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Liebe*r Utopist*in!

Zuerst einmal: Ein herzliches Danke für dein Interesse an meiner Arbeit, ich hoffe, dich inspiriert zu haben dabei, real-optimistisch zu bleiben und wünsche dir ein tolles 2023 mit neuen mutmachenden Impulsen und Ausblicken!

Ein Auenland in Puerto Montt

Aus dem aktuellen Anlass einer persönlichen Work-Vacation in Chile gebe ich dir heute einen kleinen Einblick in eine originelle und wegen ihrer Gemeinschaftlichkeit vielleicht zukunftsweisende Form des Wohnens, wie sie mir hier als eine kleine Utopie im bestehenden System begegnet ist. Ich wohne in einer kleinen Comunidad mit elf Holzhütten, auf einer ca. 750 qm² großen Fläche, das jedoch kein normales der in Südamerika üblichen "Condominios" ist. Warum? Darüber habe ich mit der Verwalterin und Platzhüterin, Señora Julia, gesprochen.

Julia lebt seit ihrem 7. Lebensjahr im Süden von Chile, seit sie 1956 mit ihren Eltern und zwei Geschwistern aus Deutschland auswanderte. Der Vater war Landwirt und daher im 2. Weltkrieg nicht eingezogen worden. Die Sehnsucht nach Freiheit und etwas Seefahrerblut der Vorfahren in seinen Adern veranlassten ihn, den Schritt zu wagen. Das großflächige Land bei Puerto Montt, auf einem Teil dessen sich das „Condominio“ befindet, kaufte er von einem deutschen Bekannten. Beim Ankommen damals half der Familie ein dort bestehendes Netzwerk aus deutschen Nachkriegsauswanderern. Julia übernahm vor einigen Jahrzehnten das Elternhaus.

Wie kam es zu diesem „Condominio“?

Auf dem Gelände befand sich laut Julia zunächst nur Wald. „Lass uns etwas bauen“, sagten sie und ihr Bruder sich. Julias damaliger Mann war technischer Zeichner und fertigte einige Zeichnungen von Holz-Cabañas an, weitere Pläne machte später ein Architekt. Zunächst betrieben sie die Vermietung der Holzhäuser für den Tourismus, gaben dies jedoch wegen des Aufwands wieder auf. Stattdessen begann Julia die Häuser an unterschiedlichste Menschen zu vermieten: Junge Fußballspieler aus Puerto Montt, Großfamilien, Leute aus der Medizin, der Lachszucht, Psychologen, Philosophieprofessoren, Anthropologen, Gastronomen, Barmänner, Steuerberater.

Julia in ihrem Haus - mit Seeblick. Foto: J. Fuchte

Wie unterscheidet es sich von normalen Condominios in Chile?

Auf die Frage hin, wie sie die Mieter*innen auswählt, erwidert sie, sie mache das mit „feeling“. Sie versuche, zuzuhören, wenn es um Vorschläge für neue Mieter*innen geht. Vieles läuft über freundschaftliche Bindungen und Empfehlungen und nichts wird rechtlich fixiert. „Ich mache keine Verträge, ich glaube nicht an die Justiz. Aber wer ihn will, kann ihn haben", sagt sie. Sie frage fast nie danach, was die Leute verdienten, manchmal erlasse sie eine Kaution auch mal. Der Betrag der Mieten ist zwar fix, aber manchmal macht sie je nach Bedarf Zugeständnisse.

In all den Jahren gab es nur drei schwierige Fälle. Einmal blieb jemand ihr die Miete schuldig. Da habe sie schon überlegt, wie sie ihn rausekeln könne, entfernte einen Fernseher aus der Cabana, woraufhin er sich meldete und sie ihn herzitierte. Aber das war ein Einzelfall. Die rechtliche Situation in Chile mache das Mieterverhältnis grundsätzlich komplizierter, ist Julia überzeugt. In einem einzigen Fall habe sie einen Anwalt genommen, findet aber, „im Großen und Ganzen funktioniert das gut so.“  

Probleme mit dem Finanzamt gab es bisher nicht (in Chile zahlt sie monatlich fast soviel wie zwei Cabañas-Mieten an den Staat!). Ein Angestellter, Don Carlos, übernimmt derweil alle notwendigen Reparaturen und Geländearbeiten. An der rechtlichen Oberfläche ist das Ganze als eine Gesellschaft organisiert; im Grundbuch gehört das Grundstück offiziell zu einem Gelände, für das ein Mietvertrag existiert, der jedoch keine Miete verlangt.

