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Heute für Euch eines von zwei Bonuskapiteln meines Buches "Es geht voran - die Geschichte der deutschsprachigen Popmusik". Die beiden  Texte wurden damals im mittlerweile leider abgeschafften Blog des Verlags veröffentlicht und bekamen ziemlich Resonanz. Nun sind sie nur noch über mich - also für Euch hier - zu bekommen. Viel Spaß mit Nummer 1...

Ach, das zweite Bonuskapitel gibt's dann nächste Woche hier.

Bonuskapitel "Es geht voran", Vol. 1: Helge Schneider/Funny van Dannen

Es geht voran – Kapitel 25 Wortspielereien – alles ist möglich Helge Schneider und Funny van Dannen

»Dann kam die Zeit da hat mich Jesus inspiriert/Franz von Assisi hat mich zu Lyrik inspiriert/Ich floh vor dem Alltag in die Welt der Religion/Ich fühlte Gott in mir, doch es war Schilddrüsenunterfunktion«

Aus: »Schilddrüsenunterfunktion« von Funny van Dannen

Spätestens seit der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten wissen wir, dass die USA das Land der begrenzten Unmöglichkeiten sind. Ein banales Wortspiel? Vielleicht, aber auf jeden Fall ein Wortspiel, denn ein solches ist „eine rhetorische Figur, die hauptsächlich auf der Mehrdeutigkeit, Verdrehung, Umdrehung“ basiert, wie Wikipedia weiß. Geistreich müssen sie nicht unbedingt sein, es genügt oft, einzelne Buchstaben auszutauschen. Ersetzt man zum Beispiel das „a“ in Hamburg durch ein „o“ wird aus dem Duft der großen, hanseatischen Welt der Geruch „saarländische Provinz“. Einem Busfahrer des 1. FC Nürnberg passierte real ein solcher Buchstabentausch, er verwechselte Ahlen im Münsterland mit dem schwäbischen Aalen – die Folgen waren fatal. Aus solchen Situationen lernt man erstens fürs Leben und zweitens, dass die deutsche Sprache das Reich der unbegrenzten Möglichkeiten ist. Wenn man von solch bedauerlichen Missgeschicken wie dem geschilderten absieht, bleiben beispielsweise noch die vielzitierten Verhörer, die zumeist englische Sentenzen in deutsche Umdichtung verwandeln: »All the leaves are brown« aus »California Dreamin‘« von The Mamas & The Papas wird zu »Anneliese Braun«, und bei Rihannas Hit »Love On The Brain« wird aus dem Lustbekenntnis »It fucks me so good« ein schon beim Zuhören unappetitliches »Er furzt nicht so gut«. Natürlich entstehen diese Verhörer durch einen Mix aus mangelhaften Englischkenntnissen der Empfänger und unzureichend deutlicher Aussprache der Sender. Und ebenso natürlich kann man – Geschick und Gespür für Sprache vorausgesetzt – Wortspiele erzeugen, die den Sinn spielend zum Absurden und Komischen hin ändern. Aber eben auch ernsthafte Bilder – oder gar Scherz, Satire und gesellschaftlich relevante Aussagen gleichzeitig miteinander kombinieren. Großmeister in diesem Metier waren Robert Gernhardt oder Bernd Eilert. Ihre Spielereien funktionierten in Verbindung mit Fotos und Zeichnungen, aber auch durch das perfekte Bühnentiming eines Otto Waalkes.

