Godwriter

Lesedauer: 10 Minuten

Mein Name lautet Yagoti Shigijama. Ich zeichne seit mittlerweile zwanzig Jahren Fantasy-Mangas und bin – zumindest bei Kindern und Jugendlichen – eine der berühmtesten Persönlichkeiten in ganz Japan. Mit meinen Geschichten unterhalte ich Millionen von Lesern und die Animes, die auf meinen Mangas basieren, werden auf der ganzen Welt geschaut.  An manchen Tagen frage ich mich, warum ich das alles überhaupt noch mache;  wieso ich nicht aufhöre mit dem Schreiben und dem Zeichen; wieso ich nicht auf eine einsame Insel verschwinde und ein Leben in Ruhe und Frieden genieße - weit weg von Fans, Paparazzi und vor allem diesem Leistungsdruck. Die Antwort ist simpel: Mein Ehrgeiz überragt meine Sehnsucht nach Ruhe.  Schon mein ganzes Leben schwirren mir Geschichten und Ideen durch meinen Kopf, welche ich unbedingt erzählen möchte. Ich kann mich nicht gegen diesen Drang wehren – es würde sich falsch anfühlen, und mich fertigmachen. In meiner kreativen Arbeit bin ich sehr perfektionistisch. Manchmal lese ich mir meine eigenen Mangas zehn bis zwanzig Mal durch, um jedes Wort und jede gezeichnete Linie zu überprüfen - unfertige oder fehlerhafte Werke würde ich niemals veröffentlichen. Dass mir dieser zwanghafte Perfektionismus allerdings eines Tages zu einem großen Verhängnis werden würde, hätte ich wohl niemals für möglich gehalten. 

Es war vor genau zwei Monaten - es war der Tag, an dem mein Leben vollkommen auf den Kopf gestellt wurde. Ich hatte gerade ein – für meinen Geschmack ziemlich nerviges – Fangirl flachgelegt, als ich mich kurz darauf an meinen Schreibtisch setzte, um mir die neu-veröffentlichte Ausgabe von meinem Manga „Flesha – Die verfluchte Magierin“ durchzulesen. Ich blätterte vor bis zur letzten Seite.  Zu der Stelle, an welcher ich den großen Plot-Twist eingebaut hatte – zu der Stelle, an welcher meine Protagonistin Flesha starb. Ich blickte in ihre großen, violetten Augen, die den tödlichen, magischen Strahl, der auf sie zukam bereits in den Augenwinkeln erkennen konnte.

Doch...wieso erkannte sie ihn bereits, fragte ich mich?

Das sollte sie nicht. So hatte ich diese Szene nicht gezeichnet. Dieser Angriff hatte sie völlig überraschen sollen; es machte keinen Sinn, dass sie dies vorausahnen konnte. Das durfte nicht wahr sein. Ein absolut unangebrachter Logikfehler in meinem perfekten Plot. Das Geräusch eines Knalls ertönte zum ersten Mal in meinem Kopf.

Wütend fuhr ich am nächsten Tag zu meinem Verlag. Wie hatten sie es nur wagen können, etwas an meinem Werk zu verändern, ohne es mit mir abzusprechen.  Dachten sie etwa, sie wussten es besser als ich selbst? 

„Herr Shigijama, ich weiß beim besten Willen nicht, was Sie meinen. Wir haben alles genauso gedruckt, wie Sie es uns abgegeben haben“, versicherte mir jedoch der Chef des Verlags. 

Als ich wenig später in meinem Lieblings-Comicgeschäft etliche Versionen meines Werkes durchstöberte, verstand ich schließlich gar nichts mehr. Jedes einzelne Manga-Heft war verschieden. Die Szene, in welcher meine Protagonistin starb, war nie die Gleiche. Es waren minimale Unterschiede: winzige Feinheiten in den Gesichtszügen; kleine Linien; Millimeter - mit dem bloßen Auge war es nur für die Wenigsten zu erkennen. Aber als Autor kannte ich mein Werk natürlich in- und auswendig; ich sah jeden noch so kleinen Unterschied. Doch wie war das bloß möglich? Wer war dafür verantwortlich? Ich nutzte meine öffentliche Reichweite; machte andere Autorinnen und Autoren auf meinen Fund aufmerksam; legte ihnen nahe, ihre Werke zu überprüfen. Nach und nach meldeten sich immer mehr Schriftsteller und Manga-Zeichner in der Öffentlichkeit; sprachen davon, dass in ihren Büchern vereinzelte Wörter verändert waren oder Zeichnungen sich um Minipixel unterschieden - oftmals genau in jenen Szenen, in welchen Charaktere ihr Leben verloren.

