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Liebe Steady-Gemeinde,

einer meiner absoluten Lieblingregisseure - Peter Bogdanovich - ist im Alter von 82 verstorben. Deshalb heute eine kleine Hommage an ihn und an den wunderbarlichen Film "Is' was, Doc?"

Verfolgt, verliebt, verloren

»You're the top I am? You're a ward of‘s cellar/Oh no, no let me say it/You‘re the top, me too? That‘s right/You're a Berlin ballad oh, it‘s nice/You're the nimble tread of the feet of Fred Astaire/Actually I don‘t dance very well/You‘re an O'Neill drama, you're Whistler‘s mother/Mama sorry, you're Camembert« – Barbra Streisand & Ryan O‘Neal: »You’re The Top«

Sie fühlt sich verfolgt. Das kann doch gar nicht sein. Wen kennt sie denn schon auf dieser Insel? Der eine steht in seinem Hotel hinter dem Tresen der Rezeption, der andere ist heute zeitig mit seinem Fahrrad aufgebrochen. Aber trotzdem spürt sie ein Augenpaar auf ihrem Rücken. Sie dreht sich um. Im langen Schlauch des Zacharopoulos Pharmacy Store befinden sich viele Leute. Aber alle beschäftigen sich an den Regalen mit Duschgels, Sonnencremes oder Parfums. Die Verkäuferinnen sind in Kundengespräche vertieft. Trotzdem: Sie fühlt sich beobachtet. Und wirklich – hinter der Säule mit den bunten Pflegeprodukten, die angeblich direkt auf der Insel hergestellt und alle total »bio« beziehungsweise » βιο« sind, ragt ein dunkler Haarschopf hervor. War ihr der Typ wirklich bis nach Firá und hierher, in dieses Geschäft, das zugleich Drogeriemarkt und Apotheke ist, gefolgt? »Na, der kann was erleben!«, denkt sie. Nicht einmal in Ruhe stöbern lässt er sie. Daran gibt es nun gar nichts zu rütteln: »Das geht gar nicht«.

Also schlendert sie auf die Säule zu, so, als würde sie sich für die bunten Tuben und Fläschchen interessieren, die dort auf ihre zukünftigen Besitzer warten. Sie schlich sich fast so vorsichtig an, als würde sie eine streunende Katze einfangen wollen. Das passt irgendwie, denn schon der Haarschopf, der da zu sehen ist, hat etwas von einem Straßenkater. Merkwürdigerweise bewegt er sich nicht. Entweder interessiert er sich für Bio-Hautcremes und -lotions, aber wahrscheinlicher ist es, dass er sie beobachtet. »Hey, was willst Du hier? Verfolgst Du mich«, ruft sie entrüstet. Die Antwort kommt schnell, aber doch sehr überraschend: » Δεν την καταλαβαίνω«. Sie schaut den Griechen an, der deutlich jünger als Simon und noch dazu bartlos ist – aber ziemlich gut aussieht, murmelt ein knappes »Sorry« und verschwindet, bevor die Scham allzu groß wird. Dabei hätte sie schwören können, dass es Simons Haarspitzen waren, die sie hinter der Säule vorspitzen sah.

»Wie peinlich«, denkt sie und kann sich nicht mehr auf das konzentrieren, was sie eigentlich in diesen Laden geführt hatte. Sie schimpft innerlich auf sich: »Das kommt davon, wenn man auf das Gedächtnis vertraut, statt einen Einkaufszettel zu schreiben!« Aber es hilft ihr auch nicht, sich zu konzentrieren, denn da ist plötzlich dieses Lachen. Es ist schon im Tonfall unverschämt, ausgesprochen quietschfidel – und das eindeutig auf ihre Kosten. »Da macht sich einer einen lustigen Vormittag, während ich wie die begossene Pudelin vor dem Regal mit Deos stehe«, denkt sie und »Ach du Scheiße! Oh Gott, das ist ja noch peinlicher als peinlich«. Denn Simon steht gerade mal zwei Meter von ihr entfernt am Ende des Ganges – und beobachtet ihre Katastrophe. Sie nimmt einen Deoroller und wirft ihn nach ihm. Aber er duckt sich und das Antitranspirant landet in der Babynahrung, verschwindet irgendwo zwischen Anfangsmilch und Dreikornbrei.

Sie wiederholt die Frage von vorhin: »Verfolgst Du mich?« und Simon lacht weiter. »Oder braucht der Kindskopf etwa Babynahrung?« Er schüttelt den Kopf, während sein Lachen allmählich in ein Glucksen übergeht und dann ganz erstirbt: »Erstens: Nein und zweitens auch Nein«, antwortet er. »Was machst Du denn dann hier?« will sie nun wissen, aber er weicht ihr aus. Vorsichtig holt er den Deoroller aus dem Babyregal und drückt ihn ihr in die Hand. »Der gehört da irgendwie nicht hin, findest Du nicht auch?« sagt er. Simon nimmt sie auf den Arm und lässt sie dann erbarmungslos wieder auf den Boden der Tatsachen fallen. »Ich brauche Rasierschaum«. Wenn sie nicht gerade richtig sauer auf ihn wäre, müsste sie direkt lachen. »Was dümmeres habe ich noch nie gehört«, antwortet sie, denn sie mag den Vollbart des Briten. Noch gestern sagte sie ihm, dass er ihn bittschön behalten solle, und er beteuerte, dass er nicht vorhabe ihn abzunehmen. Schließlich würde der Bart ihn doch noch ernsthafter, reifer und weiser wirken lassen. Seine Leserinnen stünden nun mal darauf.

»Lieben bedeutet, niemals um Verzeihung bitten zu müssen!«, sagt er, und »deshalb hast Du jetzt auch nicht nötig, Dich zu entschuldigen. Aber was bildest Du Dir eigentlich ein? Dass ich hinter Dir herdackle wie ein Hund? Du bist echt töricht und nimmst Dich viel zu wichtig.« Er klingt weder entrüstet noch wütend. »Auch, wenn es Dich überhaupt nichts angeht: Ich möchte meinen Bart stutzen und die Ränder ausrasieren. Deshalb brauche ich Rasierschaum, Klingen und Bartöl.« Es stimmt, sie ist töricht. Aber dass ihr Männer nachliefen, hatte sie schon oft genug erlebt. »Und was willst Du hier?« fragt er, und sie weiß, dass es eine Retourkutsche ist. »Einen Flachbildfernseher. Ich bin aber noch nicht fündig geworden«, antwortet sie. Das ist ihr jetzt einfach so herausgerutscht. Eigentlich hätte sie ihm auch sagen können, dass sie Deo, Zahncreme, Pads zum Abschminken und eine Creme mit Hyaluron braucht. Schließlich weiß sie jetzt ja auch wieder, was sie hier sucht. »Ok, ich frag mal die Verkäuferin da vorne, warte mal kurz«, sagt er und tut so, als ob er wirklich zu der schwarzhaarigen Frau im weißen Kittel will. Jetzt muss sie doch lachen und geht ihrer Wege. Eilig sucht sie die Sachen, die sie benötigt, legt sie in den Einkaufskorb und läuft zur Kasse. Dort wartet schon Simon. Er sagt: »Sie haben leider keine Flachbildfernseher, sondern nur ein altes Transistorradio. Für 20 Euro könntest Du es aber haben.«

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