Zwischen den Welten

In den vergangenen Tagen hatte ich mir viele Gedanken darüber gemacht, was es heißt, in seiner eigenen Realität zu leben. Gibt es tatsächlich viele Realitäten aber nur eine einzige Wahrheit? Eine Illusion kann sich wie Realität anfühlen, zerbröselt aber wie Streuselkuchen, wenn sie mit der Wahrheit konfrontiert wird.

Der Pier von Valle Gran Rey, David & Wolfgang

Meine Gedanken werden genährt aus Gesprächen mit Jürgen, dem "weisen Alten" in unserer Mitte, in denen über verschiedene Bewusstseinszustände und unterschiedliche Bewusstseinsebenen gesprochen wurde. Es ging dabei um verschiedene Realitäten, die gleichzeitig stattfinden können.

Ich werde das hier aber nicht weiter ausführen, weil mein Verstand dabei an seine (derzeitigen) Grenzen der Vorstellungskraft und des Fassungsvermögens stößt. In diesem Zustand darüber zu schreiben wäre ziemlich vermessen...

Der andere Grund für meine Gedanken ist die derzeitige Aufteilung unserer Gemeinschaft. Wir leben gerade in verschiedenen Welten obwohl wir Luftlinie nicht einmal 20 km voneinander entfernt sind.

Ist man sich seiner Realität jederzeit bewusst? Will man das überhaupt?

La Gomera macht das möglich. Die relativ kleine Insel ist wie ein Kontinent in Miniatur. Auf kleinstem Raum kann man hier in unterschiedlichen Welten leben, einmal davon abgesehen, dass gerade auf dieser Insel das Thema mit den verschiedenen Realitäten und Bewusstseinszuständen im Besonderen, sehr präsent ist.

Das Schiff im Tal des großen Königs

Die Stahlratte im Hafen von Valle Gran Rey ist momentan meine Welt. Zusammen mit Nadine und Matthias kümmere ich mich um das Schiff. Es muss bewacht und gepflegt werden, so lange wie es sich noch in unserem Besitz befindet. 

Die Verkaufs-Ausschreibungen benötigen viel Hingabe und die alte Dame sollte noch ein paar Einnahmen ermöglichen, damit zumindest die Liegekosten gedeckt werden können. Aus diesem Grund gibt es ein neues Konzept: Wir vermieten Schlafkabinen für Gäste und bieten Ausfahrten an. Da gibt es jede Menge zu organisieren und sich um das Wohl der Gäste zu kümmern. Es gilt Werbung zu machen und Kontakte zu knüpfen und sie zu pflegen.

Da wächst die Verantwortung - hier gilt es Mut und Hoffnung zu vermitteln! Keine Resignation vor dieser Welt, am besten gilt es: Anpacken!

Mittlerweile kenne ich so viele Menschen in diesem überschaubaren Städtchen, dass ich kaum eine Besorgung erledige, ohne ein oder mehrere Gespräche auf der Straße zu führen. Jede Menge bekannter Gesichter begegnen mir auf den üblichen Wegen. Das hat schon fast etwas von Heimatfeeling - aber eben nur ein bisschen! Es sind die unterschiedlichen Realitäten, in denen sich die Menschen denen ich begegne befinden, die mir klar werden lassen, dass der Begriff Heimat hier nicht passen würde. Es wäre nur noch eine weitere Illusion in diesem Meer von Träumen, Idealen, Hoffnungen, aber auch von Enttäuschungen und Irrwegen.

Der Tourist möchte genießen, um möglichst viele positive Momente in der zur Verfügung stehenden Zeit zu erleben. Seine idealisierte Realität sieht ganz anders aus als z. B. diejenige eines Restaurantbesitzers an der Strandpromenade, diejenige eines Pensionärs der hier den Winter verbringt oder diejenige eines einheimischen Busfahrers.

Welche Realität davon ist denn nun die echte? Jede oder keine davon?

Valle Gran Rey

Wie steht es mit der Realität der sich in den unterschiedlichsten Theorien verfangenen modernen Spiritualisten aus? In welcher Realität befinden sich die zahlreichen jungen Menschen, die auf der Suche nach dem einstigen Hippie-Feeling sind und sich dafür mit den unterschiedlichen Bewusstseins-verändernden Substanzen in eine künstliche Realität beamen?

Mein Verstand ist damit überfordert die Wahrheit zu meinen eigenen Fragen heraus zu finden. Es ist das Gefühl was mir sagt, dass die wahrhaftige Realität eine andere sein muss. Spricht man Jürgen auf diese Themen an, so kommt er so richtig in Fahrt. 

