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Liebe Steady-Gemeinde,

heute präsentiere ich Euch hier die ursprüngliche Version eines Artikels, den ich für die FAZ schrob. Er ging durch etliche "Redigierungsvorgänge", was ihn nicht unbedingt besser machte. Deshalb präsentiere ich Euch - mit Dank an Ens Oeser, der als fachlicher Erstkorrektor sehr gute Arbeit leistete - hier exklusiv das Original:

Spaziergang auf des Messers Schneide

Endlich hatte Lou Reed einen echten Hit und ein veritables Erfolgsalbum. Mit den für ihn typischen Stilelementen und dank ein klein wenig Hilfe von David Bowie und dessen Gitarristen Mick Ronson.

Lou Reeds einziger Charthit „Walk On The Wild Side“ist ein perfider kleiner Song. Denn der Sound führt die Zuhörer in die Irre: Ein sanft dahinschwebender Groove, geprägt vom eingängigen Bass, den der Sessionmusiker Herbie Flowers beisteuerte, dem „toot-ta-doo“ der „coloured girls“, dazu ein sachtes Saxophonsolo von Ronnie Smith am Schluss – und die sonore, fast märchenonkelhafte Stimme von Reed. So könnte man sich glatt in den Schlaf schaukeln lassen. Wäre da nicht dieser Text, der im Kontrast zur zurückgenommenen, sanften Musik steht. Aber so machte es der Künstler bereits bei The Velvet Underground: Er verpackte seine realistischen, oft auch brutalen Beobachtungen in getragene Kompositionen, etwa bei „Stephanie Says“ oder bei „Venus In Furs“ vom 1967er Debüt „The Velvet Underground & Nico“ – dem Album mit der legendäre Warhol-Banane auf dem Cover. „Venus In Furs“ übernimmt nicht nur den Titel von Leopold von Sacher-Masochs 1870 erschienenen Novelle „Venus im Pelz“, das Lied transportiert auch reichlich Sado-Maso-Flair zu einer dahinschleppenden Melodie. Der Unterschied zu „Wild Side“ ist aber ohrenfällig: Denn während bei „Venus“ noch die Dissonanzen des damaligen Kreativpartners, dem von Avantgardisten wie John Cage beeinflussten Waliser John Cale, das Soundbild prägten, ist „Walk On The Wild Side“ in Wohlklang gebettet. Damit ist er nah an Cale-freien späten Aufnahmen von Velvet Underground – aber perfekter produziert.

„Walk On The Wild Side“ und das Album „Transformer“

Im April 1970 verließ Lou Reed die Velvet Underground desillusioniert. An eine große Karriere war nicht zu denken, denn die heute verehrte und von Pop-Art-Großmeister Andy Warhol gegründete Band um Reed und Cale war zwar Kult, aber davon hatten die Künstler finanziell gar nichts. Sprich: Die Platten wurden wenig verkauft, und die Velvets waren höchstens im Umfeld von Warhols Factory bekannt. Dass die Band bis heute unzählige Musiker beeinflusste, mehrte zwar ihren künstlerischen Ruhm, nicht aber ihre Einkünfte. Der britische Musiker, Produzent und Klingelton-Erfinder Brian Eno fasste dieses Phänomen im Oktober 1982 im Interview mit dem Magazin „Musician“ so zusammen: „Ich habe neulich mit Lou Reed gesprochen und er sagte, dass die erste Velvet Underground-Platte in den ersten fünf Jahren 30.000-mal verkauft wurde. … Ich glaube, jeder, der eine dieser 30.000 Exemplare gekauft hat, hat eine Band gegründet!“

Einer dieser ersten Fans war der Londoner David Robert Jones, der als David Bowie zum Weltstar werden sollte. Während Bowie in den 1960er Jahren noch seinen künstlerischen Weg suchte und ihn erst gegen Ende des Jahrzehnts finden sollte und zum Beispiel im BBC-Fernsehstudio gemeinsam mit seiner damaligen Band The Mannish Boys den Langhaaraktivsten gab, um irgendwie Aufmerksamkeit zu erlangen, war der nur fünf Jahre ältere Lou Reed bereits Mitglied des Künstler-Zirkels um Andy Warhol. Er befand sich mitten in dessen Schmelztiegel „The Factory“, blieb aber außerhalb dieser Blase weitestgehend unbekannt. Und als David Bowie dann mit den Alben „Hunky Dory“ – welches auch eine Liebeserklärung an Warhol enthält – und mit „The Rise And Fall Of Ziggy Stardust And The Spiders From Mars“ zum Glam-Rock-Superstar wurde, nutzte er die Gelegenheit, Lou Reed dem englischen Publikum vorzustellen: Am 8. Juli 1972 trat Reed exklusiv bei Bowies Konzert für „Save The Whale“ in der Londoner Royal Festival Hall auf.

