ich habe eine Geschäftsidee, ich werde Boomerbetreuerin, coache strauchelnde Menschen der für Ignoranzattacken gerade besonders anfälligen Jahrgänge durch die schwierige Gegenwart, um ihnen und uns weitere »mega peinliche« (Dr. Motte) »Verwechslungen« (Dr. Motte) von für genial gehaltenem Innenleben und bestürzendem Output zu ersparen. Nie wieder »Querdenker«- und andere (welche eigentlich?) Symbole verwechseln. 

Die Generation X, zu der ich selbst gehöre, betreue ich gern gleich mit, sie ist noch nicht so sehr auf dem Cringe-Radar, wie sie es mit ihrer popcoolturellen Selbstüberschätzung verdient.   

Als Boomerbetreuerin verbiete ich in der ersten Sitzung kategorisch alle Vanity-Biografien beim Riva Verlag und reduziere für meine Klient*innen die Mikrofonzeit drastisch um 100 %, bis der Blutdruck wieder runter und die Erde keine Scheibe mehr ist und auch der Staatsfunk im brutzelnden Gehirn zu senden aufgehört hat. 

Dr. Motte empfehle ich – die erste Sitzung ist gratis –, sich bitte kein einziges Mal mehr als »Captain Future« zu bezeichnen, der Cringe-Messer ist eben beim Lesen instant implodiert. Aber die Latte liegt natürlich hoch, wenn man seine politische Karriere mit dem Slogan »Friede, Freiheit, Knäckebrot« begonnen hat. 

Es ist 2022, Boomerz, ihr müsst jetzt ganz, ganz schnell Impulskontrolle lernen. Alte Feministinnen lassen ab jetzt trans Kids in Ruhe leben, und alte DJs halten nicht vor Millionenpublikum irgendwas hoch, das sie nicht checken. Keine Sorge, ihr müsst mir nicht dankbar sein, es genügt, wenn ihr meine Arbeit angemessen bezahlt.

Meinen Stundensatz berechne ich nach der Formel: Zahl von Talkshowauftritten in den letzten drei Jahren mal Anzahl bisheriges Erscheinen in den Twittertrends mal Anzahl bisheriger Hot-take-Kolumnen in Traditionsmedien mal Anzahl bisheriger Mitwirkungen an offenen Briefen mit fragwürdigen Inhalten mal Anzahl bisheriger öffentlicher Verteidigungen durch noch fragwürdigere Persönlichkeiten. Nein, mein Honorar ist nicht verhandelbar.

Das Geld für mein Haus in Italien werde ich so ultraschnell zusammenbekommen. Ich betreue euch von da aus natürlich (kostenpflichtig) weiter. Das Internet nutzen könnt ihr ja mittlerweile, leider. 

Um für meine Tätigkeit fit zu bleiben, muss ich nichts tun, nur Sachen lassen: nicht in Talkshows gehen, nicht die Existenz anderer Menschen relativieren, nicht denken, dass ich so großartig bin, dass ich automatisch immer alles checke und Wichtiges beizutragen habe.

Auch nicht öffentliche Personen können meine Dienste buchen, vielleicht wollt ihr ja beim nächsten Familientreffen nicht mehr sagen, dass Greta Thunberg schuld wäre, dass ihr krank geworden seid. Ich helfe euch gern dabei. Bei Privatpersonen berechne ich den Stundensatz mit Anzahl der Jahre kompletter Klimakrisenleugnung mal Anzahl Liter Benzinverbrauch im letzten Jahr. Ja, ist ganz schön happig, aber ihr seid es euch bekanntlich wert!

Etwas Geliehenes: Ein Songstück als Bannzauber

Wenn mir wieder mal gescreenshotteter aka nicht blockbarer Spr...content in die TL spült, nutze ich, statt den Arschgeigen immer noch mehr Traffic bringende Aufregungstweets mit Namensnennung zu schreiben, eine Art Bannzauber. Ich höre dann »Ich find dich scheiße« von TicTacToe (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Die im Song genannte Automarke passt leider nicht ganz, aber das tausche ich im Kopf einfach jedesmal aus. 

Bitte, niemand muss jetzt hochfahren und popkulturelle Distinktion auf den Tisch legen, mir ist komplett egal, ob der Song musikgeschichtlich als gelungen gilt. Punksongs sind auch meist einfach gestrickt und tun trotzdem Gutes für eine*n. Wichtig bei diesem konkreten Bannzauber ist, dass nur die erste Strophe und der Refrain dazu gehören, die zweite Strophe ist leider ziemlich misogyn, die lasse ich aus. Es ist vor allem der Refrain, der mein Gehirn nach ungefähr fünfmaligem Hören wieder spr...rfrei macht. 

»Ich find’ Dich scheiße.
So richtig scheiße.
Ich find’ Dich scheiße.
So richtig sch…sch…sch…sch…sch…sch…schei-ße.« 

Etwas Uncooles: Der Club der untoten Dichterinnen

In meinem Blickfeld gibt es einen ungewollten Club der untoten Dichter*innen. Im Netz werden diese Autor*innen geliebt und gelesen, sie bekommen Aufmerksamkeit, haben Reichweite, Einfluss, Wirkung. Ohne Netz aber existieren sie nicht. Sie bekommen keine Angebote von Agenturen, keine Buchverträge von großen Verlagen, keine Einladungen in Literaturhäuser, keine Stipendien, keine Preise. Sie prägen die Literaturen der Gegenwart entscheidend mit, stellen Weichen für zuünftige Literaturen, haben an ihren Körpern die Schultern, auf denen andere stehen werden und schon stehen. 

Sie haben nicht annähernd den Platz, den sie ästhetisch und gesellschaftlich verdienen, weil Machtmenschen sie unbewusst nicht in der Nähe haben wollen: Die untoten Dichter*innen lassen sich nicht vereinnahmen, nicht einverleiben, sie eignen sich nicht als token. Zu lebendig, zu eigensinnig, zu laut. Deshalb werden sie zum Untod durch Ignoriertwerden verurteilt. 

Ich kann absolut nichts gegen diese Ungerechtigkeit tun, ich habe wirklich alles versucht. Aber ich kann es noch einmal aufschreiben, kann es laut sagen. Damit die Überraschung später, wenn diese Autor*innen zu spät und nicht umfassend genug und nicht für immer, aber dennoch unweigerlich als bedeutend eingeordnet werden, als die Heuchelei erkennbar sein wird, die sie jetzt schon ist. 

In diesem Moment entstehen, während Menschen #FrauenLesen in ihre Smartphones tippen, neue Gespenster, es wird immer so weitergehen, weil es systemerhaltend ist. Da kann man nichts machen, so ist es halt, und wir wussten ja nicht ...

 

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XOXO,      
FrauFrohmann 

Bitte macht mal sympathische Testimonial-Werbung für Frohmann-Newsletter-Bezahlabos. Wirtschaftskrise kickt heftig.

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