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RIP Henner Misersky (1940-2023)

SPORT & POLITICS. Das olympische Bildungsmagazin: Analyse, Kriminalrecherche, Aufklärung. Investigativer Journalismus.
Award-winning journalism on the pulse of the olympic family. (Öffnet in neuem Fenster)

Liebe Leser, dear readers,

Ich versuche den Spagat und biete den Newsletter in Deutsch und Englisch an. Das mag in anderen Fällen naheliegender sein, als diesmal, wo es darum geht, einen verdienstvollen und ausdauernden (ost)deutschen Kämpfer gegen Doping zu würdigen. Aber warten sie ...

Once again I am attempting the balancing act offering the newsletter in German and English. This may be more obvious in other cases than this time, where it is a matter of honouring the passing of a commendable and persevering (East) German fighter against doping and for enlightenment. But wait ...

Mit Henrich Misersky, Henner genannt, ist am Wochenende einer der ausdauerndsten Kämpfer für eine angemessene Aufarbeitung des DDR-Sportsystems gestorben. Henner Misersky hatte sich als Skilanglauf-Trainer in der Hoch-Zeit des DDR-Dopingsystems geweigert, seine Sportlerinnen zu dopen, zu denen seine Töchter Antje und Heike gehörten.

Vielleicht geht es also nicht nur um deutsch-deutsche Befindlichkeiten, wenn wir über Henner Misersky und sein Wirken sprechen. Ich denke, die Thematik betrifft das Sportsystem generell, über Deutschlands Grenzen und gesellschaftliche Systeme hinaus. Es geht Mut und Aufrichtigkeit, gewissenlose Medaillenproduktion und Zivilcourage, Opportunismus und Widerstand, um Dichtung und Wahrheit, um olympische Ideologie, um nichts weniger als Menschlichkeit. Es geht um Hochleistung mit fairen Mitteln, um einen humanen Spitzensport, von dem nicht wenige behaupten, der existiere nicht, sondern sei ein Hirngespinst.

Und natürlich geht es um die Aufarbeitung düsterer Kapitel des olympischen Geschäfts. Da gibt es keine Landesgrenzen. Die Thematik macht nicht an der einstigen innerdeutschen Mauer halt, die sich teilweise noch immer durch Wirrköpfe zieht. Die Konflikte sind übergreifend und brandaktuell. Deshalb habe ich diese kurze Würdigung von Henner Misersky ins Englische übersetzt.

Henrich Misersky, known to everyone as Henner, died at the weekend as one of the most persevering fighters for an appropriate reappraisal of the GDR sports system. Above all, however, this remains: Henner Misersky, as a cross-country skiing coach, had refused to dope his female athletes, including his two daughters Antje and Heike, in the heyday of the GDR doping system, long before the fall of the Wall. So maybe it's not just about German-German sensitivities when we talk about Henner Misersky and his life, his work, his fights, his courage, his legacy. I think the topic concerns the sports system in general, beyond Germany's borders and social systems. It is about fiction and truth, about Olympic ideology, conscienceless medal production and moral, opportunism and resistance, about courage and sincerity, about nothing less than humanity. It is about high performance with fair means, about humane top-class sport, of which not a few claim that it does not exist but is a fantasy.

And of course it's about coming to terms with dark chapters and areas of the Olympic business. So you see, there are no national borders. The subject matter does not stop at the former inner-German wall that separated the FRG and the GDR and which still runs through some of the scatterbrains. The topics are red-hot. It is a matter of going through life reasonably upright and maintaining this attitude. That is why I have translated this short tribute to Henner Misersky into English. You will find the German text first, then the English version.

Herzliche Grüße, warmest regards

Unerbittlicher Kämpfer

Henrich Misersky ist in seiner Thüringer Heimat an einem Krebsleiden verstorben. Er wurde 82 Jahre alt. Der ehemalige Leichtathlet und Trainer war drei Jahrzehnte lang eine der wichtigsten Stimmen in der Debatte über die Aufarbeitung des DDR-Sports und seiner kriminellen Begleiterscheinungen. Mein Beileid gilt Ilse Misersky, den Töchtern Antje und Heike und den anderen Angehörigen.

henner misersky, mdr-doku, 2023

Henner Misersky Anfang 2023 in der MDR-Doku "Doping und Dichtung"

Ich kannte Henner Misersky seit Februar 1992, als seine Tochter Antje Harvey-Misersky in Albertville Olympiasieger im Biathlon wurde und Henner unmittelbar darauf live in der ARD den deutschen Sportfunktionären den Spiegel vorhielt, was damals eine kleine Sensation war. Misersky erinnerte daran, dass für Medaillen im gemeinsamen deutschen Team skrupellos alles getan wurde und also auch zahlreiche Trainer, Betreuer und Funktionäre übernommen worden waren, die eine Doping- und Stasi-Vergangenheit hatten.