Einige Wochen vergingen - Wochen gefüllt mit wissenschaftlichen Studien; öffentlicher, kontroverser Debatten; Diskussionen; und Demonstrationen.

„Guten Abend, schön, dass Sie dabei sind, herzlich Willkommen zu unserer Sendung.“  Ich saß in einer der bekanntesten Talkshows Japans – zusammen mit einem Filmregisseur und einer Aktivistin von PETC (People for Ethical Treatment of Characters). „Inzwischen sind einige Tage nach der erschreckenden Annahme der Wissenschaft vergangen, nach welcher fiktive Figuren wirklich existieren, ihre Geschichten wiederkehrend in Paralleluniversen erleben, reale Schmerzen verspüren, Deja-vus ihrer Schicksale vernehmen und somit winzige Merkmale der Geschichte ändern können. Da würde mich natürlich interessieren: Wie geht man als erfolgreicher Filmregisseur, der von genau diesen Figuren lebt, mit dieser Neuigkeit um?“

„Nun lassen wir die Kirche doch mal im Dorf“, begann Regisseur Yega Guamei. „Bisher ist das alles nichts weiter als eine Theorie. Nur, weil sich ein paar Buchstaben und Linien verändern, bedeutet das noch lange nicht, dass es wirklich Paralleluniversen gibt, in denen genau das geschieht, was Autoren in ihren Köpfen haben.“

„Aber die Wissenschaft“, entgegnete Moderator Kerigoto Miyagou, „ist sich relativ sicher, dass die einzige logische Erklärung für eine Änderung dieser Bücher ist, dass ein - wie sie sagen – kausaler Zusammenhang zwischen unserer Dimension und jener der Figuren existiert. Und die einzige Verbindung, welche die Wissenschaftler zwischen diesen Universen sehen, sind Autoren.“

„Dennoch klingt diese spannende Theorie etwas zu übernatürlich, finden Sie nicht auch? Jemand schreibt etwas und eine andere Welt entsteht? Da gibt es noch so viele Fragen, die unbeantwortet sind: Entstehen diese Welten bereits in unseren Gedanken? Wie oft durchleben die Figuren ihr Schicksal? Spüren sie dieselben Schmerzen wie wir...und, und, und. Wissen Sie, ich kann mit dieser Science-Fiction nicht wirklich warm werden.“

„Sie spüren Schmerzen und durchleben grausames Leid, welches aus unserer Fantasie entsteht“, sagte die PETC Aktivistin.  „Die Wissenschaft ist sich größtenteils einig, dass wir mit unseren Medien und der Schöpfung neuer Welten, anderen Lebewesen Leid zufügen – Leid zu unserer Unterhaltung. Das ist grausam und das muss gestoppt werden. Wir von PETC setzen uns dafür ein, dass jegliche Art von Buch, Manga, Film, Anime oder Serie verboten wird, in denen Figuren Gewalt erfahren oder sie in irgendeiner anderen Art und Weise leiden müssen.“

„Ist das Ihr Ernst?“, fragte der Regisseur erzürnt. „Spannende, packende, ja auch manchmal grausame Geschichten gehören zu unserer Kultur....zu unserem Leben...schon immer. Es ist einfach anmaßend, zu verlangen, dass wir darauf verzichten, bei all der Freude, die sie uns täglich schenken.“

„Wissen Sie, was noch zu unserer Kultur dazugehört hat?  Vergewaltigung, Rassismus, Homophobie...nur, weil etwas schon immer da war, heißt das noch lange nicht, dass es auch gut und moralisch ist. Wenn alle Menschen früher so gedacht hätten wie Sie, dann gäbe es bis heute keinerlei soziale Errungenschaften.“

„Sie vergleichen Äpfel mit Birnen. Frauen und Kinder haben ein Bewusstsein. Man kann mit ihnen interagieren, mit ihnen reden, sie spüren...all das, was man mit diesen erfundenen Figuren nicht kann. Wir können uns nicht einmal sicher sein, dass sie wirklich leiden. Und selbst wenn wir annehmen würden, es wäre wirklich so...nur dank uns haben sie überhaupt ein Leben. Ohne unsere kreativen Köpfe würden diese ganzen Charaktere...diese ganzen Welten...nicht einmal existieren.“

