Es mag zwölf Jahre her sein, da besuchte ich zwecks Recherche das Dialogmuseum in Frankfurt. Blinde und sehbehinderte Experten führen dort durch einen lichtlosen Raum. Zu erleben, wie es ist, sich im visuellen Nichts zu bewegen,  war eine eindringliche, intensive, unvergessliche Erfahrung. Mein Augenlicht zu verlieren ist für mich (für alle?) unvorstellbar. 

Für Bettina Klinkig aus Aschaffenburg ist es Realität. Im Jahr 2013 bekam die Architektin die Diagnose Retinitis Pigmentosa. Bei dieser Erbkrankheit gehen die Zellen der Netzhaut kaputt, das Gesichtsfeld wird zunehmend kleiner, Erkrankte bekommen einen "Tunnelblick" - als würden sie durch ein Rohr schauen. Als Gesichtsfeld bezeichnet man den Bereich, den man sieht, wenn man Kopf und Augen nicht bewegt. Die Erkrankung ist im Moment nicht heilbar, nicht aufhaltbar und führt je nach Ausprägung zu Vollblindheit. 

Bettina Klinkig habe ich im Sommer über einen Zeitungsartikel kennengelernt. Es ging dort eigentlich um eine Auktion ihrer Bilder, die 55-Jährige ist nämlich ebenfalls seit 2013 als Urban Sketcherin unterwegs und zeichnet insbesondere städtische Szenen. Die Retinitis Pigmentosa war eher am Rande erwähnt, doch genau dieser Aspekt war es, der mich aufmerken ließ. 

Ich schrieb Bettina Klinkig an,  schickte ihr meinen Podcast mit Alea Horst mit, um nicht viel erklären zu müssen, was ich vorhabe. Eine gute Stunde später klingelte mein Telefon, sie sei dabei. Wow, das war schnell! Bettina Klinkig hatte an dem Tag frei, den Podcast schon gehört, und gleich am Telefon entspann sich ein tolles Gespräch, in dem wir unter anderem feststellten, dass unsere Söhne den gleichen seltenen Vornamen haben. Ein paar Tage später setzen wir unser Gespräch in ihrer herrlich chaotischen Küche fort. Allein wegen dieser Küche war sie schon sympathisch. 

Nach dem Gespräch hatte ich ein Problem. Wir haben über so viele interessante Aspekte ihres Lebens gesprochen - allein ihr Weg zur Architektur, der beim Theologie-Studium begann und über Mathematik auf Lehramt führte, ist eigentlich ein Thema für sich, ebenso das Urban Sketching. Trotzdem habe ich mich letztlich schweren Herzens entschieden, mich auf den Aspekt der Retinitis Pigmentosa zu konzentrieren. Für die Erkrankung und die Situation der Erkrankten wünsche sie sich mehr Öffentlichkeit, sagt Bettina Klinkig. 

Liebe Leserinnen und Leser, falls Siedas Urban Sketching als eigenes Thema interessiert, schreiben Sie mir bitte! Kein Muss - aber falls es von Interesse ist, freue ich mich über Nachrichten.

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