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„Leben & Sterben” (Gastbeitrag Alena Buyx)

Eine Krise (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) ist, von der Wortherkunft her, eine entscheidende Wendung - ein Wendepunkt. Und so ist die Einsicht, dass in jeder Krise auch eine Chance liegt, vielleicht sogar die Möglichkeit zur Wendung ins Gute, mehr als bloß eine Plattitüde. Auf die Coronakrise zurückblickend stelle ich fest, dass diese eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung und eine medizinische wie politische Notlage war - gleichzeitig jedoch hat sie uns resilienter gemacht und uns gezeigt, dass wir auch aus schwierigen Situationen gemeinsam das Beste machen können.

Alena Buyx (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) ist mir in der Coronazeit besonders aufgefallen, weil sie – als Philosophin und zugleich als Ärztin – die gesellschaftlichen Wendepunkte immer wieder unter die Lupe nahm; immer abwägend, klug und differenziert. Die Pandemie hatte vielleicht insofern ihr Gutes, als dass Stimmen wie Alena Buyx (und auch Christian Drosten und viele weitere) stets zur Stelle waren – oft mit den richtigen Antworten, viel öfter aber, und auch typischer für die Wissenschaft, mit den richtigen Fragen.

Umso mehr freue ich mich, dass Alena jetzt ein Buch geschrieben hat, das sich an eine breite Öffentlichkeit richtet und ebenso viele gute, wichtige, Wendepunkt-Fragen aufwirft: „Leben und Sterben - Die großen Fragen ethisch entscheiden” (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) ist soeben erschienen. Unter allen, die diesen Auszug in den Sozialen Netzwerken teilen (idealerweise so, dass ich es mitbekomme), verlosen wir drei Exemplare von (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Leben und Sterben”. Viel Spaß mit dem Gastbeitrag von Alena Buyx!

Jan Skudlarek

Tod und Sterben in der Medizin

Ein Experiment

Zu Beginn meiner Hauptvorlesung mache ich mit meinen Studierenden immer eine kleine Übung. Ich bitte sie, die Augen zu schließen und sich ihr Sterben vorzustellen.

Das stößt immer erst einmal auf etwas betretene Gesichter – wer denkt schon über den eigenen Tod nach, mit Anfang, Mitte 20? Und das auch noch auf Knopfdruck, und so abstrakt? Ich präzisiere dann ein wenig und stelle die Frage noch einmal anders: »Wie würden Sie sich die Situation wünschen, in der Sie Ihren letzten Atemzug tun? Haben Sie sich in der Vergangenheit vielleicht schon mal vorgestellt, wie es wohl ist, zu sterben?« Letzteres haben fast alle Menschen schon getan, oft bereits im Kindesalter. Und auch in meinem Hörsaal funktioniert das. Nach zwei, drei Minuten absoluter Ruhe – was bei ungefähr 150 Studierenden die Ausnahme ist – bitte ich dann um Wortmeldungen.

Was glauben Sie, liebe Leserin und lieber Leser, ist wohl die häufigste Antwort? Na kommen Sie, machen Sie mit. Schließen Sie kurz die Augen und stellen Sie sich vor, es wäre Ihr letzter Moment, oder erinnern Sie sich an ältere Überlegungen dazu. Wie sieht das aus? Wo sind Sie? Wer ist dabei?

Meine Studierenden sagen jedes Semester verlässlich ähnliche Dinge. Bei den jungen Leuten, die ich unterrichten darf, ist es kein Wunder, dass oft die Vorstellung kommt, einfach im eigenen Bett einzuschlafen und nicht mehr aufzuwachen – wobei dann immer jemand anmerkt, dass das für Angehörige auch recht schlimm sein kann. Regelmäßig wird von Vorstellungen erzählt, die ich auch habe: Man liegt in einem hellen, freundlichen Schlafzimmer im Bett, umringt von Menschen, die man liebt, und schlummert in deren Kreis sanft ein. Ich habe da ein ganz genaues Bild: Das Zimmer ist von Sonnenlicht durchflutet; mein Mann und meine Söhne sind da, weitere geliebte Familienmitglieder und etwas nebulös, weil gegenwärtig noch nicht existent, Partnerinnen oder Partner der Söhne, Enkelkinder usw. Ich, mit friedlichem Gesichtsausdruck, nicke umringt von Liebe langsam weg und sehe innerlich ein immer stärker werdendes, gleißendes Licht.

