Zum Hauptinhalt springen

Eigene Wunden als Kompetenzmerkmal von Psychotherapeut:innen?

Eine Aussage, die sehr häufig aufkam wenn ich mich vor einigen Jahren mit anderen über Psychiater:innen und Psychotherapeut:innen unterhalten habe, war "die haben doch selbst alle einen an der Waffel". Heutzutage höre ich diese Reaktion nur noch sehr selten, was auch daran liegen mag dass ich inzwischen überwiegend von Menschen umgeben bin, die ein Bewusstsein für psychische Gesundheit haben und entweder selbst schon einmal mit Psychotherapie in Berührung gekommen sind oder mindestens einen Menschen kennen, der sich therapeutische Unterstützung geholt hat. Es mag jedoch auch daran liegen, dass der Kampf der Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen nun endlich so weit vorangeschritten ist, dass diese längst nicht mehr als Tabuthema gelten. Ist etwas dran an der oben genannten Behauptung?  Und falls ja, ist das ein Nachteil? Oder kann es sogar eine Kompetenz bilden und sich positiv auf Patient:innen und Therapieverläufe auswirken?

Es ist nun genau drei Jahre her als ich über den Begriff wounded healer gestolpert bin, der von C.G. Jung, dem Psychiater und Begründer der analytischen Psychologie, ins Leben gerufen wurde. 

"Man könnte ohne allzu viel Übertreibung sagen, dass jede tiefer greifende Behandlung etwa zur Hälfte in der Selbstprüfung des Arztes besteht, denn nur, was er in sich selber richtig stellt, kann er auch beim Patienten in Ordnung bringen. Es ist kein Irrtum, wenn er sich vom Patienten betroffen und getroffen fühlt: nur im Maße seiner eigenen Verwundung vermag er zu heilen. Nichts anderes als eben das will das griechische Mythologem vom verwundeten Arzt besagen." (Jung, 1984)

Der Mythos des verwundeten Heilers ist unter anderem in der griechischen Mythologie in Form des Zentauren Chiron sinnbildlich dargestellt. 

Als ich damals auf die von Jung formulierte Metapher des verwundeten Heilers stieß, befand ich mich in einer persönlichen Krise, in der ich mir zunehmend die Frage stellte, inwieweit wohl meine eigenen inneren Wunden eine Auswirkung auf meine psychotherapeutische Arbeit hatten. Jungs Ansatz resonierte sehr mit mir, da ich den Eindruck hatte durch die bewältigten Krisen eine Kompetenz erlangt zu haben, die sich in den therapeutischen Beziehungen durchaus als hilfreich erwies. Es fühlte sich so an als hätte meine Empathie für bestimmte Themen und innere Vorgänge einen Feinschliff bekommen und dies spiegelte sich auch in einer besonderen Zuversicht wider, die ich Patient:innen neben dem fachspezifischen Behandlungsprocedere entgegenbringen konnte.

Für Jung galt es sogar als Voraussetzung, dass Menschen in heilenden Berufen eigene Verwundungen besaßen und sich diese bewusst machten, damit innerhalb der therapeutischen Beziehung Raum für Heilung entstehen konnte. Er ging davon aus, dass eine bestehende Offenheit bei Heilberufler:innen für die eigene Verletzbarkeit und die eigenen Wunden ohne Verleugnung oder Verdrängung dieser dazu führen konnte, dass sie auch offen und resonanzfähig für die Wunden der Patient:innen blieben. 

Die Verletzlichkeit, für die immer wieder in jeglichen zwischenmenschlichen Beziehungen plädiert wird, bildet also auch in der Psychotherapie auf Seiten der Therapeut:innen einen immensen Vorteil. Ohne dass professionelle Grenzen überschritten werden und private Inhalte eine Rolle spielen müssen, kann Verwundbarkeit eine Grundlage bilden, die noch mehr Potenzial für Tiefe und Heilung innerhalb des therapeutischen Prozesses schaffen kann. 

Sind Psychotherapeut:innen besonders gut in ihrem Job, wenn sie eigene Wunden haben? Dem würde ich nicht unbedingt zustimmen - solange ein gesundes Maß an Empathie, Selbstreflexion und fachliche Kompetenz vorhanden sind, die für eine gute Arbeitsqualität unerlässlich sind. Ich glaube jedoch, dass es sehr vorteilhaft ist, die eigenen inneren Themen zu ergründen und zu (er)kennen, alleine schon um ein Gefühl für den Heilungsweg zu bekommen, den Patient:innen gehen. Mit der Selbsterfahrung und der Lehrtherapie, wie sie in psychodynamischen Therapieausbildungen gängig ist, wird hierfür schon einmal ein guter Grundstein gelegt. Wobei man davon ausgehen kann, dass bei den meisten Menschen die Bereitschaft sich selbst zu reflektieren ohnehin bereits vor dem Wunsch Psychotherapeut:in zu werden bestand. Ich glaube sogar, dass in den meisten Fällen eine vorangegangene Auseinandersetzung mit dem Inneren einen Aspekt der Motivation bildet, in einem therapeutischen Beruf bzw. Kontext arbeiten zu wollen. 

Eine der meistgestellten Fragen, die ich erhalte wenn man von meinem Beruf erfährt ist "analysierst du dann nicht ständig andere Menschen?". Vermutlich werde ich in Zukunft entgegnen "nö, aber dafür mich selbst ziemlich oft". Ob das immer so hilfreich ist, ist eine andere Frage, aber eine Sache ist klar: ohne meine eigenen Krisen und inneren Konflikte würden mir Kompetenzen fehlen, die ich nicht in Fachliteratur nachlesen und mir auch nicht in Fort- und Weiterbildungen aneignen kann. Trotz und mit Bestehen meiner eigenen Wunden versuche ich anderen Menschen auf ihrem Heilungsweg zu begleiten -  und auf diese Weise betrachtet ziehe am Ende des Tages auch ich etwas Wertvolles aus dem was auf diesem Weg entsteht, für mich und meinen eigenen Weg der Heilung.