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Wie man heutzutage in sozialen Medien herausfinden kann, ob man eine psychiatrische Diagnose hat.

Es erfordert nur wenige Minuten und die richtigen Suchbegriffe, um auf TikTok und Instagram tausende von Posts und Kurzvideos angezeigt zu bekommen, die sich alle mit psychischer Gesundheit befassen. Von Erfahrungsberichten und Aufklärung bis hin zu Guides, die dabei helfen sollen herauszufinden ob man Diagnose XY erfüllt - all das ist in den genannten Apps nur wenige Klicks entfernt. Sollte man sich dann in den entsprechenden Beschreibungen wiedererkennen, gibt es auch noch zahlreiche Tipps und Ratschläge für einen Umgang mit der entsprechenden Diagnose. Während mentale Gesundheit in den sozialen Netzwerken quasi überpräsent ist, so finden bestimmte Formen dieser Repräsentation nur selten kritische Betrachtung. 

Eine Influencerin postet auf Instagram ein Reel mit dem Titel "how easily i get distracted", in dem anhand von inszenierten Ausschnitten zu sehen ist wie schnell sie sich im Alltag ablenken lässt. Mit diesem Video nimmt sie sich selbst auf die Schippe und zeigt, dass es ihr offensichtlich nicht gelingt bestimmte Tätigkeiten zu Ende zu bringen. Unter dem Post finden sich zahlreiche Kommentare, mit denen viele Menschen bestätigen dies auch nur allzu gut zu kennen. Darunter finden sich auch einige, die das gezeigte Verhalten (schnelle Ablenkbarkeit) mit der Diagnose ADHS in Verbindung bringen. Unter anderem äußert sich eine weitere sehr bekannte Influencerin mit folgendem Kommentar:

Die Kommentatorin hat eine große Reichweite und ist unter anderem bekannt dafür, ein Bewusstsein für psychische Gesundheit zu haben und vermittelt dies auch entsprechend in ihren social media Inhalten. Nicht zuletzt spricht sie offen über ihre eigene ADHS Diagnose und teilt ihre Erfahrungen mit ihrer Community. Es steht außer Frage, dass dies einen Mehrwert für viele Menschen hat und einen Beitrag zur Entstigmatisierung psychischer Probleme leistet - ein Kommentar wie dieser pathologisiert jedoch ein Verhalten, das sehr viele Menschen von sich selbst kennen und damit noch lange nicht die Kriterien für eine Aufmerksamtkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom erfüllen. 

Was vermutlich als witziger Kommentar gemeint ist, stellt einen unreflektierten und riskanten Beitrag zur Etikettierung menschlicher Verhaltensfacetten, die zum einen isoliert betrachtet nicht für eine Diagnosestellung ausreichen und zum anderen von einer Person ausgesprochen werden, deren eigene Betroffenheit sie noch lange nicht dazu befugt mit einem einzigen Satz das im Video beobachtete Verhalten in die Kategorie ADHS zu stecken, für die nicht ohne Grund fundierte und differenzierte Diagnosekriterien bestehen. 

Wenn man sich als öffentliche Person schon dazu entscheidet, sich für mehr Offenheit hinsichtlich psychischer Erkrankungen einzusetzen, wäre es da nicht angebrachter - gerade aufgrund der großen Reichweite und der damit verbundenen Verantwortung - eine solche übergriffige Aussage kritisch zu reflektieren? Würde etwa auch unter ein witzig gefilmtes Video, in dem gezeigt wird dass eine Person schwer aus dem Bett kommt, der Kommentar "It's called depression 😅💀🤝" getippt werden? Oder würde ein solcher Kommentar auf weniger positive Resonanz stoßen, weil eine Depression gesellschaftlich negativer geframed wird und mit mehr Stigma behaftet ist als ADHS? Ist der oben gezeigte Kommentar deshalb in Ordnung, weil ADHS in den sozialen Medien eher als eine Diagnose dargestellt wird, über die man sich gut lustig machen kann und in der viele Menschen sich wiedererkennen? 

