Glaubst du wirklich, sie wissen es nicht selbst?

Etwas, das man über mich wissen muss: Ich lebe zwar keine gesunde Work-Life-Balance vor, aber wenn ich frei habe, habe ich frei. Entsprechend mache ich in meiner Freizeit selten Dinge, die mit der Arbeit zu tun haben. Das heißt auch, ich lese nicht abends die NYT-Bestseller-Businessliteratur oder schaue mir abends noch Konferenzen an. Das mache ich während der Arbeitszeit (die dann auch gern mal länger dauert). Wenn ich frei habe, dann versinke ich stattdessen in Popkultur, Musik, Kunst, Büchern & Magazinen oder dummer Meme-Prokrastination. Das überschneidet sich antürlich ab und zu mit meinem Arbeitsleben, aber das ist nicht der Grund, weshalb ich mir diese Dinge anschaue.

Deshalb lade ich Euch heute in die Untiefen meines ganz persönlichen Youtube-Verlaufs ein, der letztens eine berufliche Wende genommen hat. Bitte hier entlang.

Lasst uns zunächst ein Jahr zurückspulen, als Youtube-Drama mich und meine mentale Gesundheit durch die Pandemie rettete. Es begann mit dem sognennanten "Dramageddon #3" (auch "Karmageddon") in der Beautube-Nische, als Beauty-Guru Tati, die ein Jahr zuvor Beauty-Guru James Charles gecancelt hatte, James Charles wiederauferleben ließ und stattdessen Beauty-Mogul Jeffree Star und Beauty-Newbie aber OG-Youtube-Creator Shane Dawson cancelte. Beide hatten gerade erst Millionen mit ihrer Lidschatten-Palette und Merchandise-Kollaboration verdient. Das Drama und sein geschäftlicher Aspekt hat mich mitgerissen. Hier ist eine 19-seitige Zusammenfassung der Ereignisse, die zu diesem ikonischen Tiktok führten.

Aber dann übernahm die ebenfalls OG-Youtuberin Jenna Marbles - die zweifellos die beste weibliche Creatorin auf der Plattform war - die Verantwortung und cancelte sich selbst für einige unsensible und unangemessene Inhalte, die sie während ihrer 10+ Jahre auf der Plattform produziert hatte. Wenn du Jenna nicht kennst, schau unbedingt ein paar ihrer Evergreens an:

Von dort aus folgst du einfach den Empfehlungen. Jenna hatte auch einen Podcast mit ihrem Freund Julien, den sie aber ebenfalls auflöste. Und plötzlich - mitten in der Pandemie - war ich ausgehungert von meinem Lieblings-Youtube-Content. 

In liebevoller Erinnerung an Jenna Marbles, die hoffentlich ihr Leben außerhalb Youtubes als Jenna Mourey genießt.

Aber zum Glück kam Frenemies.  Eine Video-Podcast-Kollaboration der anderen OG Youtuber H3H3productions und Trisha Paytas. 

H3H3 sind Ethan und Hila Klein, die eher für ihrern Comedy-, Meme- und Commentary-Kanal bekannt sind, i dem sie regelmäßig grenzüberschreitendes Verhalten von Influencern und Content Creators wie Tati, James, Jeffree und Shane (nicht Jenna!) kritisieren und unprangeren. Trisha ist eine Content Creatorin, die wiederum für grenzüberschreitendes Verhalten, notorisch unsensiblen Content und "Un-cancel-ability" bekannt ist, natürlich eine enge Freundin von Jeffree und Shane, aber – um ihr auch ernsthaft gerecht zu werden – auch Opfer von sexuellem Missbrauch mit vergangenen Phasen vn Drogensucht und psychischen Erkrankungen ist. Beide wurden durch Youtube zu Multimillionären. So wie übrigens alle anderen auch.

Wie der Titel schon andeutet, war Frenemies nie auf eine lange Laufzeitangelegt. Das Format lebte von diesen gegensätzlichen Charakteren, ihren persönlichen Geschichten und übertriebenen Persönlichkeiten. Aber die Chemie hat einfach gestimmt.

Sie füllten die Lücke, die Jenna + Julien hinterließen, während ich zu Hause festsaß. Trisha hat leider vor ein wenigen Wochen – in Folge 39 – zum dritten Mal die Aufnahme abgebrochen. Und die H3 Crew hat sich diesemal, beim 3. Mal, entschieden, das Format abzusetzen. (Bzw. geht es jetzt mit "Families" wieder los, in dem Ethan regelmäßig seine Eltern interviewt.) Aber wann immer sich die beiden streiten, kommen plözlich Drama-, "Tea"- und Kommentar-Kanäle um die Ecke und analysieren die Videos bis ins Kleinste. Jeder Tweet wird auseinandergenommen. Und leider war es zuletzt eher eine schmutzige Trennung.

In diesem Zuge bin ich dann auf Psychtube gestoßen. Eine Nische von lizenzierten Therapeuten, die - im Kontext von Frenemies - Dinge wie Trishas Borderline-Persönlichkeitsstörung und Ethans Depression erklären & zum Beispiel beschrieben, wie sein Tourette zu Fehlkommunikation führt. 

(Apropos Tourette: Hier auch noch ein Highlightsvideo von Twitch-Streamerin Sweet Anita an, die ebenfalls Tourette hat, und zur virtuellen Streamer-Persona CodeMiko wird. Sehr witzig.)

Nach einem früheren Streit luden die Frenemies Ethan und Trisha die US-TV-Persönlichkeit Dr. Drew ein, der - meines Wissens nach - kein echter Therapeut-Therapeut ist, sondern eher Suchtberater, der aber in trashigen Nachmittags-Talkshows als Therapeut auftritt. 