Die Bilder, die durch Wortspiele oder neue, ungewöhnliche Zuordnungen im Kopf entstehen, erweitern das Potential von Semantik und Grammatik: Nehmen wir nur mal »unsere gefiederten Freunde«, um mit Heinz Sielmann zu sprechen: Auf der einen Seite ist Heinz Erhardts in fast schon liebevollem Tonfall an eine Büroangestellte gerichtetes »Sie großer, weißer Vogel, Sie«, auf der anderen Seite Ludwig Hirsch, der mit »Komm großer schwarzer Vogel« den Tod näher an uns heranbringt, als es die drei Buchstaben »T-O-D« je vermochten. Man kann tatsächlich mit Ausnahme von Zitronen alles mit Worten ausdrücken – und das auf vielfältige Art und Weise. Natürlich nur, wenn man kann. Denn Sprache muss man können. Sie ist eben auch ein Instrument. Dies belegt – gleichzeitig auf den Spuren von Heinz Erhardt und Miles Davis wandelnd – der Mühlheimer Helge Schneider. Schneider beherrscht geschätzt 1000 Instrumente, zu denen eben auch die deutsche Sprache – und nach eigener, im Interview mit dem Autor getätigten Aussage, auch »Nordmende und Grundig gehören«. Man kann diese Aussage des Künstlers auch so deuten, dass er durchaus gern in die Ära von Heinz Erhardt eintaucht. Der Privatmann Schneider sammelt tatsächlich Platten, Möbel und Gerätschaften aus der Zeit des Gelsenkirchener Barocks. Interviews mit ihm und Liveauftritte von ihm sind gespickt mit verbalen Assoziationsketten. Und diese funktionieren, weil er um das Prinzip von Sprache weiß – was bedeutet, dass auch in jedem vermeintlich falsch gesetzten Wort und in jeder Pause eine Chance steckt. In seinen Songs setzt Schneider gezielt schräge Assoziationsmomente ein. So heißt es beispielsweise am Schluss von »Sommer Sonne Kaktus«, das eigentlich mit Urlaubsklischees spielt »Sommer Sonne Kaktus, ach wie wär‘ das schön/Doch leider hier in Duisburg, muss ich ins Hallenbad geh’n“ – nur um dann noch überraschender mit »Was das denn? Ne Laus? Scheiße, ich hab Läuse …« zu enden.

Auch Franz-Josef Hagmanns-Dajka, der sich Funny van Dannen nennt und als Sohn einer Holländerin auch geographisch im Grenzgebiet aufwuchs, ist ein Wortspieler. Wenn es eine Bundesliga für Sprache gäbe, van Dannen würde dort um den Meistertitel kämpfen. Irgendwo zwischen Bänkelsänger im Stile von Reinhard Mey, virtuosen Wort-um-die-eigene-Achse-dreher à la Robert Gernhardt ist das Gründungsmitglied der sagenumwobenen Lassie Singers seit 15 Alben schon Kult. Dass er von den Toten Hosen gefördert wird, dass seit einigen Jahren die Platten auf deren Label JKP erscheinen und die Düsseldorfer Band van Dannens Songs »Schön sein«, »Bayern«, »Walkampf« oder »Frauen dieser Welt« adaptierte, zeigt, dass die Texte des Liedermachers bei Campino und seinen Kollegen sehr geschätzt werden. Warum das so ist? Weil Funny van Dannen den Sprachwitz mit Chuzpe erweitert. Praktisch alles ist möglich, Titel wie »Katzenpissepistole«, »Kopftuchmädchen (Nonne werden)«, »Lesbische schwarze Behinderte« oder die vermeintlich dadaistischen Headlines »Lonely Stuhlbein« und »Pflanzendisco«. Auch, Zeilen wie diese in einem echten und als solchem funktionierenden Liebeslied:

»Angenommen ich wär‘ die Gesellschaft und du wärst irgendein Stern/Dann wären wir zwei nicht zusammen, dann hätten wir uns nicht gern/Dann lägen Welten zwischen uns, dann wären wir jetzt nicht verliebt/Dann säh ich dein Licht, doch ich wüsste nicht, ob es dich überhaupt noch gibt/Ich hätte so viele Meinungen, Konflikte und etliche Schichten/Und die Medien müssten ununterbrochen über mich berichten … Und du würdest immer nur funkeln, funkeln das wär‘s auch schon/Millionen Jahre strahlen, ganz schön monoton«

– Funny van Dannen bringt nicht nur im Song »Angenommen ich wär‘ die Gesellschaft« zusammen, was eigentlich nicht zusammengehören kann. Sprache macht es, wie in »Billige Räusche«, möglich, sogar den Leibhaftigen mit einem Popstar zu kombinieren, ohne moderne Musik auf miefig-althergebrachte Weise als Werk des Satans zu verteufeln:

»Ein Engel übergibt dem Teufel einen großen Plan/Der setzt die Brille auf und schaut ihn eine Ewigkeit an/Und dann zischt er, nachdem er das Gesicht verzog/Das ist kein Plan, das ist ein Poster von Kylie Minogue.«

Die Sprache ist nun mal »Funny« – und sie lässt sich hervorragend »Maß-Schneidern«. Und das ist, gerade hinsichtlich der schrecklichen Dinge, die Worte eben auch anrichten können, gut so.

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