Es sind schließlich gängige Eigenschaften des modernen Gehirns: Schwierigkeiten sich zu konzentrieren, bei einer Aufgabe zu bleiben und langweilige oder schwierige Aufgaben zu erledigen. Social media hat darauf scheinbar eine klare Antwort, die sich bei vielen User:innen irgendwann in den Algorithmus einflechtet: "Wenn du das kennst, hast du wahrscheinlich ein Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom!" Durch TikTok und Instagram sind Menschen mit ADHS "relatable" geworden und es werden millionenfach entsprechende Memes geteilt - denn es ist ja simpel, ein bestimmtes Symptom zu betrachten und sich damit zu identifizieren, insbesondere wenn die Darstellung dessen ohne weiteren Kontext erfolgt.

https://twitter.com/offbeatorbit/status/1357746483815194625?s=20&t=8qq5CW8shrPuL5JVcHV3mw

Es ist nichts Neues, dass Gehirnaktivitäten und -kapazitäten sich langfristig bei hoher Internetnutzung verändern, denn auf TikTok und Instagram findet aufgrund der riesigen Masse an Inhalten eine so hohe Reizüberflutung statt, dass es nicht verwunderlich ist wenn die Aufmerksamkeitsspanne sich nach einer gewissen Zeit verkürzt. Es ist sogar davon auszugehen, dass Menschen die sehr viel Zeit online verbringen irgendwann Symptome entwickeln, die einer professionellen Fachkraft im Rahmen einer Diagnostik Hinweise auf eine ADHS geben würden. Darüber hinaus ist mittlerweile längst unumstritten, dass die Nutzung eines Smartphones Risiken und Nebenwirkungen für Körper und Geist mit sich bringt und unter anderem die Wahrscheinlichkeit, an einer Depression zu erkranken, deutlich erhöht.

Die meisten Menschen würden sich in unterschiedlichen Diagnosekriterien aus dem DSM bzw. dem ICD wiedererkennen. Viele fühlen sich mal unkonzentriert, sind vergesslich, traurig, antriebslos, sozial ängstlich oder machen sich Sorgen über körperliche Symptome - deswegen erfüllen sie jedoch noch lange nicht die notwendige Gesamtsymptomatik für eine ADHS, Depression, eine Angststörung oder eine Somatisierungsstörung. 

https://twitter.com/UzairAfrica/status/1087318308913905667?s=20&t=EhZ2LVJG4UPgLb4DHP8Dpw

Im Internet kann heutzutage jeder Mensch Inhalte zum Thema psychische Gesundheit posten ohne hierfür eine Qualifikation erlangt zu haben. Auch die eigene Betroffenheit und das dadurch erlangte Wissen über eine psychiatrische Diagnose reichen nicht aus, um Menschen professionell darüber aufzuklären, geschweige denn eine entsprechende Diagnose zu stellen. Um dies tun zu können und zu dürfen, ist eine staatlich anerkannte Aus- bzw. Weiterbildung zur/zum Psychiater:in oder zur/zum Psychotherapeut:in notwendig. Folglich sind die Kommentarspalten unter solchen Posts der falsche Ort, um sich zu fragen und darüber zu diskutieren ob man eine psychiatrische Diagnose hat, weil man es dort überwiegend mit fachlich unversierten Menschen zutun hat. An dieser Stelle sei auch nochmal betont, dass Ferndiagnosen ohnehin äußerst bedenklich und unprofessionell sind. Selbst wenn es sich um Expert:innen auf diesem Gebiet handeln sollte, ersetzt ein digitaler Austausch niemals eine umfassende Diagnostik. Außerdem ist der Algorithmus darauf ausgelegt, den Menschen die Informationen zu präsentieren, die sie hören wollen. Es ist unwahrscheinlich, dass Gegenargumente präsentiert werden oder dass man dazu auffordert wird, den eigenen Standpunkt zu hinterfragen.

Aktuell haben Ambulanzen, Kliniken und niedergelassene Praxen, die sich auf ADHS Diagnostik bei Erwachsenen spezialisiert haben, kaum bis gar keine Kapazitäten und man muss mit langen Wartezeiten rechnen. Es stellt sich die Frage, inwiefern diese hohe Nachfrage aus der Überpräsenz dieser Diagnose in den sozialen Medien resultiert. Es wird in diesem Zusammenhang so häufig davon gesprochen, dass Diagnosen wie ADHS bei Erwachsenen (insbesondere bei Frauen) eher unterdiagnostiziert sind - was ist jedoch mit der Gefahr einer Überdiagnostizierung, wenn man bedenkt dass Kommentare wie der oben dargestellte keine Einzelheit sind und immer mehr Menschen anfangen, ursprünglich "normal" empfundene Verhaltensweisen einer (Internet)diagnose zuzuordnen, mit der sie sich identifizieren?  