„Aber was ist das schon für ein Leben?  Denken Sie an Storys wie „Saw“ oder andere Horrorfilme, in welchen Menschen gefoltert werden...selbst Harry Potter, den noch ein vergleichsweise mildes Schicksal ereilt, ist gequält von Angst; Monstern; familiären Verlusten; und das immer und immer wieder. Das kann man nicht verantworten. Diese Figuren fühlen Schmerz; sie fühlen Zuneigung; sie fühlen Liebe sowie Liebeskummer. Es gibt keine Rechtfertigung dafür, ihnen dieses Leid anzutun.“

„Und wie erklären Sie das den Autorinnen und Autoren? Wie erklären Sie das den Schauspielern, Kameramännern, Tontechnikern, Regisseuren und Millionen von Leuten, deren Existenz an diesen Geschichten hängt? Sie nehmen ihnen die Jobs, ihr Einkommen, teilweise den Sinn ihrer Leben. Fragen wir doch mal Hernn Shigijama, wo er jetzt wäre, wenn man es ihm verboten hätte, seine Mangas zu zeichnen?“

„Herr Shigijama wird gleich zu Wort kommen. Führen Sie ihre wichtigsten Argumente zunächst zu Ende“, sagte der Moderator.

„Es ist sehr bedauerlich, dass Menschen ihre Arbeit verlieren werden“, fuhr die PETC Aktivistin fort, „jedoch ist dies keine Rechtfertigung, um anderen Menschen Leid zuzufügen.“

„Pff...Menschen...“, plärrte der Regisseur dazwischen.

„Es sind Menschen!“ 

„Und was ist mit den Amerikanern, den Europäern oder unseren chinesischen Nachbarn? Die lachen uns aus. Wir können alleine sowieso nichts verändern, also wieso sollen wir auf so viele Einnahmen und Lebensqualität verzichten?“

Erneut hörte ich den Knall in meinem Kopf.

„Wollen Sie mich verarschen?“, knurrte ich kurz darauf. Ich hatte einfach nicht mehr ruhig auf dem Stuhl sitzen können, um mir diese Scheiße anzuhören. „Wir quälen, traumatisieren und töten menschliche Wesen zu unserem Vergnügen - damit wir uns ein bisschen unterhalten fühlen...HAHAHAHAHHAHAHA WIE LUSTIG...BOAH, WAS EIN KRASSER PLOT-TWIST...WOOOOOW,  DASS DIESER CHARAKTER STIRBT, HÄTTE ICH JETZT NICHT GEDACHT...SIE STERBEN WIRKLICH, VERSTEHEN SIE DAS DENN NICHT? Können Sie sich vorstellen, was es für ein Gefühl ist, zu wissen, dass man für das Leid von anderen Verantwortlich ist? Wegen mir durchlaufen meine Figuren diese schlimmen Schicksale, Verletzungen und Verluste. Alles nur, damit sich irgendwelche Idioten vor ihren Fernsehern davon faszinieren lassen können. Das alles ist real; das ist kein Spiel; das ist nicht „nur eine Geschichte“, wie wir es früher unseren Kindern erzählt haben. Wir quälen sie für unseren Genuss und Sie elendiger Bastard versuchen auch noch diese Grausamkeit zu rechtfertigen.“

„Schauen Sie sich das an!“, rief der Regisseur und drehte sich in Richtung Publikum. „Das sind genau diese penetranten Menschen, die mündigen Bürgern erklären wollen, wie diese zu leben haben sollen. Wenn Sie keine Mangas mehr zeichnen wollen, dann machen Sie es eben nicht...ist ihr gutes Recht...aber hören Sie auf, anderen Ihre Meinung aufzuzwingen.“

Das Publikum im Hintergrund applaudierte. Mein Körper wurde ganz heiß. Ich fühlte mich machtlos. Als würde ich diesen ganzen Arschlöchern etwas genau vor ihre Augen halten und sie konnten es dennoch nicht sehen - oder besser gesagt: Sie wollten es nicht sehen.

„Wenn Sie genau in sich schauen würden, dann wüssten Sie, dass Sie es in Wahrheit sind, der anderen ihre Meinung aufzwingt.“ Daraufhin verließ ich das Fernseh-Studio.

