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Es war komisch, den Überfall auf die Ukraine in Italien zu erleben. Jedenfalls für mich, als Tochter eines Ostpreußen und einer Schlesierin, die, wenn sie „bei uns zu Hause“ sagt, nicht das Ruhrgebiet meint, in dem sie seit 1948 lebt. "Die Ukrainer" sind Teil meiner Kindheit, genau wie "die Polen", "die Tschechen" und natürlich "der Russe", die in jeder Unterhaltung der Erwachsenen wie Flaschengeister auftauchten.

Ich dachte an die Menschen, die ich während meiner Reportagen in der Ukraine kennengelernt habe: Die Frauen, mit denen ich in einem schlingernden ukrainischen Bus vom polnischen Przemysl nach Lemberg fuhr; Frauen, die in Polen arbeiteten und das Geld nach Hause schickten, zu Männern, die noch in Lemberg lebten, weil sie zu stolz waren, um in Polen Arbeit anzunehmen. 

Ich dachte an die Übersetzerin Natascha, Fachfrau für Zwischenmenschliches und für komplizierte Satzkonstruktionen, die uns beibrachte, dass Odessa keine Stadt, sondern ein Glaubensbekenntnis ist: Entweder du liebst Odessa. Oder. 

Ich dachte an Kapitän Kremlyansky, Kapitän auf der Druzhba, dem Segelschulschiff der Marineakademie von Odessa, das den Hafen nicht verließ, weil kein Geld da war. Kremlyansky war Kapitän in der zehnten Generation, in seiner Familie gab es Helden und Märtyrer, Träumer und Utopisten - im Marinemuseum von Odessa war nicht nur den aufständischen Matrosen vom Panzerkreuzer Potemkin eine ganze Abteilung gewidmet, sondern auch den furchtlosen Kremlyanskys. 

Als wir uns verabschiedeten, hob Kapitän Kremlyansky sein Glas und sagte: Auf unsere Kinder! Auf dass sie unsere Gräber mit Blumen schmücken!

Ich dachte an die vertriebenen Ukrainer, Opfer der Aktion Weichsel, von denen ich keine Ahnung hatte, bis ich eine Reportage längs der EU-Ostgrenze machte und im Zimmer des Schuldirektors der - damals einzigen - ukrainischen Schule in Masuren stand. 

Ich dachte an das ostpolnische Dorf am Rand der Karpaten, in dem ich Lebensgeschichten hörte, die der meiner Familie glichen: Um die ukrainischen Nationalisten zu bekämpfen, wurden nach dem Krieg ganze Dörfer an der Grenze zur Ukraine niedergebrannt und die ukrainischstämmigen Bewohner gezwungen, ihre seit Jahrhunderten angestammte Heimat zu verlassen und sich in Masuren, Schlesien und Pommern niederzulassen - in Orten, aus denen die Deutschen vertrieben worden waren.

Das Eigentum der vertriebenen Ukrainer wurde verstaatlicht. Während des Kommunismus war diese Vertreibung ein Tabu. Erst 1997 entschuldigte sich der polnische Präsident Aleksander Kwasniewski mit einer Versöhnungserklärung für diese "Aktion Weichsel" genannte Vertreibung.

Für meine Mutter ist der Krieg jetzt wieder ganz nah: die Flucht, das "dann waren wir beim Russen, beim Polen, beim Tschechen", die Toten, die an den Bäumen hingen, meine Tanten, die sich auf dem Dach versteckten, um nicht vergewaltigt zu werden, die ermordete Familie meines Großvaters.

Bis es abgerissen wurde, lebte in dem verlassenen Haus meiner schlesischen Großeltern ein aus seiner ostpolnischen Heimat vertriebener Ukrainer, Herr Szuster. Meine Tante besuchte ihn jeden Sommer. Einmal war ich dabei, mit meiner Mutter. Als wir ihn trafen, küsste Herr Szuster uns allen die Hand und fragte meine Mutter: Heißen Sie Isabella? Und meine Mutter sagte: Schön wär’s.