So etwas beschreiben meine Studierenden auch. Manche haben etwas außergewöhnlichere Ideen bezüglich des Ortes: »Mit Blick auf den Starnberger See« hört man ab und zu bei uns in München, oder in Kiel »an der Förde, mit Seeluft um die Nase«. Hier und da kommen auch Beschreibungen von plötzlichem Herztod beim Sport oder bei etwas, das man sehr gern macht (Motorrad- oder Skifahren, Schwimmen im Meer, Geigespielen usw.). Und natürlich bringt immer mal wieder jemand den Spruch mit dem Tod beim Sex. Muss sein.

Niemand, wirklich niemand in den jetzt bald 20 Jahren universitärer Lehre hat jemals gesagt: »Ich möchte meine letzten Atemzüge gern auf einer Intensivstation verbringen, mit allerhand Schläuchen und Zugängen in mir, künstlich ernährt, mit Beatmungsschlauch im Hals, der mich am Sprechen und Schlucken hindert, mit fluktuierendem Bewusstsein, während um mich herum die Monitore piepen und ab und zu eine Intensivpflegekraft vorbeischaut.« Und ebenso wenig habe ich von jemandem gehört: »Ich wünsche mir, in einem Zimmer in einem Krankenhaus oder einem Altenpflegeheim zu sterben, allein, nachdem ich noch einige Behandlungen über mich habe ergehen lassen, die ich nicht verstanden habe, voller Unruhe und Angst – oder mit Atemnot.«

Das ist immer ein eindrückliches Experiment mit meinen Studierenden – und vielleicht ja auch mit Ihnen, liebe Leserin und lieber Leser. Die Studierenden haben, wenn meine Hauptvorlesung stattfindet, schon einige Zeit in Einrichtungen des Gesundheitswesens verbracht. Sie wissen deshalb sofort, worauf ich sie mit dieser Übung stoßen will: Wir sterben leider nicht so, wie wir es gern würden. Wunsch und Wirklichkeit klaffen bei wenigen Bereichen in der Medizin so stark auseinander wie beim Sterben. Über 70 Prozent der Menschen sterben in Einrichtungen des Gesundheitswesens, Tendenz steigend; mechanisch beatmet sterben aktuell (2024) in Deutschland fast unglaubliche knapp 11 Prozent (Studie im Anhang).

Der Tod war schon immer der erklärte Feind der Medizin. Das Vermeiden, Heilen und Lindern von Krankheiten ist meist – und insbesondere in den Jahrzehnten bis nach dem Zweiten Weltkrieg – ein recht unmittelbarer Kampf mit dem Tod gewesen. Bevor es beispielsweise Antibiotika gab, konnte schon ein eitriger Backenzahn durchaus rasch in den Tod münden. Die vergangenen gut 100, 150 Jahre haben beispiellose Fortschritte in diesem Kampf gebracht. Nicht nur haben wir mit sauberem Wasser, der Begrenzung von Schadstoffen in unserer Lebenswelt, Impfungen, besserer Ernährung etc. enorm positive Effekte auf die Lebenserwartung insgesamt. Wir kennen und bekämpfen heute zudem die direkten Ursachen vieler Erkrankungen besser und haben mit vielen Behandlungsmöglichkeiten, vor allem der Intensivmedizin, seit etwa den 1960er Jahren zunehmend effektive Werkzeuge gegen den Tod in der Hand: Etwa künstliche Beatmung, Herz-Kreislauf-Unterstützung, Blutwäsche (Dialyse), Wiederbelebung (Reanimation) und vieles mehr. Ebenso verschiedenste Operationen, Eingriffe, Therapien und Medikamente in der chronischen Versorgung. Man kann gar nicht genug betonen, was das für ein phantastischer Fortschritt für uns als Menschheit ist. Den wollen wir definitiv nicht mehr missen.

