Zum Hauptinhalt springen

Wie hoch ist der Preis für überstrapazierte Resilienz?

Ich habe über die unten abgebildete Definition nachgedacht und festgestellt, dass sie für mich nicht ganz relatable ist. Denn für mich persönlich bedeutet Resilientsein nicht unbedingt, dass durch schwierige Lebenssituationen keine Beeinträchtigungen entstehen können - vielleicht für den Moment der Krise, in der man sich befindet. Aber was ist mit der Zeit danach, wenn die herausfordernde, bedrohliche Welle leiser geworden ist und man nur noch ein subtiles Rauschen wahrnimmt? Kann man nach solchen Phasen überhaupt noch der Mensch sein, der man zuvor war? Bedeutet Resilienz wirklich, dass schwierige Lebenssituationen keine Spuren hinterlassen?

Mit anhaltenden Beeinträchtigungen sind in der Definition womöglich Depressionen, Angststörungen oder andere Erscheinungsbilder psychischen Leidensdrucks gemeint. Diese zählen zu den eher auffälligen Reaktionen der Psyche, doch Beeiträchtigungen können sich auch in Form von Veränderungen in der Wahrnehmung der (Um)welt und dem Umgang mit unterschiedlichen Situationen zeigen, in plötzlich auftretenden somatischen Beschwerden und einem fragilerem Nervensystem, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Vor allem wenn es sich um lang andauernde Krisen handelt und der Motor der psychischen Widerstandsfähigkeit heiß läuft.

Resilienz bedeutet für mich, dass man die Fähigkeit besitzt, während einer Krise immer wieder an die Oberfläche zu gelangen, um ausreichend Luft zu holen, nachdem die Welle einen erfasst hat. Mit dem Ziel, irgendwann wieder möglichst unbeschwert zu baden. Aus meiner Sicht können Menschen jedoch resilient sein und dennoch irgendwann eine daraus resultierende Beeinträchtigung empfinden. In einem Gespräch meinte ein Freund zu mir, dass Resilienz das Risiko birgt, dass man sich ein gefahrloses Leben zwar vorstellen, aber nicht mehr selbst erschaffen kann. Nicht, weil man nicht die Fähigkeit dafür besitzt, sondern weil man es verlernt oder vergessen hat.

Wenn wir uns zu sehr an etwas anpassen und gewöhnen, wird es Teil von uns. Das gilt auch für Umgangsformen und Strategien, die wir für eine bestimmte Zeit angewendet haben. Vielleicht ist ein Teil von Resilienz auch, uns nach einer Krise bewusst zu machen, dass diese nun vorüber ist und wir die erfolgreich angewandten Skills erst einmal nicht mehr benötigen. Und dass wir frühzeitig merken, wenn wir uns an den Kampfmodus gewöhnt haben - und ihn dann rechtzeitig verlassen.