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Liebe Steady-Gemeinde,

heute für Euch exklusiv die ersten beiden Kapitel eines schmalen Buches, das aber nie erscheinen wird. Warum? Weil ich es nicht will.

Es dreht sich um den ersten Kontakt zu einem Mann, der mich speziell in den 1970er Jahren durch das Leben begleitet, ja, mich gerettet hat - um Udo Lindenberg. Viel Spaß beim Lesen - Kapitel 3 und 4 gibt's demnächst in diesem virtuellen Theater.

Spielfilm und Schmierfilm

Wie hätte ich das denn wissen sollen? Nie und nimmer konnte ich an jenem 7, Juni 1974 ahnen, dass Udo Lindenberg mein Leben innerhalb weniger Minuten nachhaltig verändern würde. Das war nicht abzusehen, denn eigentlich war alles wie immer, so, wie an jedem Samstagabend: Es war undenkbar, dass der Fernseher mal ausgeschaltet bleiben könnte. Und das fand ich sehr tröstlich. Denn das Programm konnte gar nicht so mies sein, wie es die ewigen Streitereien der Eltern waren. Also schaute ich auch an diesem Samstag schon nachmittags in Mutters heiliger »Hörzu« – »mach ja keine Eselsohren rein« – nach dem, was meine Schwester und mich erwarten würde: Um 20 Uhr 15 soll es im Zweiten »Der rote Kreis« geben. Einen Edgar-Wallace-Krimi, den mein Vater aus Prinzip schon nicht wählen würde. Denn wozu hatte er den Telefunken-Farbfernseher besorgt? Doch wohl nicht, um damit einen »Schwarzweißschinken« anzuschauen? Das war sein Standardargument gegen alte Spielfilme, gegen die »Väter der Klamotte«, gegen »Raumpatrouille« und sogar gegen »Aktenzeichen XY ungelöst«. Also konnte es wohl Sherlock Holmes‘ »Das Zeichen der Vier« werden. Da spielte Gila von Weitershausen mit, und die fand mein Vater »scharf«. Außerdem war der Film ganz modern in Farbe. Der Abend sollte allerdings für mich noch viel bunter werden, bunter jedenfalls, als es ein Krimi werden, dessen Buchvorlage ich schon mit sechs Jahren gelesen habe, werden hätte können. Also erwartete ich nicht viel vom Programm, vom ungeselligen Beisammensein vor dem Nordmende und von Gila von Weitershausen. Ich hoffte nur, dass ich bis zur bis zur Bettgehzeit meine Ruhe haben könnte. Außerdem stand ich nicht auf die Schauspielerin, sondern auf Sally Carr von Middle Of The Road oder auf Suzi Quatro. Wenn ich mich an jenem Tag auf etwas freute, dann auf das Eröffnungsspiel der Fußballweltmeisterschaft: Nur noch fünf Mal schlafen nach nur noch fünf Abenden mit Streiterei und Prügelei, dann würde ich bei Frank übernachten und mit ihm Brasilien gegen Jugoslawien sehen. Wir würden Würstchen essen, Cola trinken, von unerreichbaren Mädchen schwärmen und dabei Fußball gucken. Wie die Brasilianer wohl ohne Pelé zurechtkommen? Wenn kein Hausarrest dazwischenkommt, wird es herrlich. Versonnen betrachtete ich die Titelseite der »Hörzu«. Sie zeigte neun – wieso eigentlich nicht elf? – Männer. Es waren die »Fußball-Sprecher« für die WM-Spiele. Bis auf Esser und Obermann sah von denen keiner so aus, als könne er auch nur 20 Minuten lang kicken.

Aber erst einmal kam unweigerlich der Samstagabend unweigerlich. Das gab es kein Pardon, das stand von Vorneherein fest. Genauso stand fest, wie die Zeit bis dorthin verbracht werden musste: Punkt 16 Uhr begann Vater damit, den weißen Kaldewei-Badeofen anzuheizen und auf höchster Temperatur zu halten. Das Knistern des Holzes, das er unablässig nachlegt, konnte ich selbst in meinem Zimmer noch hören. Als der Kessel das Wasser erhitzt hatte, reichte es für meine Schwester und mich. Weil einer von uns ins Badewasser des anderen musste. Wir hatten bereits ausgewürfelt, wer dieses Mal zuerst reindarf. Dazu brauchte man nur zwei seiner drei Würfe zu gewinnen. Dann hatte man wenigstens etwas vom Fichtennadelschaum.

