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Buch «Unserer Zukunft auf der Spur»

Wir fragten uns – ganz privat – schon verschiedentlich mal, wo in der Nachhaltigkeitsdebatte eigentlich die Stimmen der Anthropologinnen bleiben. Schon klar: Es gibt nicht so viele von ihnen. Aber wir hätten uns halt doch gedacht, dass eine Debatte, in der so oft mit der „Natur des Menschen“ hantiert wird – wie zukunftsfähig diese auch immer sei oder dann eben nicht –, die Kompetenz jener kitzeln könnte, die davon umfassendere Kenntnis haben als so manche andere. Umso erfreuter sind wir jetzt, dass sich die Kulturanthropologin Bettina Ludwig genau dieses Themas annimmt. Und schlicht begeistert schliesslich, wie viele wertvolle Erkenntnisse dazu sie in ihr schmales, unterhaltsam zu lesendes Büchlein packt.

Bettina Ludwigs zentrale Botschaft wollen wir einfach schon mal vorwegnehmen: Dass wir Menschen ganz und gar nicht „naturgegeben“ darauf festgelegt sind, uns so unnachhaltig zu benehmen, wie wir es gerade tun. Bis wir in ihrem Text dahin vordringen, sollten wir uns indessen mit etwas Geduld wappnen. Da erläutert sie nämlich erst mal, was eine Kulturanthropologin denn so macht, und verteidigt anschliessend die These, dass eine Fertigkeit unser symbolhaftes und wissenschaftliches Denken grundlegend geprägt hat, die man dahingehend seltener in Verdacht hat: Jene des Spurenlesens. Sie untermauert diese Vermutung – die uns tatsächlich auch schon anderswo begegnete – aus ihrer Feldforschung bei den Ju/‘hoansi, einer Gruppe der südafrikanischen Jäger-Sammlerinnen-Bevölkerung der San. All dies dient derweil direkt der Sache. Denn nicht nur reflektiert die Autorin dabei allerhand Antworten auf die alte Frage, „wie wir wurden, was wir sind“, sondern öffnet auch den Horizont für Gesellschaften, die sehr verschieden davon funktionieren, wie wir es für selbstverständlich oder gar erstrebenswert halten. An den Beispielen des Eigentums, des Zeitgefühls und überhaupt der Wahrnehmung der eigenen Eingebundenheit in die natürliche Umwelt zeigt sie auf, wie deren Denkmuster uns einen nachhaltigeren Naturzugang ermöglichen. Und belegt letztlich, dass es kulturelle Prägungen weit vor den biologischen sind, die dafür die Grundlage legen.

Nun laufen Rückbezüge auf Jäger-Sammlerinnen-Kulturen stets Gefahr, in eine mystifizierende Vergangenheits-Verklärung abzugleiten. Vor einer solchen verwahrt sich Bettina Ludwig unmissverständlich. Einerseits, indem sie klarmacht, wie auch die Ju/‘hoansi in keinem „Urzustand“, sondern in unserer komplexen Gegenwart agieren. Andererseits, indem sie in vielen amüsanten Anekdoten immer wieder festhält, wie auch deren „Verbundenheit mit der Natur“ und ihre manchmal verblüffenden Fertigkeiten keine übernatürlichen Quellen anzapfen, sondern sich aus ihren Erfahrungen und Lebenskonzepten nähren. Es geht ihr demnach nicht darum, uns die Umkehr zu einem vermeintlich ursprünglicheren Leben anzupreisen. Stattdessen redet sie unterhaltsam und eloquent gegen jenes negative Menschenbild an, das uns in einem biologischen Zwangskorsett aus Egoismus, Gewaltbereitschaft und Gier verortet. „Die Natur des Menschen ist Kultur“ fasst sie zusammen. Ihr Buch gibt uns unsere darin begründete Wandlungsfähigkeit zu erkennen und schafft den mitreissenden, optimistischen Anreiz, diese zur Gestaltung einer nachhaltigeren Zukunft zu nutzen.

Rezension: Sacha Rufer

Autor Bettina Ludwig 

Verlag Kremayr & Scheriau 

Umfang 175 Seiten 

ISBN 978-3-218-01309-3 

Preis Fr. 28.90 (UVP)

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