Im Zuge der kritischen Auseinandersetzung mit der (Über)präsenz mentaler Gesundheit in social media beschäftigt P. E. Moskowitz sich mit der kapitalistischen Intention dahinter und bezeichnet das Internet als eine "riesige Kategorisierungs- und Überwachungsmaschine", der es nicht wirklich um psychische Gesundheit gehe, sondern vielmehr um die Durchsetzung von Identitätskategorien, die Menschen in der Ära des Kapitalismus dazu verhelfen sollen sich zu definieren. Moskowitz beschreibt, dass soziale Medien durch die klare Kategorisierung zwischen neurotypisch und atypisch, "echte" Depression und intensive Traurigkeit usw. Strukturen erschaffen würden, um die Welt zu verstehen, die für viele Menschen unverständlich geworden sei. Durch den Prozess der Definition würden Menschen Gemeinschaft und Bedeutung finden, so Moskowitz. 

Moskowitz führt weiterhin aus, dass diese enge Identifizierung mit Diagnosen interessant erscheine, während man im Internet gleichzeitig lerne auf andere Kategorien zu verzichten oder diese zu hinterfragen. Wir würden lernen, dass das Geschlecht veränderbar und dass Sexualität fließend ist - und parallel dazu könnten wir nicht von der Vorstellung loslassen, dass psychische Gesundheit angeboren und für immer sei. Moskowitz stellt die These auf, dass die Schwierigkeit sich von dieser Vorstellung zu lösen womöglich der letzte Rest Stabilität sei, den Menschen empfinden würden - die Fantasie, dass zumindest die Gehirne von der Geburt bis zum Tod (...)  gleich bleiben.

Wenn in den sozialen Medien ein Raum erschaffen wird, in dem Menschen über gewisse Dinge sprechen können, dann entsteht auch ein neuer Markt und somit auch Wege, um passives Einkommen zu generieren. Von Journals, die Menschen mit ADHS bei der Tagesstrukturierung unterstützen sollen bis hin zur Vermarktung von Workbooks, die für die Verarbeitung von Traumata gedacht sind, finden sich im Internet zahlreiche unterschiedliche Tools für diverse Diagnosen und psychische Probleme. Auch wenn hinter solchen Projekten sicherlich gute Absichten stecken, so sollte man sich im Klaren darüber sein, dass einige der Personen, die in ihren Profilen überwiegend über Diagnosen sprechen, oftmals ein persönliches Interesse daran haben.

Auch wenn die Betrachtung der Thematik hier kritisch ausfällt, so sollen keinesfalls die positiven Aspekte der Präsenz von mentaler Gesundheit im Internet außer Acht gelassen werden. Neben der Sensibilisierung für psychische Auffälligkeiten und Erscheinungsbilder sowie deren Aufklärung, entsteht dadurch zusätzlich die Möglichkeit für Austausch und löst in vielen Menschen ein Gefühl von Trost, Hilfe und Zugehörigkeit aus, was sich als sehr heilsam erweisen kann. Als weitere Intention fungiert hierbei auch die bereits oben genannte Entstigmatisierung von psychischen Erkrankungen und die damit verbundene Etablierung des Begriffes Neurodiversität.

So wichtig die Entstigmatisierung auch ist, so sehr birgt es jedoch auch Risiken, wenn die entsprechenden psychischen Probleme verherrlicht oder als unveränderlich dargestellt werden. Aufgrund der Feedbackmöglichkeiten auf social media Plattformen machen Nutzer:innen recht schnell die Erfahrung, dass sie primär dafür belohnt werden, wenn sie Inhalte zu einem bestimmten Zustand oder einer bestimmten Überzeugung und Identität produzieren. Abhängig von der Fähigkeit zur Selbstreflexion kann dies die Motivation hinter dem Output verzerren sowie die Definition des Selbst, da sie auf gewisse Weise glauben, dass der Ausschnitt den sie im Internet zeigen, das Interessanteste und Liebenswerteste an ihnen ist.

Ich schließe den heutigen Text mit einem weiteren Kommentar aus dem Internet, der aus einem ganz anderen Kontext und Feed stammt, als Reaktion auf die Frage "What do you fear most?":

Der Kommentar bringt ziemlich gut meine Gefühlslage zu dem ganzen Thema auf den Punkt. Und dennoch möchte ich fest daran glauben, dass mit Aufklärung und Sensibilisierung für kritische Auseinandersetzung etwas bewegt werden kann. Dass wir alle lernen und uns gegenseitig ermutigen können, mit einer wandelbaren, reflektierten und differenzierten Perspektive durch das Internet zu scrollen.