Eine weitere Woche voller Schuldgefühle, Depressionen und sehr viel Alkohol verging – was uns zu diesem Moment führt. 

Ich stehe vor meinem Lieblings Manga-Geschäft, welches ich vor einigen Minuten angezündet habe – in der Hoffnung, ich könnte das unendliche Leid einiger Lebewesen beenden. Ich habe keine Ahnung, ob das Verbrennen der Mangas, Comics und Bücher auch dazu führt, dass ihre Welten – wo auch immer sich diese befinden – zerstört werden, aber die Pflicht es zu versuchen, habe ich definitiv. In meiner rechten Hand halte ich eine Pistole. Eigentlich dürfte ich überhaupt keine besitzen, doch als Person des öffentlichen Lebens fühlt man sich auf diese Weise eben sicherer. Naja, belangt werden, kann ich dafür sowieso nicht mehr – denn ich werde mich jetzt mit dieser Waffe erschießen.

Ich halte diese Schuldgefühle einfach nicht mehr aus. Flesha durchlebt und spürt alles, was ich geschrieben habe; ich habe ihr das angetan. Der Tod ihrer Eltern; all ihrer Freunde; die Schlachten, welche sie traumatisiert überlebt hat; ihre Vergewaltigung; und schlussendlich ihr eigener Tod. All das musste sie durchleiden, um andere zu unterhalten und um mich zu einem reichen Bastard zu machen, der sein Leben mit nichts anderem verbracht hat, als zu saufen, viel zu junge Frauen zu ficken und Menschen in seinen Mangas zu quälen. Das ist unverzeihlich. Doch selbst wenn es verzeihbar wäre, ich könnte mich nicht einmal bei ihr entschuldigen; ihr sagen, wie sehr es mir leidtut und wie gerne ich es rückgängig machen würde. Also gibt es nur noch eine Möglichkeit, wie ich Reue zeigen kann: Ich muss sterben – hier und jetzt.

Ein weiteres Mal höre ich den Knall. Ich höre den Knall...ich höre den Knall... ich höre den Knall, noch bevor der Knall der Pistole in meiner Hand erklingen sollte.

Jetzt verstehe ich.

Natürlich...wie kann es anders sein.

Ich verdammter Idiot.

Der Knall, den ich all die Zeit gehört habe, ist jener Knall, den ich gleich selbst ertönen lassen werde, richtig? Ich erlebe ihn nicht zum ersten Mal. Ich habe ihn offenbar bereits so oft erlebt, dass ich nun die Geschichte verändern kann. Oder ist das vielleicht genau die Wendung, die du haben wolltest, du gottverdammter Hurensohn? Sag mir, wer bist du? Wie kannst du mit dir selbst leben? Du schreibst eine beschissene Geschichte über all das Leid, welches Figuren erleben und lässt deine eigene Figur dabei zu Grunde gehen? Wieso tust du mir das an? DENKST DU, ICH SPIEL DEIN VERDAMMTES SPIEL MIT? GLAUBST DU WIRKLICH, ICH BRINGE MICH AUS VERZWEIFLUNG UM, DAMIT DU DEIN TRAGISCHES ENDE BEKOMMST? ODER GLAUBST DU, ICH WERDE JETZT DARAN ZU GRUNDE GEHEN, WEIL ICH HERAUSGEFUNDEN HABE, DASS ICH SELBST NICHTS WEITER ALS EIN SKLAVE BIN, DER IN EINEM VORHERBESTIMMTEN HAMSTERRAD FESTSTECKT? DU KANNST MICH MAL, HÖRST DU? LECK MICH AM ARSCH! FICK DICH...fick dich...fick...dich.

Wer ist schon wirklich frei?  Was ist Freiheit denn überhaupt?  Es interessiert mich viel weniger, dass mein ganzes Leben vorherbestimmt ist, als dass ich selbst für das Leid anderer verantwortlich bin. Dich jedoch scheint diese Schuld wohl kaum zu stören. Du lässt andere bewusst leiden, und für was? Um dir selbst damit das Scheißleben zu finanzieren, welches du in meiner Geschichte beschreibst? Willst du denn wirklich so sein wie ich?  Ich weiß zwar nicht, was du willst; aber eines weiß ich ganz sicher:

Du, der das hier schreibt, liest oder sich an meinem Leiden ergötzt...bist genauso wenig frei wie ich. Na, was glaubst du? Wer schreibt deine Geschichte?

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