Mikhail Shaidorov: „Ich wollte beweisen, dass ich nicht nur springen kann“
Mikhail Shaidorov aus Kasachstan setzt seinen Aufstieg fort. Der 20-Jährige gewann die Vier-Kontinente-Meisterschaft in Seoul mit herausragender Leistung, genau zehn Jahre, nachdem Denis Ten an eben dieser Stelle den ersten ISU-Meisterschaftstitel für Kasachstan gewonnen hatte.
Wir haben Mikhail kurz nach seinem großen Erfolg interviewt.
Wie war die Reaktion in Kasachstan auf Ihren Sieg in Seoul?
Mikhail: Die Reaktion ist sehr umfangreich ausgefallen. Ich war in allen Nachrichtensendungen und habe sehr viele Mitteilungen, Glückwünsche und Unterstützung erhalten! Die führenden Fernsehsender haben mich in der Hauptstadt empfangen, für mich war das unglaublich.
Als Sie für die Kür aufs Eis kamen, wurde versehentlich die falsche Musik eingeschaltet. Wie haben Sie da reagiert und die Nerven behalten?
Das ist mir das allererste Mal in meiner Karriere passiert. Natürlich habe ich zuerst gar nicht begriffen, was los war, aber andererseits war es als hätte man mich mit kalten Wasser übergossen und ich konnte die Anspannung vor der Kür abwerfen.
Wie haben Sie sich in der Kür gefühlt? Wann haben Sie gemerkt, dass es einfach super läuft?
Ich habe während der Kür an gar nichts gedacht, ich erinnere mich nur wie im Nebel daran. Ich habe alles automatisch gemacht. Meine Hauptaufgabe war es, alles so zu machen, wie ich es kann und nach dem letzten Sprungelement wusste ich natürlich, dass ich alles gemacht habe, was ich konnte und ich habe mich bemüht, das Programm mit allen Emotionen zu Ende zu laufen.
Am Ende der Kür haben Sie sich auf das Eis fallen lassen. Was haben Sie in diesem Moment gefühlt?
Ich habe es geschafft! Ich habe mich selbst besiegt, trotz des Problems mit der Musik, trotz meiner großen Nervosität vor der Kür.
Sie sagten bereits in der Pressekonferenz in Seoul, dass dieser Titel genau zehn Jahre nach dem Sieg von Denis Ten Ihnen sehr viel bedeutet. Können Sie uns bitte genauer erklären, welchen Stellenwert diese Medaille für Sie und den Eiskunstlauf in Kasachstan hat?
Natürlich ist diese Medaille für mich in erster Linie mein größter Erfolg. Ich, meine Trainer, Sponsoren und alle, die mich unterstützen, haben so viel in diese Medaille hineingesteckt und es war nicht umsonst. Ich kann es bis jetzt nicht glauben, dass vor zehn Jahren in derselben Halle Denis gewonnen hat und jetzt, zehn Jahre später, gewinne ich, der damals die Vier-Kontinente-Meisterschaft 2015 im Fernsehen verfolgt hat und von Denis‘ Sieg begeistert war. Dass ich in dieser Halle den Sieg geholt habe, ist für mich unglaublich. Diese Emotionen zu beschreiben, ist sehr schwierig, denn Denis hat damals der ganzen Welt erzählt, dass es in Kasachstan Eiskunstlauf gibt und ich beweise das wieder. Ich möchte, dass ich der Eiskunstlauf in meinem Land entwickelt, dass die Kinder solche Erfolge sehen und wissen, dass alles in dieser Welt möglich ist. Ich habe immer davon geträumt, die Hymne Kasachstans bei einem großen Turnier zu singen und mein Traum ist wahr geworden.
Was hat sich vielleicht in Ihrer Arbeit in dieser Saison verändert? Sie sagten, dass Sie viel gearbeitet haben. Warum haben Sie mehr oder anders trainiert?
In dieser Saison haben wir viel an den Sprungkombinationen gearbeitet. Das war mein Wunsch und seit April 2024 wusste ich, dass ich sie bei Wettbewerben versuchen werde und deswegen habe ich viel trainiert. Wir haben auch sehr viel an den Programmen gearbeitet, ich wollte beweisen, dass ich nicht nur springen kann. Alles hat dank meines Teams, der Unterstützung meiner Sponsoren und des Sportministeriums geklappt. Ich habe sehr viel in Kasachstan trainiert, obwohl die Bedingungen mir nicht immer erlaubt haben, voll und komfortabel zu trainieren. Aber ich bin froh darüber, dass mein Team und ich sehr kommunikativ sind und meine Trainer immer meine Wünsche berücksichtigen und wir dort trainieren, wo es für mich angenehm ist.
Sie haben tolle Sprünge. Wieviel davon ist Talent und wieviel erlernte Technik?
Im Eiskunstlauf werden die Grundlagen immer in der Kindheit gelegt und ich bin meinem Vater sehr dankbar, der viel Mühe und Arbeit in mich investiert hat, um mich in der Kindheit richtig auszubilden. Dank dessen haben wir viel erreicht und wir setzen jetzt mit Alexej Jevgenievitch (Urmanov) diesen Weg fort. Natürlich bin ich sehr stur und kann nicht vom Eis gehen, wenn mir etwas nicht gelingen will. Ich versuche immer, alles maximal gut zu machen und das Beste aus dem Training herauszuholen. Das sind Talent und Fleiß zusammen. Aber es ist auch die kolossale Arbeit aller Experten.