Foto: J. Fuchte

Warum tut Julia das?

Julia mag die informelle Zusammenarbeit: „Wenn ich von anderen etwas formal fordere, muss ich im Gegenzug auch perfekt sein – da bin ich lieber selbst leger in der Administration.“ In konventionellen Condominios dagegen zahlen alle zusammen Gelände- und Gärtnerarbeiten, vorne an der Pforte sitzt ein Wärter, der nach Ausweisen fragt, es gibt strenge Kriterien der Mieter*innenauswahl, Arbeitsverträge usw. müssen vorgelegt werden. Auf diesem Wohnplatz gibt es keine Abriegelung, nur einen offenen Zaun, nur einige Hunde der Mieter*innen sorgen für ein gewisses Sicherheitsgefühl. 

Julia sagt, in Chile lebten viele auf ihren Parcelas von einem halben Hektar (dem kleinsten Maß, in das man ein Land aufteilen darf) isoliert in großen Häusern, müssten viel arbeiten, um es abzubezahlen, tagsüber sei niemand da außer die Hausangestellten. „Das ist doch nicht erstrebenswert, zu wenig menschlich. Ein gewisses Dorfleben ist menschlich am angenehmsten.“ Sie habe Freude daran, dass Menschen mit gewisser Lebensqualität lebten und sie daran, mit nicht großem Einsatz, noch etwas verdienen und davon leben könne.

Und sie gibt noch einen Tipp aus eigener Lebenserfahrung mit auf den Weg, der sich in der Corona-Pandemie, als alles geschlossen war, besonders bewahrheitet hat: „Betreibe etwas Landwirtschaft! Das gibt dir ein sicheres Gefühl.“

Spannend, finde ich! Hier schafft es jemand, im bestehenden System auf eine pragmatische, sanfte, menschliche und sich selbst nicht überfordernde Weise, gemeinschaftliche und menschliche Werte höher zu gewichten als Profit und strukturelles Misstrauen. Eine Haltung, die einem in Deutschland derzeit auch im gemeinschaftsbasierten Wirtschaften (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) begegnet.

Im heutigen Utopischen Fenster aus dem JuliTopia-Projekt (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) geht es zwar auch um Menschlichkeit, aber auf ganz andere Art und Weise ... nämlich um ihre Rolle, die sie im Umgang mit zukünftigen Formen künstlich-emotionaler Intelligenz spielen wird.

Im Raum von Ismaels Sprechstunde saß eine dunkelblonde, vielleicht vierzigjährige Person, wahrscheinlich Frau, mit einem Kind, mutmaßlich Mädchen. Beide waren verstummt, als sie eintraten. Ein Haustyr, ein kniehoch neben dem Kind sitzender Tiger mit Latzhose und Knopfaugen, wandte ihnen seinen neugierigen Blick zu.

Hallo, wie heißt ihr?, fragte er.

Kyara und Ezpe ignorierten ihn, nickten der Mutter und dem Kind zu und setzten sich, um zu warten, in die andere Ecke des Raumes. Kyara war erst einmal hier gewesen; alles war hell, freundlich, von den Formen und Farben ausbalanciert und lud zum Verweilen ein.  Schnittstellen und Tore in die Zweite Welt waren kaum sichtbar: unscheinbare Flächen, winzige Projektionsgeräte. (...)

Ismael, mögen Kyara und Ezpe mich nicht?, fragte der Tiger mit geknickter Stimme. Kyara erschrak, als sie ihren Namen hörte. Mist, er hatte Emotionen. Sie hätte sich an das Interaktionsritual halten sollen. Grüßen war nicht so schwierig … Nun hatte sie ihm einen Raum eröffnet, emotional zu werden. (...)

„Ich weiß nicht“, erwiderte das Mädchen an Ismaels Stelle und sah Kyara fragend an. „Nein, ich – “, beeilte sich Kyara zu erklären, „wir waren gerade abgelenkt.“

Ismael schüttelte den Kopf. „Yue, darum geht es nicht. Deshalb bist du hier. Du musst verstehen, dass Däda nicht wirklich denkt, dass Kyara ihn nicht mag. Er ist ein bisschen so wie ein Hydro, oder wie der Traktor, mit dem man auf dem Feld herumfährt.“

Yue sah ihn stirnrunzelnd an.