Aber – und natürlich folgt ein Aber, sonst hätte ich das Kapitel ja nicht so begonnen – dieser Fortschritt hat das Sterben dramatisch verändert. Früher, sagen wir vor 150 Jahren, sind die meisten Menschen eines ›natürlichen Todes‹ gestorben, mit ein wenig Glück an Altersschwäche; unter zunehmender Müdigkeit sind sie weggedämmert und entschlafen. Oder aber sie wurden dahingerafft von einer komplizierten Geburt, einem Unfall, einer Krankheit; mit Pech erst nach einer gewissen Leidensphase, die Tage, Wochen und in sehr seltenen Fällen auch einmal Monate dauern konnte. Sterben war auch damals nicht immer ›schön‹. Aber es war ein Teil des Lebens, der bei Familien dazugehörte, weil das Sterben meist zu Hause stattfand. Sterben wurde überwiegend als Schicksal und eben auch als Teil des Alltags wahrgenommen und erlebt. Entsprechend gab es vertraute Rituale, kulturelle und religiöse Praktiken, um das Sterben und den Tod zu integrieren und zu bewältigen.

Das ist, wie gesagt, heute anders. Das wissen meine Studierenden – und Sie wissen das auch. Die meisten von uns haben im Familien- oder Freundeskreis bereits erlebt, wie es heute ist zu sterben. Das können mal bessere, mal schlechtere Erfahrungen sein. Zu oft allerdings, das bestätigen Studien, entspricht das Sterben nicht den Vorstellungen und Wünschen von sehr vielen von uns.

Der gute Tod, das gute Sterben

Auch wenn das gute Sterben und der gute Tod im Detail für jeden ein wenig anders aussehen, gibt es in der westlichen Welt eine Reihe weitgehend geteilter Vorstellungen – von besonderen religiösen Überzeugungen und Notwendigkeiten einmal abgesehen: ein Sterben in Würde, ohne demütigende, angstvolle Phasen und Erlebnisse, ohne Schmerz, Schuld und zu große Angst. (Ganz ohne Angst ist es wohl kaum möglich. Mein geschätzter Kollege Ralf Jox hat verschiedene Studien und Beobachtungen zum Sterben in seinem bereits 15 Jahre alten, doch noch immer sehr lesenswerten Buch zusammengetragen, die einen guten Überblick bieten; siehe Anhang.) Für die meisten Menschen ist heute das Gefühl wichtig, dem Tod nicht ohne Unterstützung ausgeliefert zu sein. Noch entscheidender ist aber für viele das Bedürfnis, möglichst selbstbestimmt zu entscheiden, was am Lebensende passieren darf und was nicht. Wenig überraschend gehen die ganz konkreten Vorlieben dann weit auseinander. Und mit dieser Vielfalt umzugehen, ist gar nicht so leicht. Denn – und damit kommen wir zu einer der durchgreifenden Folgen unseres phantastischen medizinischen Fortschritts – das Sterben findet heutzutage ein großes Stück weit im medizinischen System statt. Der Tod passiert nicht mehr hauptsächlich zu Hause und im eigenen Haushalt, dort, wo man üblicherweise alles oder zumindest das meiste selbst bestimmt und entscheidet. Das Sterben wird verlagert in die Einrichtungen des Gesundheitswesens. Und hier werden bei allem, was Medizinerinnen und Mediziner anbieten, um das Sterben hinauszuzögern, zu besiegen, zu begleiten, Entscheidungen gefordert. Wir können in der Medizin im gewissen Rahmen das Leben verlängern oder auch das Sterben aufhalten. Und Entscheidungen am Lebensende sind schwierig. Was soll am Lebensende noch alles gemacht werden, und wie lange? Wer soll das wie entscheiden? Wie erkennen wir heute das Lebensende? Wie kann die Selbstbestimmung von Patientinnen und Patienten auch am Lebensende respektiert werden, wenn sie sich selbst nicht mehr äußern können? Wie können wir das gute Sterben in den Institutionen des Gesundheitswesens gewährleisten? […]

Auszug aus: Leben und Sterben. Die großen Fragen ethisch entscheiden. S. Fischer, 2025. S. 75-80

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© TUM/Lara Freiburger

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