Ich war damals ein junger Journalist, hatte ein Jahr zuvor mein Studium beendet. Einer meiner Kollegen attackierte Misersky nach dessen TV-Auftritt in einem schändlichen Zeitungskommentar. Ohne im Archiv nach dem exakten Wortlaut gewühlt zu haben, gebe ich die Kernaussage frei wieder. Die Entgleisung blieb mir unvergessen, und alles, was folgte, war prägend für meine berufliche Laufbahn:

Henner, mir graut's vor Dir! Hättest Du nur geschwiegen!

Aber nicht doch. Natürlich hat Misersky nicht geschwiegen. Über mehrere Jahrzehnte nicht. Bis zuletzt nicht.

Und genau das ist der Kern der Sache und gewissermaßen sein Lebensthema.

Sogenannte mahnende Stimmen, die Unbequemen, die Streitbaren, die Kritiker, wie es in Medien dann immer heißt (die Formulierungen sind meistens unpräzise, oft sogar dumm und feige), die sind es, die Themen vorantreiben. 

Das nervt jene, die es bequem haben wollen, und jene, die etwas zu verbergen haben. Menschen wie Misersky sind es aber, die dafür sorgen, dass Vergangenheit debattiert wird, obwohl die Täter und die Verantwortlichen des sportpolitischen Komplexes kein Interesse daran haben, diese unschönen Fakten öffentlich zu verhandeln.

Ich schrieb zwar gerade "sportpolitischer Komplex", doch das gilt selbstverständlich auch für andere gesellschaftliche Bereiche. An der gerade extrem ärgerlichen Debatte über die angeblichen Segnungen der DDR, ausgelöst von merkwürdigen Büchern (Katja Hoyer et al.), die vor allem im Ausland mitunter hymnisch besprochen werden, wird das belegt.

Aber zurück zu Henner Misersky. Ich hatte ihn damals, im Februar 1992, am Telefon und habe mich für den schmutzigen Kommentar eines DDR-Gestrigen entschuldigt, obwohl ich dafür keine Verantwortung trug. Wann ich Henner und Antje das erste Mal traf und darüber redete, weiß ich nicht mehr, es könnte 1994 in Lillehammer gewesen sein. Es war schon damals nicht leicht, weil sie mich zunächst auf eine Ebene mit dem Kommentarschreiber stellten. Vertrauen musste sich entwickeln. Es wurde aber auch nicht leichter seither, für niemanden, schon gar nicht für die Familie Misersky.

Das zersetzende Gift des Dopings

Drei Jahrzehnte später, im März dieses Jahres, habe ich mich in einem langen Beitrag zur Causa Ines Geipel, zur MDR-Doku "Dichtung und Doping" und damit auch zur langwährenden Auseinandersetzung zwischen Misersky und Geipel, den einstigen Kampfgefährten im Verein Doping-Opfer-Hilfe (DOH), und deren Sekundanten in Medien, Politik und sogenannter Wissenschaft geäußert. Ich überschrieb den Text mit "Das Gift des Dopings. Blackbox Ines Geipel" (Öffnet in neuem Fenster).

Es geht mir hier und heute nicht um die Frage, wer Recht oder Unrecht hat in jedem Detail dieses epischen Streits, und es geht mir erst recht nicht darum, die vielen Wahrheitsbeugungen und Legenden der Ines Geipel aufzuarbeiten, das wird noch professionell geschehen. Ich erinnere an diesen Text und die MDR-Doku vor allem deshalb, weil mir einmal mehr klar wurde, was da passiert. Was in den vergangenen drei Jahrzehnten passiert ist. Was uns noch viele Jahre beschäftigen wird.

Diese gesamte große traurig-irre Geschichte von verfeindeten ehemaligen Mitstreitern und Freunden, von Lug und Betrug, von Wunden und Verletzungen, von Dichtung und Wahrheit, von Eitelkeiten, Rechthabereien, Neid und Missgunst, von Fakten und Fälschungen, Hass und Häme, Verklärung und Hybris, von Vergessen und Mahnen, von Instrumentalisieren und Aufklären … diese gewaltige Geschichte ist ein Beleg mehr dafür, wie zersetzend das Gift des Dopings wirkt. Und zwar auf allen Seiten.