Daüber kam ich zum echten Therapeuten Dr. Kirk Honda vom Kanal Psychology in Seattle. Er ist Beziehungs-/Paartherapeut und hat sich die Dr. Drew Episode von Frenemies angesehen, um wiederum Dr. Drews Ratschläge zu kommentieren.

Bitte glaub nicht, dass ich das alles mit voller Aufmerksamkeit verfolge. Nein, nein. Meist bin ich parallen auf Reddit, Twitter, meiner Switch oder erledige Dinge im Haushalt und die Videos sind mein Hintergrundrauschen.

In der 4. Folge seiner Frenemies-Analyse sagte Dr. Honda eine Sache, die so deutlich heausstach, dass ich im Video zurückgegangen bin, um den Gesamtkontext zu erfassen.

Und damit nähern wir uns nun auch dem Licht am Ende des Tunnels.

Hier ist, was passierte: Dr. Drew schlug vor, dass Trisha und Ethan ein privates Gespräch über ihre Grenzen führen sollen. Abstecken, welche Themen und Anekdoetn privatt oder einfach tabu sind und nicht vor die Kamera gehören. Dr. Honda pausierte, weil es aus seiner Sicht eine absolute Anfänger-Empfehlung ist. Er verglich es mit dem Ratschlag, eine "Date Night" zu empfehlen, wenn eine Langzeitbeziehung weniger intim wird.

Ich sage immer das Gleiche zu den jungen Ärzt:innen: "Ok, ich verstehe, warum du willst, dass sie eine Date Night haben. Aber lass uns das mal kurz analysieren. Glaubst du, sie wissen nicht, dass es sowas wie Date Night gibt? Und glaubst du, dass das wirklich ihre Probleme löst? Was ist, wenn sie zu diesem Date gehen und so miteinander reden, wie hier in der Sitzung? Das wäre eine Katastrophe sein." Man musst an der Grundlage der Beziehung arbeiten und dann werden sie von allein "Date Nights" haben. Du musst es ihnen nicht sagen. Wenn du ihnen hilfst, die Beziehung zu festigen, werden sie von allein auf die Idee kommen. 

—  Dr. Kirk Honda, ca. 5:30

Und in diesem Augenblick fühlte es sich so an, als würde er mir aus der Seele sprechen, was die ganzen Innovations-, Design- und Transformationsthemen mit ihrer Workshpo-Kultur betrifft.

Denn wenn ich Workshops vorbereite, frage ich mich oft: Wissen die Leute wirklich nicht wie ein gutes Brainstorming funktioniert? Kennen sie wirklich keine Kreativitätstechniken? Haben sie wirklich keine Ideen?

Und jedes Mal komme ich, genau wie Dr. Honda, zu dem Schluss: Natürlich haben sie welche. Das Problem ist nicht, dass sie keine Ideen haben. Das Problem ist das Fundament der Beziehung zwischen Mitarbeiter:innen und Kolleg:innen. Zwischen Menschen in operativen Positionen und denen im Management. Es ist immer eine Frage des Vertrauens, der Macht und der individuellen Freiheit, ob man sich beruflich entfaltet oder nicht.

Nein, man muss nicht Teams zu Brainstormings und Ideen-Sessions verdonnern. Sondern eine Kultur etablieren und pflegen, in der die Leute ihre Ideen einbringen dürfen und sollen. Wo Menschen sich gegenseitig vertrauen und Dinge ausprobieren dürfen, von denen sie nicht wissen, ob es funktioniert. Man muss ihnen nicht erklären, wie sie zu Ideenkommen. Man muss ihnen einen Raum geben, in dem sie sich wohl fühlen, um sie bereit sind, ihrre Komfortzone zu verlassen und ihre Ideen teilen.

Und insofern sind die meisten Probleme, die wir in Bezug auf die Digitalisierung haben, vielleicht auch eher Beziehungsprobleme. Denn es geht auch um Menschen im Management, die sich in ihrer Macht in Frage gestellt fühlen, und das zu Recht. Menschen, die erkennen, dass sie es leichter hatten als andere. Menschen, die verstehen, dass sie den Fortschritt blockiert haben oder sogar immer noch blockieren, aber Angst haben, das zuzugeben und den Weg frei zu machen. Aber auch junge Menschen, die die Erfahrung älterer Kollegen nicht ernst nehmen. Das sind alles Beziehungsprobleme, die das nötige Vertrauen und das Entstehen von Zusammenarbeit blockieren.

Nebenbei bemerkt: Ich habe vor Kurzem an einem ziemlich verzwickten Startup-Projekt mitgearbeitet, und danach fagte mich eine jüngere Kollegin: Katharina, wie Zeit hast du eigentlich mit dem Produktdesign verbracht und wie viel mit dem Management von uns? Und ich antwortete, klassisch im Pareto, 80:20. 80 % des Projekts war das Kennenlernen des Teams und seiner Dynamik, 20 % war das Entwickeln eines Konzepts, das zu ihm passte.

Und in diesem Sinne frage ich mich, ob Design Thinking wirklich der dominierende Denkprozess sein sollte oder ob es nicht auch andere Disziplinen gibt, die wir ebenbürtig(!) und - in Zukunft sogar - verstärkt integrieren müssen. Denkprozesse und Disziplinen wie Soziologie und Verhaltenspsychologie, im Speziellen.

Denn häufig werden wir genau bei diesen Themen selbst wieder zu Anfängern, berufen uns auf Allgemeinplätze und müssten uns ernsthaft fragen: Glaubst du wirklich, sie wissen es nicht selbst?