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Buch «Das rationale Tier»

Zu den Kognitionsleistungen von Tieren wurde uns in den letzten Jahren in den hier vorgestellten Büchern schon so einiges faszinierende berichtet. Da wurden dann üblicherweise die aktuellen Erkenntnisse zu den Emotionen, dem Werkzeuggebrauch, der Wahrnehmung, Intelligenz oder den Problemlösungsstrategien der verschiedenen Spezies kurz vorgestellt und in evolutionären oder ethischen Bezug gesetzt. Wie aber die Wissenschaft genauer zu den betreffenden Schlüssen kommt, wie sie sie interpretiert, falsifiziert und kritisch diskutiert, das wurde dann allenfalls gestreift. Hier taucht nun Ludwig Huber in die Tiefe. Auf seiner Suche nach dem rationalen, schlussfolgernden, lernenden Tier führt er uns eng heran an die Fragen und Antworten dahingehend, was wir von den Denkleistungen der Tiere wissen, ahnen und noch entdecken können.

Der Zoologe Ludwig Huber forscht am interdisziplinären Messerli Forschungsinstitut für Mensch-Tier-Beziehungen der Universität Wien nach den experimentellen Nachweisen der kognitiven Leistungen und emotionalen Zustände bei Tieren. Für die umfassende Bilanzierung der bisherigen, eigenen und internationalen Forschungsergebnisse in diesem Buch teilt er die Interessensgebiete in sechs Kategorien, denen er jeweils ein detailliertes Kapitel widmet. Zum Werkzeuggebrauch, dem Verständnis von Kausalzusammenhängen, der Planungsfertigkeit, dem Gedächtnis, dem Selbst-Bewusstsein und der Theory of Mind unserer tierischen Verwandtschaft setzt er uns die Experimente ordentlich auseinander, erörtert die Beobachtungen und hinterfragt ihre Ergebnisse und Interpretationen mit der gebührenden akademischen Vorsicht. In je einem weiteren Kapitel geht er dann noch den Fragen der „Sprache“ und des Bewusstseins im Tierreich nach.

Bei aller naturwissenschaftlichen Zurückhaltung fällt seine Antwort auf die Frage, ob „Tiere denken“, klar aus. Während die Bewertung ihrer „Rationalität“ im Einzelfall noch an der Definition dieses Begriffes hängen mag, lässt Ludwig Huber keinen Zweifel daran, dass wir es bei Säugetieren, Vögeln, Fischen oder Reptilien mit fühlenden, denkenden Gegenübern zu tun haben. So aufschlussreich und facettiert er uns das in Bezug auf die jeweiligen Tiere darlegt, liefert es auch gediegene Kenntnisse, über unsere eigenen kognitiven Fertigkeiten und Prägungen neu nachzudenken. Das erschöpft sich dann nicht in der nüchternen Bestandsaufnahme: Er entwickelt sein Buch zum fortlaufend überzeugenderen und entschiedeneren Plädoyer dafür, unsere fragwürdigen Einstellungen gegenüber den Tieren im Licht des aktuellen Forschungsstands gründlich zu korrigieren.

Unsere Bewertung des Buches formuliert sich angesichts all dessen ganz von selbst: Wir finden hier schlicht das umfassendste, sorgfältigste, beste Sachbuch zur Kognitionsbiologie, das uns bislang unterkam. In Hinblick auf seine Laientauglichkeit mag es zwar stets an der Grenze dessen kratzen, was an biologischer Fachkenntnis vorausgesetzt werden kann: Ludwig Huber setzt aber ebenso unentwegt Bedacht darauf, sowohl in die Terminologie verständlich einzuführen wie auch die Beweisführung anschaulich und einleuchtend darzulegen. Sein Buch wird fürderhin die zu empfehlende Anlaufstelle sein, um sich zu den Fragen tierischer Emotion und Kognition eine solide, vertiefte Sachkenntnis zu verschaffen.

Rezension: Sacha Rufer

Autor Ludwig Huber 

Verlag Suhrkamp 

Umfang 671 Seiten 

ISBN 978-3-518-58771-3 

Preis Fr. 45.90 (UVP)

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