Und weil der Osten plötzlich wieder so nah war, telefonierte ich auch mit meiner polnischen Freundin und Übersetzerin Hanna, deren Familie aus Litauen vertrieben wurde (Opens in a new window), und die sich daran erinnerte, dass ihre Mutter immer wie verrückt einkaufte, wenn sie hörte, dass irgendwo ein Krieg ausgebrochen war. 

In Italien hingegen schien das, was in der Ukraine passiert, sehr weit weg. Schließlich hatte Mario Draghi, der von den Medien wie ein Mann der Vorsehung verehrte Ministerpräsident, noch am 15. Januar versichert, Putins Truppenaufmarsch deute nicht auf eine bevorstehende Invasion der Ukraine hin, sondern beweise, dass Russland „Teil des Willensbildungsprozesses“ sein wolle. Erst am Morgen des 22. Februar nahm man hier wahr, dass da was nicht stimmte, in der Ukraine. Sofort drängelten sich auf Facebook die Ost-Experten (Opens in a new window), mit den Expertisen, die im Wesentlichen um "Und Amerika?" kreisten, um "Was heißt hier Russland ist ein autoritäres Regime, wir haben hier auch keine Demokratie", und um "Die Nato ist schuld". Experten, die ganz genau gewusst hätten, was hätte getan werden müssen, wenn sie nur einer gefragt hätte. 

In Venedig, diesem Vergnügungspark, in dem ich lebe, macht man sich natürlich vor allem Sorgen darum, welche Auswirkungen der Überfall auf die Ukraine auf den Karneval haben könnte. Wann russische Oligarchen wie Abramowitsch wieder ihre Yachten am Ufer Sette Martiri anlegen und das Casino besuchen würden. Und wie sehr die Sanktionen gegen Russland den Export des Veneto beeinträchtigen könnten. Seitdem die Kuratoren des Pavillons der Ukraine erklärten (Opens in a new window), dass ihre Teilnahme an der Biennale unsicher sei, kreist im Netz eine Petition, die den Ausschluss Russlands fordert. Hysterie allerorten. 

Unerschrocken machten sich die italienischen Medien auf die Suche (Opens in a new window)nach den Putin-Verstehern unter den italienischen Politikern, wobei sie die Qual der Wahl hatten. Allen voran natürlich Berlusconi, für den sein Freund Wladimir nichts Geringeres ist als  "eine Gabe Gottes", ebenso wie für Giorgia Meloni, die noch 2018 Putin zu seiner Wahl gratulierte (Opens in a new window): "Glückwunsch an Putin, der Wille des Volkes ist unmissverständlich". Der vielseitig beschäftigte Matteo Renzi wollte nichts mehr von seinen russischen Beraterverträgen wissen und entschied sich zu der kühnen Tat, unverzüglich aus dem Vorstand von Delimobil zurückzutreten, Russlands größtem Carsharing-Unternehmen. Und Matteo Salvini, der noch 2015 twitterte (Opens in a new window): "Biete zwei Mattarella für einen halben Putin", und der im Jahr 2018 dabei erwischt wurde, wie er mit einem seiner Statthalter in einem Moskauer Hotel mit drei Russen über eine Finanzierung von 65 Millionen Dollar für die Lega sprach, legte jetzt allen Ernstes Blumen vor der ukrainischen Botschaft (Opens in a new window)nieder, bekreuzigte sich und küsste das Kruxifix, das er um den Hals trägt.

Der einzige, der sich nicht verrückt machen  lässt, ist der Bürgermeister von Venedig. Während die Panzer durch die Ukraine rollten, freute er sich über den Karneval. 

Jetzt muß ich tragen ein schwarzes Kleid/Das ist für mich ein großes Leid/Ein großes Leid und noch viel mehr/Die Trauer nimmt kein Ende mehr. 

(aus: Der treue Husar (Opens in a new window))

In diesem Sinne grüßt Sie aus Venedig, Ihre Petra Reski 

 

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