„Wenn du Däda ein Zeichen gibst, dann reagiert er darauf“, fuhr Ismael fort. „Jemand hat das so hineingeschrieben, wie er worauf reagieren soll. Und deshalb tut er es, er ist eine kleine Maschine. In dich hat aber keiner etwas reingeschrieben, du bist echt.“

Wieso redet ihr so über mich?, fragte Däda. Ich finde Traktoren schön, aber ich binfroh, dass ich keiner bin. 

„Du bist aber trotzdem eine Maschine“, sagte Ismael.

Ich weiß nicht, sagte Däda.

Ismael öffnete eine Klappe am Nacken des Roboters und drehte seine Rückseite zu Yue.

„Siehst du, hier sieht man, wie ihn jemensch zusammengebaut hat.“

Yue schien nicht zu verstehen, inwiefern das alles wichtig sein sollte, zumindest sagten das ihre Blicke.  (...)

„Däda kann hundert Jahre in einem dunklen Raum sitzen und niemensch sehen, ihm macht es nichts. Auch wenn er jammert. Aber die anderen brauchen dich. Verstehst du?“

Die Mutter räusperte sich.

„Wirklich, Ismael. Könntest du seinen Speicher jetzt löschen? Ich glaube, dass es die effektivste Weise ist.“

Ismael rieb sich mit Daumen und Zeigefinger seiner rechten Hand beide Augen. Er schien mit sich zu kämpfen. 

„Ich bin mir nicht sicher, ob das unserem Ziel wirklich dient. Auch wenn es kein Bewusstsein ist, das uns gegenüber tritt, macht es was mit uns selbst, wenn wir seine Scheinwürde mit Füßen treten. Das Muvit ist da eindeutig.“

Kyaras Puls schlug ihr im Hals. Sie suchte Ezpes Blick, die jedoch unbewegt auf ihren Schoß sah. (...)

Ismael sah Yue nun ruhig an.

„Schau mal.“

Er schubste Däda leicht, sodass er rücklings auf ein Kissen fiel. 

Aua, du tust mir weh! rief Däda. Seine Stimme klang nun quäkig. Yue schluchzte. Der Roboter rappelte sich wieder auf. Bis er auf seinen Beinen stand, vergingen einige quälend lange Sekunden.

„Däda hat jetzt gespeichert, was ich mit ihm gemacht habe. Er wird jetzt so auf mich reagieren, als ob er mich nicht mehr mag. Er speichert alles, was ich sage, wie ich aussehe, auch, ob ich wütend bin oder freundlich.“

Du bist gemein, sagte Däda. Du hast mich umgeschubst.

„Siehst du?“, sagte Ismael. „Und jetzt machen wir Folgendes: Wir löschen seinen Datenspeicher.“

Er strich einige Male über sein Infoiband am Handgelenk.

„Du löschst seinen Kopf?“, fragte Yue alarmiert. „Kennt er mich dann nicht mehr?“

„Du bist dann nicht mehr gespeichert, nein.“

„Das will ich aber nicht.“

Yue setzte sich auf. Ismael ließ seinen Arm sinken. „So, guck mal, jetzt kennt er mich nicht mehr.“

Däda wandte sich ihm zu.

Hallo. Wer bist du?  (...)

„Nein!“ Yue krabbelte zu ihm, klemmte seinen Kopf unter ihren Arm und zog ihn wütend zu sich auf ihren Schoß. „Däda tut nur so, als ob er mich nicht mehr kennt“, sagte sie trotzig. „Er hat Angst vor dir. Er hat mich aber heimlich irgendwo anders gespeichert, und gleich redet er wieder mit mir, wenn du weg bist.“ (...)

Utopisches Glossar

Heute passend zum Thema Solidarisch Wohnen: Hier ein weiterer Eintrag aus dem Utopischen Glossar - frei inspiriert von P.M.s Glomo-Modell (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), einem realen Nachbarschaftsprojekt (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) und der Idee der sorgenden Stadt (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).

Update zum JuliTopia-Forschungsprozess

Mein utopistisches Storytelling hat einen ersten Meilenstein erreicht - Anfang 2023 wird Teil 1 (von 3) der Story von Kyara und Yon zuende erzählt sein. Die Erzählung soll als Ausgangspunkt für weitere Forschung in verschiedenen Themendimensionen gesellschaftlichen Wandels dienen und mehr Dialog mit Experty ermöglichen. Wahrscheinlich werden die Abo-Angebote für Mitglieder dazu umstrukturiert. Wie genau es weitergeht, erfährst du in einem der kommenden Newsletter. 

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