1. Kapitel

Diese Geschichte könnte eine ganz normale sein. Eine Geschichte über zwei Schwestern, die ein schönes Leben haben. Aber es ist keine normale Geschichte, denn diese beiden Schwestern umgibt ein Geheimnis. Trotzdem ist es ein schönes Leben, auch wenn sie sich vielleicht gewünscht hätten, dass es weniger besonders ist.

Fiene wacht in ihrem gemütlichen Bett auf. Es ist Anfang März und ihre liebste Zeit des Jahres beginnt: die Sonne scheint morgens in ihr Bett und kitzelt sie an der Nase bis sie aufwacht. Mit noch geschlossenen Augen hängt sie ihrem Traum nach, ihre Schwester Lisa kam darin vor, aber an mehr kann sie sich nicht erinnern. Ihre braunen schulterlangen Haare liegen verwuschelt auf dem weißen Kissen und ihre herzförmigen Lippen sind vom Schlafen noch leicht geöffnet. Andere Menschen würden sie als sehr schön bezeichnen, ihr ist das aber egal.

Es sind Karnevalsferien und Fiene weiß, dass sie einen gemütlichen Tag vor sich hat. Vielleicht kann sie später mit ihrer Schwester Playstation spielen oder zur Mittagszeit wieder in ihrem Fenster sitzen und ein Buch lesen. Noch ahnt sie aber nicht, dass dieser Tag so ganz anders wird, als alle anderen in ihren Ferien. Sogar ganz anders als alle Tage, die sie je erlebt hat.

Fiene öffnet die Augen und blinzelt in die Sonne, es ist wieder so ein schöner Tag. Sie schlägt ihre Bettdecke zurück und steht auf, schaut aus ihrem Fenster im ersten Stock in den Garten. Dort sieht sie die schönen Kirschbäume, die noch vom Winter ihre nackten Zweige in die Luft strecken. Bald ist es soweit und die zartrosa Kirschblüte wird von ihrem Fenster aus zu sehen sein.

Immer noch auf nackten Füßen und in ihrem rosa Schlafanzug geht Fiene aus ihrer Tür, über den Flur und klopft bei ihrer Schwester Lisa an die Tür. Wie erwartet, antwortet ihre Schwester nicht und Fiene öffnet trotzdem die Tür. Lisa liegt in ihrem Bett, ihr langes hellbraunes Haar noch mehr durcheinander als das von Fiene, ihre rehbraunen Augen noch geschlossen. Sanft hebt sich die Bettdecke unter ihren Atemzügen und Fiene denkt, dass sie ihre kleine Schwester selten so friedlich erlebt wie beim Schlafen. Fiene schmunzelt, sie hat Lisa noch nie friedlich erlebt und die Beschreibung „friedlich“ wäre die letzte, mit der sie ihre Schwester beschreiben würde. Lisa ist ein richtiger Boss und wenn man sie fragt, als was sie später einmal arbeiten möchte, bekommt man zur Antwort: „Als Chefin. Und Architektin oder Innenarchitektin.“ In der Hinsicht ist sie so anders als Fiene, die in ihrer Art nicht weniger bestimmt, aber viel sanfter ist.

Fiene legt sich zu Lisa ins Bett und schaut ihre Schwester an. Sie weiß, dass sie sie besser nicht weckt, denn die erste Stunde des Tages ist Lisa unausstehlich, und trotzdem liebt Fiene diese Zeit am Morgen mit ihrer Schwester zu verbringen. „Hmppf“, macht Lisa und und streckt sich: „Was?“, fragt sie als sie ihre Augen öffnet und Fiene neben sich sieht. „Guten Moooorgen!“, lacht Fiene und kann es - wie immer - nicht lassen auf Lisas Morgenmuffeligkeit mit noch viel besserer Laune zu reagieren. „Es ist so ein herrlicher Tag, die Sonne scheint schon!“, strahlt Fiene sie an, aber Lisa antwortet nur: „Das tut sie später aber auch noch“, dreht sich auf ihre andere Seite und zieht sich die Decke hoch bis über die Nase.

Fiene lacht über ihre kleine Schwester, steht auf und tritt wieder auf den Flur. Auch wenn der Flur in anderen Häusern nur ein Zwischenraum ist, liebt Fiene den Flur in ihrem Haus. Zusammen mit ihrer Mutter und Lisa hat sie Bilder ausgewählt, die die Wände schmücken. Ihr Lieblingsbild ist im letzten Urlaub entstanden, als sie an die Ostsee zum Zelten gefahren sind. Es zeigt ihren hochgewachsenen, dunkelhaarigen Vater, der seine typische runde Brille auf hat (manche würden sagen, er sähe aus wie ein zu alt gewordener Hipster) und ihre Mutter, die auch hochgewachsen ist und immer elegant wirkt (manche würden sagen, sie sähe aus wie eine Gazelle). Die beiden stehen Arm in Arm vor einem halb aufgebauten Zelt und strahlen in die Kamera. Fiene weiß noch genau, dass das einer der schönsten Momente war, als sie alle vier Tränen darüber lachten, dass sie das Zelt nicht aufgebaut bekamen. Die Stangen des Zelts rutschten immer wieder an allen Ecken raus.

Fiene geht die Treppe herunter und kommt in die helle Küche. Auf dem Küchentisch stehen zwei Schalen und Müsli bereit, die ihr Vater dort für sie und Lisa hingestellt hat. Morgens gehen ihre Eltern immer früh aus dem Haus, ihr Vater auf eine seiner Baustellen (er ist Bauingenieur) und ihre Mutter zur Kanzlei (sie ist Anwältin). Fiene schüttet sich Müsli in ihre Schale, etwas Milch und nimmt ihr Frühstück mit in den Garten. In der Sonne am Gartentisch sitzend, mit hochgezogen Beinen, hört sie das erste Vogelgezwitscher des Jahres und isst ihr Müsli.

Fiene hat einen ganz normalen Morgen, duscht sich nach ihrem Frühstück und zieht ihre gemütliche Hose an. Wozu sich etwas Unbequemes anziehen, wenn man Ferien hat? Sie holt einen Tee in Lisas Lieblingsbecher und steigt die Treppen hoch, um ihn ihrer kleinen Schwester zu bringen. Fiene klopft zum zweiten Mal an diesem Morgen an die Tür und bekommt wieder keine Antwort (wie nicht anders zu erwarten), Lisa schläft bestimmt noch. Doch das sollte der Beginn dieses so ganz anderen Tages werden...

Fiene öffnet die Tür und erschrickt zutiefst. Das ist nicht Lisas Zimmer, das ist auch nicht Lisa, die dort auf einem Stuhl sitzt. Fiene steht in einem anderen Raum und ein Junge in ihrem Alter schaut sie an: „Was machst du denn hier?“, fragt er und sieht sie neugierig an.

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