Sie trainieren schon lange bei Alexej Urmanov, aber noch nicht so lange mit Ivan Righini. Wann begann diese Zusammenarbeit und was gibt sie Ihnen?
Mit Vanja haben wir 2022 angefangen zu arbeiten, also werden das jetzt bald drei Jahre sein. Alles fing mit der Choreographie für mein Programm zu „Luna“ an. Nach einiger Zeit merkte ich, dass es für mich sehr komfortabel ist, mit Vanja zu trainieren und jetzt ist er in meinem Team. Wir können allerdings nicht immer die passende Zeit für das Training finden. Aber ich hoffe, dass wir in Zukunft noch mehr zusammenarbeiten werden. Vanja bringt viel Neues ein, wie auch Alexej Jevgenievitch und ich selbst. In unserer gemeinsamen Arbeit denkt jeder über Neuerungen nach und jeder geht mit seiner Sichtweise heran und dann bringen wir alles zusammen und es kommt das heraus, was wir bei Wettbewerben sehen.
Wenn ich Sie richtig verstanden habe, trainieren Sie jetzt die meiste Zeit in Kasachstan. Wie sind dort Ihre Bedingungen? Wie läuft die Zusammenarbeit mit Alexej und Vanja?
Ja, ich halte mich die meiste Zeit in Kasachstan auf, manchmal kommen Alexej Jevgenievitch oder Vanja zu mir, manchmal arbeiten wir per Video und manchmal reise ich zu einem Ort, der für uns alle gut erreichbar ist. Es ist immer anders. Die Bedingungen in Almaty sind bisher nicht die besten, aber ich hoffe, dass sie sich nach meinem Sieg deutlich verbessern!
Sie haben zum Jahresanfang gleich mehrere große Turniere hintereinander absolviert – die Universiade, die Asian Winter Games und die Vier Kontinente. Wie anstrengend war das oder wie hat Ihnen das vielleicht sogar geholfen, um in Topform zu kommen?
Mir scheint, dass es mir geholfen hat, weil ich bei jedem Wettbewerb mit den Sprungelementen, den Pirouetten etc. experimentiert habe. Multisport-Wettbewerbe sind immer interessant, weil man da andere Sportarten sieht, die Fans und die Länder sehr aktiv sind. Daher denke ich, dass das für mich ein großes Plus in dieser Saison war, obwohl es physisch hart war.
Welchen Einfluss hatte es, dass Sie erstmals im Grand Prix Finale waren?
Das gab mir viel Motivation, denn zu den besten in der ersten Saisonhälfte zu gehören ist für mich eine große Errungenschaft. Es war das erste Mal für Kasachstan. Dann hat es eine große Rolle gespielt, dass ich diese Kombination (3A+Eu+4S) in der Kür gezeigt habe. Mir scheint, wenn ich nicht im Finale gewesen wäre, hätte ich diese Kombi erst viel später gemacht. Nach dem Finale gab mir das Selbstvertrauen, dass ich sauber laufen und zu den besten Eiskunstläufern gehören kann.
Was sind Ihre nächsten Pläne in Bezug auf Elemente, Pirouetten, neue Sprungkombinationen für die WM und danach?
Ich überlege, den technischen Inhalt in der Kür schwerer zu machen. Nachdem ich nun bei den Vier Kontinenten damit klar gekommen bin, heißt das, es ist an der Zeit weiterzugehen und es noch schwieriger zu machen. Natürlich will ich meine Pirouetten und läuferischen Fähigkeiten verbessern. Ich hoffe, dass ich bei der WM noch besser als bei den Vier Kontinenten sein werde, denn mein Hauptziel ist es, mich mit jedem Wettbewerb zu verbessern.
Wie läuft die WM-Vorbereitung? Ich hoffe, diesmal gibt es keine Probleme mit dem Visum.
Das Visum habe ich! Das ist mein größter Sieg J Wir bereiten uns in den USA zusammen mit Vanja und Alexej Jevgenievitch vor, um uns an die Zeit anzupassen und in bester Form zu sein.
Welche Gefühle rufen die Olympischen Spiele bei Ihnen hervor? Haben Sie sie früher verfolgt?
Für mich war es immer unvorstellbar, einmal bei den Olympischen Spielen aufzutreten. Natürlich habe ich mir alle Medaillengewinner in fast allen Disziplinen angeschaut, insbesondere die im Einzellauf von 2002. Mein Vater brachte mir in der Kindheit die Rivalität zwischen Jevgeni Plushenko und Alexej Jagudin nahe und ich habe mir die Olympischen Spiele mehrmals angeschaut. Ich habe mir die Auftritte meines Trainers (Urmanov) bei den Olympischen Spielen angesehen. Natürlich habe ich bei den Spielen 2010 und 2014 zusammen mit meinem Papa Denis und Abzal (Rakimgaliev) die Daumen gedrückt. Das hat immer Emotionen und Aufregung hervorgerufen und die Olympischen Spiele sind für mich etwas ganz Starkes, denn dort laufen die Besten und vertreten ihr Land. Ich habe immer davon geträumt, einmal bei den Olympischen Spielen die Ehre meines Landes verteidigen zu dürfen, denn Kasachstan ist ein sehr schönes Land. Bei uns leben viele talentierte Menschen und ich möchte das zeigen.
Interview & Photos: Tatjana Flade