Weil ich verlor, saß ich in schaumfreier, lauwarmer Brühe, und es fröstelte mich trotz des bullernden Ofens. Der hinterließ seine Zeichen an den Fliesen, die bei uns, wie so vieles, nicht echt waren. Also keine Fliesen. Mein Vater tapezierte die Wände des kleinen Badezimmers mit braungemustertem Stragula. Die feuchte Hitze erzeugte darauf jeden Samstag einen Schmierfilm, den ich eklig fand. Fast genauso eklig fand ich die hellblauen Frotteeschlafanzüge mit den dunkelblauen Bündchen. Seit ich denken konnte, bekam ich die zu Weihnachten und musste ich nach dem Bad einen frischgewaschenen von der Sorte anziehen. »So weich war Babys Wäsche noch nie« hieß es in der Lenor-Reklame im Fernsehen. Mein Schlafanzug indes war kratzig und scheuerte auf meiner Haut wie ein metallener Rasch im Topf. Das Fernsehen schaffte es nicht, meiner Mutter ein schlechtes Gewissen einzureden. Sie kaufte einfach keinen Weichspüler. Und ich? Ich sei ja kein Baby mehr und solle mich nicht kratzen, sondern lieber waschen. Deshalb badeten wir am Samstag, und deshalb musste ich heute auch im Dreck herumplanschen, den meine Schwester unter der Woche so aufgesammelt hatte. Als ich mich der hellblauen Tortur unterwarf, war ich weder sauber noch gar rein sein. Aus dem Abend konnte definitiv nichts werden, er musste wie immer verlaufen. Aber was wusste ich schon? Mit knapp 14 Jahren sicher noch viel zu wenig, um diese Welt zu kapieren.

Ich könnte heulen – aber Vorsicht, Tränen lügen nicht!

Meiner Schwester ist zum Heulen zumute, weil ihre Lieblingsserie nicht kommt. Es wird heute nichts mit »Boney«. Deshalb wollte sie unbedingt zuerst in die Wanne: Sie will wissen, wie es nach der Geschichte mit dem »schwarzen Opal« weitergeht. »Da bleibt Dir das Maul sauber«, stellt mein Vater fest – und dann ist mir auch zum Heulen zumute. Ich verkneif mir die Tränen, denn die lügen ja nicht. Die Wahrheit ist, dass ich mit ihr fühle. Aber mein Vater hat mir eingebläut, dass ein echter Mann nicht weint und dass ein Indianer keinen Schmerz kennt. Als Kind habe ich die Rothäute mit jedem Schlag glühender verehrt – bis zu dem Punkt, an dem ich aufhörte, meinem Vater zu glauben. Ich war mir sicher, dass Indianer schmerzempfindlich sind. Und dass es immer das Beste ist, möglichst Angriffsfläche zu bieten. Die zweite Arschbacke hinhalten? Nicht, wenn es sich vermeiden lässt. Nein, Tränen lügen nicht. Aber Tränen reden. Mein Vater interpretiert das, was sie sagen so: Wer heult, ist ein Schwächling, sein Wort dafür ist »Memme« und das ist für einen Jungen keine positive Bezeichnung. Obwohl mein Vater kein edler Apachenhäuptling und ich also auch kein Indianer bin, verkneife ich mir die Tränen, wo und wann immer es sein muss, so gut ich kann – und ich kann es so gut, dass meine Schwester mich mit einem Blick anstarrt, der Unverständnis und verzweifelte Hilflosigkeit in sich trägt. Aber ich kann ihr nicht helfen. Tränen sprechen eine Sprache und ich will nicht reden. Je mehr ich nämlich verstehe, wie die Erwachsenen reden – und was sie sagen wollen – desto mehr fehlen mir die Worte. Je mehr ich begreife, dass die brutalen und ordinären Worte meines Vaters nur leere Hülsen sind, desto schweigsamer werde ich. Es ist so, als sei alles, was ich zum Familiengespräch beitragen könnte, längst gesagt. Oder es lässt sich nicht sagen. Mir fehlen die Worte. Worte, die es bräuchte, mich zu behaupten, Worte, die nötig wären, eigene Standpunkte festzulegen oder wenigstens Worte, die mich so bemerkbar machen, wie ich bin. Aber wie bin ich eigentlich? Ich kann es nicht sagen, mir fehlen die Worte dazu. Dafür reden andere: Mein Vater nimmt dazu sogar die Hände zu Hilfe – eine schlagende Verbindung, die mich auch dann nicht berührt, wenn sie mich mit Wucht trifft.