Das sind, im wahrsten Sinne des Wortes, die Kehrseiten der Medaillen.

Es ist der Teufelspakt, der keine Ländergrenzen kennt.

Es ist ein olympischer Grundkonflikt.

Das Gift des Dopings kommt in verschiedenen Aggregatzuständen daher. Es wirkt gewaltig, brutal, es hat eine lange Halbwertszeit. Es wirkt über mehrere Generationen. Es wirkt auch ideologisch. Es zersetzt.

Und dieses Gift schädigt letztlich sogar jene, die sich Aufklärung verschrieben haben. Es schädigt jene, die sich als Trainer in einem totalitären Staat dem Dopingsystem verweigert haben, so wie es Henner Misersky tat.

Habe gerade nochmal im Postfach gewühlt. In der letzten Email, die von Henner Misersky aufpoppte, fand sich diese Passage:

„Ich bin ziemlich hilflos und überfordert. Dieser Lückenjournalismus und die mangelhaften defizitären sporthistorischen Kenntnisse machen uns schwer zu schaffen …“

Auch das.

Ich hoffe, Du findest nun Deinen wohlverdienten Frieden, lieber Henner.

Was ich am Beispiel Henner Misersky heute nur skizziere, zählt zu den Kernthemen in diesem Theater von SPORT & POLITICS (Öffnet in neuem Fenster). Besonders in den Jahren 2009 ff. gab es hier zahlreiche Beiträge zum Doping und zur Aufarbeitung des DDR-Sports, die oft mehrere hundert Kommentare hatten. Es waren harte, wichtige, ermüdende, befruchtende, ärgerliche, blöde und ganz wunderbare Debatten. Wie im richtigen Leben.

Herbert Fischer-Solms (Öffnet in neuem Fenster), Werner Franke, Gerhard Treutlein, Robert Hartmann, Henner Misersky – sie alle haben mit ihrer Arbeit, ihrer Ausdauer, ihrem Wissen und ihren Erfahrungen die großen öffentlichen Debatten über die Auswüchse des Spitzensportsystems befruchtet, mitbestimmt und immer wieder forciert.

Ja genau, es sind diese sogenannten mahnenden Stimmen, die Unbequemen, die Streitbaren, die Kritiker.

Was wären wir ohne sie? Wie viel weniger wüssten wir? Was hätten wir verpasst?

Wie oft hätten wir es versäumt, zu kämpfen und uns zu begeistern?

Das bleibt.

Sie alle sind seit 2022 gegangen. Auch der große Andrew (Öffnet in neuem Fenster) Jennings (Öffnet in neuem Fenster), der fast drei Jahrzehnte lang die internationale Debatte mitbestimmte, ist 2022 gegangen.

Tränen.

Diesmal gilt mein herzlicher Dank Henner Misersky.

RIP.

Und ich gebe Ihnen noch einige Leseempfehlungen: Natürlich hat auch Henner Misersky (wie Antje Harvey-Misersky) verdient die Heidi-Krieger-Medaille erhalten, die ja ihre eigene traurige Geschichte hat, in mehrfacher Hinsicht. Gewiss gibt es dutzende andere Beiträge, die wichtig waren, an denen in SPORT & POLITICS viele gemeinsam gearbeitet haben, im Disput, denn all die Diskussionen waren wichtig.

Eine kürzere Version des Newsletters gibt es auf SPORT & POLITICS (Öffnet in neuem Fenster). Wenn Sie eine Idee haben, wie ich den Spagat von Deutsch und Englisch künftig besser meistern kann, teilen Sie mir das gern mit. Auch sonst freue ich mich über jede Reaktion, jede Kritik, jeden Vorschlag und jede Information.

Teilen Sie diesen Beitrag gern. Neue Leser können sich hier anmelden:

The relentless fighter

Henrich Misersky died of cancer in his Thuringian home. He was 82 years old. For three decades, the former track and field athlete and coach was one of the most important voices in the debate about coming to terms with GDR sport and its criminal side effects. My condolences go to Ilse Misersky, his wife, their daughters Antje and Heike and the other relatives.

I had known Henner Misersky since February 1992, when his daughter Antje Harvey-Misersky became Olympic biathlon champion in Albertville/Les Saisies and Henner immediately held up a mirror to the German sports officials live on TV (ARD), which was a minor sensation at the time. Misersky recalled that, in united Germany, everything was done unscrupulously for medals and thus numerous East German coaches, doctors and officials had also been taken over who had a doping and Stasi past.

