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Buch «Eine Reise unter die Erde»

Dass sich Comics viel besser für die Wissensvermittlung eignen, als es die vergleichsweise kärgliche Anzahl von Sachcomics auf dem Markt wiederspiegelt, haben wir hier schon ein-, zweimal festgehalten. Gerade scheint aber ein Ruck durch die Szene zu gehen: Das Angebot diversifiziert sich, und vereinzelte Titel tauchen sogar mal auf einer deutschen Bestsellerliste auf. Zu wünschen wäre das auch den vorzüglichen Bänden des beflissenen Sachcomicautors und -zeichners Mathieu Burniat, dessen neuestes Werk nun endlich in unseren nahen Themenbereich fällt. Darin schickt er die jugendliche Suzanne auf eine Reise in die griechische Unterwelt – motiviert erst einmal davon, Hades den Thron abzunehmen und ihren verstorbenen Freund wiederzubeleben, dann aber verstärkt davon, das faszinierende Ökosystem Boden zu durchschauen.

Während zahlreiche Sachcomics ihre Wissensinhalte einfach nur in möglichst anschauliche Illustrationen übersetzen, besinnt sich Mathieu Burniat auf die eigentliche Stärke des Mediums. Er erzählt also eine packende, actionreiche Geschichte, in die er den Informationsgehalt bruchlos einbaut. Das ist eine ausserordentlich schwierige Übung, wie allerlei verunglückte Beispiele immer wieder mal gezeigt haben: Burniat gelingt es scheinbar mühelos und noch darüber hinaus dergestalt, dass er die vermittelten Kenntnisse zum tragenden Element seiner Erzählung erhebt. Sie prägen sich dadurch ganz von selbst ein, und wo sie das einmal nicht tun, folgt unweigerlich eine kurze Repetition, die sich dem Handlungsstrang gleichermassen organisch anschmiegt. Zum Wissen um wichtige Bodenorganismen, Gesteine, den pedologischen Stoffwechsel oder die Auswirkungen der konventionellen Landwirtschaft auf die Bodenfruchtbarkeit gesellt sich dabei gleich noch eine launige Einführung in die griechische Mythologie.

Fachliche Unterstützung holte sich Mathieu Burniat vom Biologen Marc-André Selosse, dessen Spezialisierungen in Botanik und Mykologie ihn offensichtlich nirgends hindern, uns einen breiten und vielfältigen Einblick ins Bodenleben zu verschaffen. Auch von zögerlicher Beschönigung ist nichts zu spüren. Da geht es also durchaus mal rabiat zu und her, wenn sich beispielsweise Nematoden und Pilzstränge in die Quere geraten, und auch mit zwischenmenschlicher Dramatik wird nicht gespart. Der humorige Tonfall und die dringliche Botschaft vom Wert unserer Böden werden davon keine Spur beschädigt. Wenn wir also nach Kritikpunkten suchen wollen, erschöpfen sich diese in Sonderwünschen und kleinlichen Geschmacksfragen - wie jener der durchgehenden Irritation, mit der uns die ausgestülpten Augen von Suzannes Mitstreiter Tom behelligten. Oder in dem Vermerk, dass uns ein Verzicht auf die Liebesgeschichte, die sich da im Zeitraffertempo zwischen den beiden entwickelt, durchaus nicht enttäuscht zurückgelassen hätte. Das nur anfügend, um uns keiner ungehemmten Anbiederung verdächtig zu machen, bleibt unser Urteil klar: Das Sachcomic ist sowohl in seiner Ausgestaltung wie in Gehalt und ökologischer Botschaft eine Zierde seines Genres.

Rezension: Sacha Rufer

Autor Mathieu Burniat / Marc-André Selosse  Verlag Knesebeck  Umfang 175 Seiten  ISBN 978-3-95728-548-5  Preis Fr. 34.80 (UVP)

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