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Online Dating: Gift für Selbstbild und Wahrnehmung?

Ich kenne keine Single Frau, die nicht nach längerer intensiver Nutzung von Online Dating Apps mit dem Wunsch nach einer festen Partnerschaft mindestens eine Story über digitale und reale Datingerfahrungen erzählen kann, über die man den Kopf schütteln muss. Das Erschreckende ist, dass die Stories mit der Zeit immer weniger geschockt und eher beiläufig erzählt werden, als wäre es eben eine weitere Anekdote - als hätte man sich daran gewöhnt. Wen wundert es da, dass sich auf Dauer das Nutzungsverhalten der Apps und die Betrachtung des Selbst sowie die Vorstellungen von Bindung verändern?

"Am Anfang fand ich es noch witzig. Irgendwann dann nur noch übergriffig."

Von übergriffigen Fragen und Äußerungen bis hin zu Ghosting oder plötzlicher Stille auf der anderen Seite des digitalen Dialogs nach tagelangem Texten - die allererste Frage, die Frauen sich daraufhin meist stellen ist "Liegt es an mir?". Dadurch, dass es keinen weiteren Raum für Kommunikation gibt (sind wir mal ehrlich, Leute die ghosten sind einfach zu feige für Kommunikation bzw. Konfrontation und wählen daher den einfachsten Weg) ensteht unfassbar viel Raum für eigene Interpretationen. Nicht selten münden die Erklärungsversuche der Frauen bei sich selbst und es fühlt sich jedes Mal an wie ein kleiner Angriff auf das ursprünglich recht stabile Selbstwertgefühl und das Selbstbild, das vor den zahlreichen negativen Erfahrungen nicht so häufig in Frage gestellt wurde wie während der Nutzung von Dating Apps. Dass das was mit dem Selbstwert der Frauen macht, die Denkmuster hinsichtlich Dating und Bindung verändert und zu Unsicherheiten führt, liegt auf der Hand. 

"Mal sagt er wie toll er mich findet und dann entzieht er sich plötzlich wieder."

Neben den absurden Dingen, die sich auf der digitalen Ebene abspielen, gibt es natürlich noch die Geschichten, die erzählt werden nachdem es zu einem oder mehreren Treffen in Realität gekommen ist. Wenn man bis dato noch nicht mit Männern in Kontakt gekommen war, die entweder bindungsunsicher sind oder Angst vor einer Bindung haben und sich aufgrund dessen ambivalent verhalten, so wird man spätestens bei aktivem Online Dating in den Genuss solcher Begegnungen kommen. Hier muss man jedoch klar differenzieren: es ist überhaupt nichts verwerfliches, Bindungsangst zu verspüren oder sich nicht sicher zu sein was man möchte - der kleine, aber feine Unterschied ist ob man das mit der Person, die man datet kommuniziert oder verschweigt (weil man es selbst womöglich gar nicht weiß? Da wären wir bei gesunder Selbstreflexion...) und ob man selbst aktiv an dem Thema arbeitet. 

"Krass, dass dir das andauernd passiert."

Es wundern sich doch tatsächlich noch Menschen, die fernab der Dating Bubble unterwegs sind, warum man nach monate- oder sogar jahrelangen Frusterlebnissen fucked up ist und erstmal für eine Weile nichts mehr davon wissen will. Da kann man rational noch so reflektiert sein (das ist natürlich ein klarer Vorteil!), auf emotionaler Ebene findet häufig ein Transfer der Negativität aus den digitalen Erfahrungen in die Realität statt, was zu einer Desillusionierung führt und es irgendwann vielleicht sogar kaum vorstellbar erscheint, dass es da draussen überhaupt noch Leute gibt, die es ernst meinen und in der Lage sind zu kommunizieren was sie fühlen und möchten. Oder ist es bloß so, dass sich die meisten dieser Menschen, die das ganz gut können, sich gar nicht erst in den Dating Apps aufhalten? Dass Dating Apps zu einem Ort geworden sind, an dem sich überwiegend die Menschen tummeln, die Schwierigkeiten mit Bindung haben - weil man dort der Konfrontation mit den eigenen Unzulänglichkeiten und Problemen bequemer aus dem Weg gehen kann?

Es steht außer Frage, dass dauerhaftes Online Dating gepaart mit negativen Erfahrungen zu disconnection führt, während man sich eigentlich dort angemeldet hat, weil man nach connection sucht. Disconnection bedeutet in diesem Fall auch eine verloren gegangene Verbindung zu sich selbst, zu den eigenen Vorstellungen, Wünschen und zu der eigenen Beziehungsmoral. Das birgt das Risiko, ab einem gewissen Punkt nur noch abgebrüht durch die Profile zu swipen bis die Haltung eine zynische und verbitterte geworden ist. Genau diesen Zustand als Alarmsignal zu betrachten ist ungemein wichtig, genauso wie das Ziehen einer gesunden Konsequenz daraus, die bedeuten kann dass man für eine Weile eine Dating Pause einlegt und sich wieder auf die Verbindung zu sich selbst fokussiert.

Hier soll keinesfalls suggeriert werden, dass Frauen immer unbeteiligt sind an der Entwicklung der beschriebenen Dinge. Oder dass es nicht auch Frauen gibt, die sich so verhalten. Je nachdem wie deren eigene Beziehungsmuster ausgerichtet sind und wie sehr sie das eigene Verhalten, die Präferenzen und die Vorstellungen von Bindung reflektieren, umso mehr hat dies Einfluss auf das Datingverhalten und somit auch darauf, in welche Richtung das Ganze geht und ab was für einem Punkt man sich vielleicht früher rauszieht oder sich gar nicht erst darauf einlässt. 

Letztendlich sind es doch immer wieder zwei Dinge, die essentiell sind: das Bewusstsein über das eigene Innere sowie die Fähigkeit, gesund und offen zu kommunizieren. Oder zumindest die Bereitschaft, dies zu erlernen. Und somit Raum zu öffnen - für Klarheit, Entwicklung, Wachstum und am Ende vielleicht sogar für die Liebe