I was a young journalist at the time, having finished my studies a year earlier. One of my colleagues attacked Misersky in a disgraceful newspaper commentary after his TV appearance. Without having rummaged through the archives for the exact wording, I freely reproduce the core statement. The gaffe remained unforgotten to me, and everything that followed was formative for my professional career:

Henner, I dread you! If only you had kept quiet!

But don't. Of course Misersky did not keep quiet. 

Not for several decades.

Not until the end.

And that is precisely the core of the matter and, to a certain extent, his life's theme.

So-called admonishing voices, the uncomfortable, the disputatious, the critics, as they are always called in the media (the wordings are usually imprecise, stupid and cowardly), are the ones who push issues forward. This annoys those who want to be comfortable and those who have something to hide.

But it is people like Misersky, who refused the doping compulsion, who ensure that the past is debated, even though the perpetrators and those responsible for in the sports-political complex have no interest in dealing with these unpalatable facts in public.

I just wrote "sports-political complex", but of course this also applies to other areas of society. The currently annoying debate about the alleged blessings of the GDR, triggered by strange books (Katja Hoyer et al.), which are sometimes praised hymnally, especially abroad, is proof of this.

But back to Henner Misersky. I had him on the phone at the time, in February 1992, and apologised for the filthy newspaper commentary of a GDR apologist, although I bore no responsibility for it. I don't remember when I met Henner and Antje for the first time and talked about it in person, it might have been at the Lillehammer Olympics in 1994. It wasn't easy even then, because at first they put me on the same level as the commentator. Trust had to be developed.

But it didn't get any easier since then, for anyone, certainly not for the Misersky family.

The corrosive poison of doping

Three decades later, in March of this year, I wrote a long article on the case of Ines Geipel, on the TV documentary "Dichtung und Doping" and thus also on the long-lasting dispute between Misersky and Geipel, the former comrades-in-arms in the Doping-Opfer-Hilfe (DOH) association, which cares for hundreds of doping victims, and their seconds in the media, politics and so-called science. I titled the article "The poison of doping. Blackbox Ines Geipel" (Öffnet in neuem Fenster).

Here and now, I am not concerned with the question of who is right or wrong in every detail of this epic dispute, and I am certainly not concerned with rehashing the many truth bends and legends of Ines Geipel, that will still be done professionally. I mention this article and the documentary above all because it became clear to me once again what was happening. What has happened in the past three decades. What will occupy us for many years to come.

This whole sad and crazy story of hostile former friends, of deceit and fraud, of wounds and injuries, of fiction and truth, of vanity, vindictiveness, envy and resentment, of facts and falsifications, hatred and malice, transfiguration and hubris, of forgetting and reminding, of instrumentalising and clarifying ... this huge story is further proof of how corrosive the poison of doping is. And on all sides.

This is, quite literally, the flip side of medals.

It is the devil's pact that knows no national borders.

It is a fundamental Olympic conflict.

The poison of doping comes in different states of aggregation. It has a powerful, brutal effect, it has a long half-life. It has an effect over several generations. It also has an ideological effect. It decomposes.

And this poison ultimately harms even those who are committed to enlightenment. It even harms those who, as coaches in a totalitarian state, have refused the doping system, as Henner Misersky did.

Just had another rummage in my inbox. In the last email that popped up from Henner Misersky, there was this passage:

"I am quite helpless and overwhelmed. This incomplete journalism and the deficient knowledge of sport history are giving us a hard time ..."

That too.

I hope you will now find your well-deserved peace, dear Henner.

What I am only sketching out today with the example of Henner Misersky is one of the core topics in this theatre of SPORT & POLITICS (Öffnet in neuem Fenster). Especially in the years 2009 onwards, there were numerous contributions on my website on doping and coming to terms with GDR sport, which often had several hundred comments. They were tough, important, tiring, stimulating, annoying, stupid and quite wonderful debates. Just like in real life.

Herbert Fischer-Solms, the great Werner Franke, Gerhard Treutlein, Robert Hartmann, Henner Misersky - with their work, their perseverance, their knowledge and their experience, they have all fertilised, helped to determine and repeatedly pushed the major public debates about the excesses of the elite sports system.

Yes, exactly, it is these so-called admonishing voices, the uncomfortable, the disputatious, the critics.

Where would we be without them? How much less would we know? What would we have missed?

How often would we have failed to fight and get excited?

That remains.

They have all gone since 2022. Even the great Andrew (Öffnet in neuem Fenster) Jennings (Öffnet in neuem Fenster), who helped shape the international debate for almost three decades, left in 2022.

Tears.

This time, my heartfelt thanks go to Henner Misersky.

RIP.

Kategorie doping
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