Die Ziggy-Stardust-Tour durch Großbritannien endete am 7. September 1972 in Stoke-on-Trent. Danach ging es in die USA, wo am 22. September in Cleveland der erste Auftritt der Spiders From Mars in Nordamerika anstand. Dazwischen produzierten Bowie und sein Gitarrist Mick Ronson die LP „Transformer“. Reed brachte den Song „Satellite Of Love“ mit ins Studio – und der stammte aus den letzten Velvet-Underground-Sessions vom April 1970. Dieses Lied gewann durch Bowies Einfluss, wie die Demoaufnahme von Velvet Underground belegt.

Bowie mit seinem Idol im Studio – Ergebnis: Brillant

Für den schüchternen David Bowie war die Zusammenarbeit mit seinem Idol nicht einfach, wie er 1998 in Timothy Greenfild-Sanders Doku „Lou Reed: Rock And Roll Heart“ erzählte: „Ich war voller Ideen, aber sein Wissen hat mich wahnsinnig eingeschüchtert. Ich meine, obwohl der Altersunterschied jetzt nicht so groß ist, hat es sich angefühlt, als hätte Lou schon ein großes Vermächtnis mit seiner Arbeit geschaffen. Was er ja auch tatsächlich hat. … Ich habe mir für ihn gewünscht, dass die Leute dieses Album nie mehr vergessen.“ Das hat mit „Transformer“ wunderbar geklappt, was an Songs wie „Satellite Of Love“, „Perfect Day“ oder dem Über-Hit liegt. Über den sagte Bowie in der Dokumentation: „‚Walk On The Wild Side ist ein Klassiker, ein wunderbarer Song, absolut brillant.“

Nur fünf Monate nach Reeds im großen Stil geflopptem Solodebüt „Lou Reed“ erschien am 8. November 1972 die LP „Transformer“, und am 24. desselben Monats wurde die Single „Walk On The Wild Side“/„Perfect Day“ veröffentlicht. Am 4. Januar 1973 konnte man im „Rolling Stone“ in Nick Tosches ausführlicher Rezension des Albums dann diese Einschätzung lesen: „‚Walk On The Wild Side‘ ist ein weiterer Gewinner, ein entspannter, zwielichtiger Keimling in der Tradition von ‚Pale Blue Eyes‘. Das Lied handelt von verschiedenen New Yorker Prominenten und ihren vielfältige Homo-Abenteuern, die auf unheimliche Weise durch die Sätze ‚walk on the wild side‘ und „and the coloured girls go toot-ta-doo, too-ta-doo‘ unterbrochen werden, von hektischen, defensiven Blowjobs und von jemandem, der sich die Beine rasiert, während er per Anhalter 1.500 Meilen von Miami nach New York fährt…“. Tosche liegt auch aus heutiger Sicht völlig richtig, aber einen Punkt ignoriert er: Während Reeds Songs zu Velvet-Underground-Zeiten meist in der Gegenwartsform gehalten sind und einen Ist-Zustand beschreiben, blickt der Künstler in „Walk On The Wild Side“ zurück. Es wirkt fast so, als seien die Leute, die er im Lied aufzählt, Akteure einer vergangenen Epoche, womöglich sogar eines untergegangenen Reiches.

Walk On The Wild Side

Holly came from Miami FLA Hitch-hiked her way across the USA Plucked her eyebrows on the way Shaved her leg and then he was a she She said, hey babe, take a walk on the wild side, Said, hey honey, take a walk on the wild side Candy came from out on the island, In the backroom she was everybody‘s darling, But she never lost her head Even when she was given head She said, hey baby, take a walk on the wild side She said, hey babe, take a walk on the wild side And the coloured girls go toot-ta-doo, too-ta-doo...

Little Joe never once gave it away Everybody had to pay and pay A hustle here and a hustle there New York city is the place where they said: Hey babe, take a walk on the wild side I said hey Joe, take a walk on the wild side Sugar Plum Fairy came and hit the streets Lookin‘ for soul food and a place to eat Went to the Apollo You should have seen him go go go They said, hey Sugar, take a walk on the wild side I said, hey honey, take a walk on the wild side Jackie is just speeding away Thought she was James Dean for a day Then I guess she had to crash Valium would have helped that dash She said, hey babe, take a walk on the wild side I said, hey honey, take a walk on the wild side And the coloured girls say toot-ta-doo, too-ta-doo...

Um wen dreht sich denn nun „Walk On The Wild Side“?

Während Nick Tosche in seiner LP-Rezension in puncto der Protagonisten von „Walk On The Wild Side“ vage bleibt, benennt Michael Hann in seinem im Dezember 2015 im britischen „Guardian“ erschienenen Artikel „Lou Reed’s Walk On The Wild Side: what became of Candy, Little Joe and co?“ die Personen und ordnet sie der bunten Welt von Warhols „The Factory“ zu: Mit der „Holly“ aus der Strophe Eins meint Reed die Transgender-Schauspielerin Holly Woodlawn. Die floh im zarten Alter von 15 Jahren nach regelmäßigem Mobbing von ihrem Zuhause in Miami und trampte nach New York. Was sie auf der langen Reise angeblich alles machte, beschreibt der Song eindrucksvoll. Denn genau das ist es, was Reed meisterlich beherrscht: Er stellt uns in fünf knappen Zeilen einen Menschen vor. Er beschreibt die Motivation, die dazu führte, dass diese Person sich dem Tross von Andy Warhol und seinem Lebensstil hingab.

