Krisen und Konflikte

Das „Faszinosum der Biografie“, so Gert Ueding, „ist die Erkenntnis, die ich im Spiegel des fremden Lebens über das eigene gewinne“. Biografien sind folglich immer auch Krisengeschichten eines Individuums. Haben wir unsere persönlichen Probleme und Konflikte bislang nie an die große Glocke gehängt, wollen — und können — wir sie jetzt hervorheben.

Um nicht am Publikum vorbeizuschreiben, gilt es, genau hinzuschauen. Je besser Sie über Ihre Lebensphasen, seelischen Krisen und Konflikte informiert sind, desto leichter gelingt es Ihnen, Lebensmuster zu erkennen.

Eine Biografie verzeichnet durchschnittlich 17,5 markante Einschnitte, von denen zwei Drittel negativ sind. Doch das sollte Sie nicht stören. Zum einen tut es mal ganz gut, sich alles von der Seele zu schreiben. Und zum anderen sind Krisen und Konflikte nicht nur das Salz in der Suppe einer jeden „Selberlebensbeschreibung“, sondern ihre Essenz und ihr Nährwert.

Haben Sie Krisen und Konflikte bislang immer verschwiegen, weil sie Ihnen peinlich waren, können Sie diese nun aufarbeiten, nachdem Sie erkannt haben, dass es kein Einzelschicksal ist, das Sie plagt, sondern ein weit verbreitetes Problem. Die Erfahrung vom Krebs gebissen oder von einem Guru erleuchtet zu werden, machen Sie zwar allein — aber Sie sind nicht die einzige, deren Gesundheit gefährdet ist oder die sich auf die Suche nach spirituellen Lebenshilfen begeben hat.

Krisen und Konflikte gehören nicht nur dazu, ohne sie würde man auch keine neuen Erfahrungen machen und das Leben würde nur aus Banalitäten und schönen Ferienerlebnissen bestehen, die Sie einst in Schulaufsätzen beschreiben mussten. Statt sich dafür zu schämen, sollten Sie also froh sein, Krisen und Konflikte erlebt — und bewältigt — zu haben. Denn letztlich geben Sie Ihrer Autobiografie die nötige Würze.

Nicht zuletzt deshalb rät der schottische Schriftsteller John Niven („Gott bewahre“) auch, „über Menschen mit Abgründen“ zu schreiben. Denn wenn man das tue, erforsche man auch seine eigenen Abgründe. Anlässlich der Veröffentlichung seines Romans Old School, in dem er ältere Damen eine Bank ausrauben lässt, forderte er Nachwuchsautoren auf, so zu schreiben, „als ob deine Eltern tot wären“.

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