Mit Ilja Richter geht es mir genauso: Der stolziert wie ein Gockel durch eine Welt, die genauso seltsam unwirklich wirkt wie mein Elternhaus, nur dass das »Disco«-Studio tatsächlich eine Scheinwelt - »Heute bei uns in der ‚Disco‘. Licht aus, Spot an! Jaaa!«, aber der kitschige Teppich mit dem röhrenden Hirsch tatsächlich über den Glasscheiben der Wohnungstür hängt. Er scheint in den dadurch noch dunkleren Eingangsbereich hineinzubrüllen, als stünde er echt auf einer Lichtung und der Flur wäre ein düsterer Märchenwald. Eigentlich hängt der Teppich nur dort, damit Frau Hanke nicht zu uns hereinschauen kann. Immerhin ist sie nicht nur unsere neugierige Nachbarin, sondern auch die Vermieterin. Laut meiner Mutter hat sie uns sowieso auf dem Kieker, was mich nicht wundern würde. Aber ich entgegne auf solche Sätze nichts, denn dazu fehlen mir die angemessenen und straffrei verfügbaren Worte.

Dafür babbelt Ilja und blödelt sich von einem faden Sketch zum nächsten. Heute macht Katja Ebstein das Trauerspiel mit viel Theatralik und riesengroßen Augen mit – und ich fühle mich, als wäre ich der von ihr besungene »Indiojunge aus Peru«: Ich begreife nicht, was das soll, ich verstehe nicht, wie man freiwillig solch langweilige Albernheiten – »und meine Damen, es ist doch überhaupt viel witzi’er, fahren sie nicht nach Italien, essen sie zuhaus die Pizza« darbringen kann, ohne sich zu schämen. Und ich begreife nicht, wie man mit einem weißen Sakko mit dicken blauen Streifen durch die Sendung turnen kann. Der sieht fast noch blöder aus als ich mit meinem hellblauen Schlafanzug: Die Jacke wirkt durch die Linien auf unserem Nordmende tatsächlich auch hellblau. Mir tut auch Christine Wirth aus Kempten leid, die von Ilja als Gewinnerin des Hauptpreises vorgeführt wird. Mir wäre der zweite Preis, der Plattenspieler oder sogar das Kofferradio, das man als Dritter gewinnt, lieber. Und was will man eigentlich mit einer hölzernen Pizza »à la Disco«? Mir wird langweilig, das einzige Lied, das mir bis jetzt gefiel, weil es mein Gefühl gut trifft, ist »The Show Must Go On« von Leo Sayer, den Richter ganz Deutsch als „Saier“ ankündigt. Sayer ist bei seinem Auftritt als trauriger Clown maskiert. Ich mag keine Clowns, aber ich verstehe den Sänger. Der Rest ist seltsam: »Rockin‘ Soul«, aber das neue Lied von Middle Of The Road gefällt mir gar nicht und Sally Carr sieht müde aus. Ich mag ihre neuen Lieder nicht, seit »Bottoms Up« und »Yellow Boomerang« kam nichts Gutes mehr von der Gruppe. 

Udo Jürgens singt „Geschieden“. Meine Mutter liebt den, aber scheiden lassen würde sie sich höchstens kurz bevor Vater sie totschlägt – oder nicht mal dann. Zwei Mal singt Tony Sheridan, der Ur-Beatle olle Kamellen von Bill Haley und Jerry Lee Lewis, und ich denke, es kann gar nicht noch schlimmer kommen. Aber wenn man denkt, es geht nicht blöder, wird die »Disco« noch viel öder. Echt! Wo bleiben Sweet oder Suzi Quatro, wenn man sie braucht? Die tun sich den Ilja nicht mehr an und waren zuletzt nur mit Filmen vertreten. Stattdessen schmachtet nun der leibhaftige Julio Iglesias – »Spaniens Charme-Export«, echt jetzt – mit zitternder Stimme »Komm wieder Madonna« -und ich wäre gern weg. Wenn ich nur wüsste, wo ich hinkönnte. Es ist zum Heulen, aber nein, ich weine nicht. »Und jetzt weiter im Programm, mit Udo Linndenberg und seinem Paanik Orchester. Wir hören ‚Alles klar auf der Andrea Doria‘«. Man könnte vielleicht ein Fragezeichen setzen - »alles klar« - aber Ilja nickt stattdessen in die Kamera…

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