Da ist dann von verschiedenen Bewusstseinsebenen die Rede, von gleichzeitig stattfinden Realitäten und anderen Dimensionen. Ich finde es jedes Mal spannend darüber etwas zu erfahren, obwohl mir auch mit jedem Mal die Beschränktheit meines Verstandes vor Augen geführt wird.

Ich werde wohl noch öfter Fragen dazu stellen müssen, bis ich tatsächlich ein eigenes Bewusstsein dazu entwickelt habe....

Die andere Welt: Willkommen im Flüchtlingsheim

Ok, ich übertreibe ein klein wenig - aber nicht wirklich im großen Stil. Die gemietete Finca, in der die Spirebos (außer uns drei Schiffshüter) als Übergangslösung wohnen, gleicht schon ein bisschen einem Flüchtlingslager. Acht bis zehn Personen in einem Raum, der lediglich für die halbe Anzahl konzipiert ist. 

Ein Aufenthaltsraum in dem nicht alle Mitglieder einen Sitzplatz haben können, weil es die Raumgröße einfach nicht ermöglicht. Eine Veranda die als Büro, Gästeempfangsbereich und Abstellplatz gebraucht wird. Eine Küche, die statt für 25 Personen ursprünglich für max. 10 Gäste geplant war.

Schlafraum in der Enge für 10 Leute & 3 Hunde -  und dabei trotzdem glücklich! Immerhin haben wir ein Dach über dem Kopf und und sind zusammen :)

Ohne die Erfahrung der Enge die das Leben auf einem Schiff mit sich bringt, wäre es wohl ziemlich schwierig, mit dieser Situation gut klar zu kommen. Aber es ist schon erstaunlich, wie alle Beteiligten mit diesen Bedingungen umgehen. 

Ich als Mitglied des Außenpostens im knapp 1000 m tiefer gelegenen Hafenstädtchen Valle Gran Rey erlebe diesen Alltag nur ab und zu, wenn ich mal wieder zu Besuch bin, um alle aus dem Familienkreis wieder zu sehen, mich mit ihnen auszutauschen und um die Energie des umgebenden Waldes aufzunehmen. Tagsüber relativiert sich das Platzproblem in diesem Häuschen. 

1 500 Pflanzen wurde auf den wieder hergestellten Terrassen schon gepflanzt

Dann sind bis auf das Küchenteam, Kati mit ihrer kleinen Lea und Jürgen, der rund um die Uhr energetisch am Arbeiten ist, alle auf der neuen Finca am Arbeiten. Ca. 30 Min. Fußweg entfernt, mitten im Wald liegt die von uns übernommene Finca. Sie ist uns vertraglich zugesagt, sofern wir die komplette Zahlung bis zu einem Stichtag leisten. Wäre nicht schlecht wenn die Stahlratte verkauft würde, sonst wird es eng...

Das Grundstück lag über 30 Jahre brach, also ungenutzt. Es war auf den ersten Blick nicht von der umgebenden Waldlandschaft zu unterscheiden. Aber in den vergangenen Wochen wurde gewirbelt - aus der Distanz bekomme ich die Veränderungen nur sporadisch mit aber es geht eindeutig voran! Sie haben bereits ein Kartoffelfeld angelegt, rund 1 500 Gemüse Pflänzchen gesetzt, einen Dachstuhl erneuert...

Wir lassen gemeinsam eine neue Zukunft entstehen und dennoch befinden wir uns in unterschiedlichen Welten. Die da oben in den grünen und feuchten Bergen und wir da unten im warmen aber von Fels umgebenen Küstenort. 

Timo, David & Mathis beim Ausbessern des Dachstuhles

Die Gärtner und Handwerker auf dem Waldgrundstück, das Küchenteam im Flüchtlingsheim, Jürgen der mit seinem Geist irgendwo in anderen Dimensionen unterwegs ist und die Hüter der Stahlratte im Hafen von Valle Gran Rey, die viel im Kontakt und Austausch mit dort lebenden deutschen Auswanderern sind und das neue Gästekonzept für Touristen anbieten.

Doch uns verbindet unsere gemeinsame Philosophie und der Wunsch, sich für eine liebevollere Welt einzusetzen. So kann man an ganz verschiedenen Fronten tätig sein und sich dennoch als Gemeinschaft verbunden wissen.

Ich wünsche Euch möglichst viel Wahrhaftigkeit innerhalb Eurer eigenen, individuellen Realität!

Von Herzen, Manfred

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