Es ist die Suche nach Erfüllung, die sexuelle Selbstfindung und den Ausbruch aus den rigiden Zwängen der bürgerlichen Herkunft, die den Ausbruch in den Hedonismus, i

Die „Candy“ aus der zweiten Strophe ist einer weiteren transsexuellen Mimin gewidmet, nämlich der auf Long Island geborenen Candy Darling. Die leidenschaftliche Hedonistin Darling hatte ihren ersten Filmauftritt im Jahr 1968 im von Andy Warhol produzierten Underground-Movie „Flesh“ und soll Stammgast im Hinterzimmer des Nachtclubs „Max’s Kansas City“ gewesen sein. Als sie 1974 an Leukämie verstarb, hatte ihr Reed bereits zwei Denkmäler errichtet – einmal 1969 im Velvet-Underground Song „Candy Says“ und dann in „Walk On The Wild Side“. Immer wieder kolportiert wird auch, dass es sich bei der „Lola“ im gleichnamigen Hit der Kinks um Candy Darling handeln soll.

„Little Joe“ Dallesandro ist ebenfalls in „Flesh“ zu sehen – als Hauptfigur. Er spielte den jugendlichen Stricher Joe. Laut Hann war der bisexuelle Dallesandro ein Sexsymbol der schwulen Szene – und mit Reed persönlich nicht bekannt. Der habe angeblich nur die Filmfigur beschrieben – und die ging anschaffen, „everybody had to pay and pay“ eben. Die vierte Strophe dreht sich um eine Figur namens Sugar Plum Fairy. Sie könnte eine Anspielung auf den Schauspieler Joe Campbell sein, der in Warhols 1965er Film „My Hustler“ eine Person mit diesem Namen verkörperte. Vieles spricht aber auch dafür, dass Reed einige ihm näher bekannte Drogendealer in der Figur des Sugar Plum Fairy vereinte. Möglicherweise stimmen beide Varianten. In Reeds Song geht Sugar nach Harlem, zum legendären Apollo Theatre, 254 West 125th Street. Er präsentiert sich an einem Ort, an dem schon Nat „King“ Cole, Ella Fitzgerald oder James Brown auftraten.

In der letzten Strophe geht es schließlich um eine weitere Warhol-Schauspielerin – um Jackie Curtis. „Speeding“ und „Crashing“ sind Worte, die in der New Yorker Drogenszene gebräuchlich waren, sie stehen aber auch für den Rennsport-begeisterten Mimen James Dean. Der Leinwandstar starb bekanntlich 24-jährig am Steuer eines schnellen Porsche 550 Spyder Speedster. Laut „Walk On The Wild Side“ wäre die 1985 verstorbene Curtis gern einen Tag lang Dean gewesen. Und wie sah der Autor des Songs seine Rolle in diesem Umfeld aus am Rande der Gesellschaft lebenden Sonderlingen? In der Doku „Lou Reed: Rock And Roll Heart“ sagte er: „Glamrock, Androgynie, abwechslungsreicher Sex – ich war mittendrin. Manche sagen, ich hätte der Anführer sein können.“

Ein Song zur rechten Zeit – und für danach

Reeds Lied über Dragqueens, Transsexuelle und Drogensüchtige aus Warhols Reich wird heute noch gern in Radiosendern gespielt. Der Text und seine Bezüge zu real existierenden, schillernden Personen spielt dabei keine Rolle und hat es auch schon 1972 nicht. Es ist allerdings möglich, dass einige Glamrock-Fans und Warhol-Jünger den Inhalt von „Walk On The Wild Side“ aufsogen. Auf jeden Fall kam das Lied genau zum richtigen Zeitpunkt heraus, wie David Yaffe im November 2017 in der „Financial Review“ betonte. Er schrieb: „Der Zeitpunkt war perfekt. Ein paar Jahre zuvor wäre ‚Walk On The Wild Side‘ kein Hit gewesen, und ein paar Jahre später hätte es nicht ganz so wild gewirkt. Reeds Flirts mit Transgender-Identität und Androgynie waren für die jungen Rebellen gerade kantig genug und vage genug, um legal zu sein.“ In den britischen Charts erreichte das Lied die Top Ten, in den USA ging es bis auf Platz 16. Reed selbst genoss den Erfolg, stürzte dann aber in eine große Krise, die er 1982 mit dem Album „The Blue Mask“ aufarbeitete. Danach erschien eine Reihe wunderbarer Platten, die von der Kritik zurecht hochgelobt wurden. Einen Hit wollte Reed vielleicht gar nicht mehr landen, denn Werke wie „Legendary Hearts“ (1983), „New Sensation“ (1984) oder „New York“ (1989) sind komplex strukturierte Meisterwerke eines begnadeten Erzählers. Der berühmte Basslauf von „Walk On The Wild Side“ wurde 1990 im Track „Can I Kick It?“ von A Tribe Called Quest zum stilprägenden Element dieses Rap-Juwels. Der Rechtstreit um das Sample ist eine andere Geschichte – aber eine, die sich für Reed finanziell lohnte.

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