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Die Rettung der eigenen Welt. In vielen Schritten

Die erste Übung – Aussenkontakt

Das Aussen ist bedrohlich. Ich lese darüber. Ich rege mich auf über – Alles.

Eine Dauerempörung ist das. Klima, Krieg, Rüstungsindustrie, Stellenabbau, GendergegnerInnen, und der Untergang der alten Medien – Zeitungen werden umgestellt – im besten Fall auf einfache Sprache und Emojis. In interessanteren Fällen kaufen MilliardärInnen oder private Fernsehsender ganze Verlagsgruppen. https://www.sueddeutsche.de/medien/bertelsmann-rtl-fusion-gruner-jahr-1.5374889 (Öffnet in neuem Fenster)

Die Redaktionen von «Im Promihaus der Superwelpen» und «Naked and Dirty Island» werden nun bald die Zeitschriftenredaktionen mitübernehmen, oder andersherum. Weil mir das alles zu unsicher ist, und die Überschrift des Moments Eigenverantwortung ist, versuche ich jetzt – mit Eurer Hilfe – herauszufinden, ob man das alles noch braucht. Zeitungen, lineares TV, Controller, und Tönnies.

Nun sind wir hier. Im Internet. Unter uns,

fast allein in einem angebrochenen Leben,

das immer mehr online stattfindet, im verrückten Cyberspace.

Ich lese, streame, chatte, ich kauf das meiste Zeug online.

Und wundere mich.

Dass mein Leben ein wenig – öde geworden ist, und es keine richtigen Höhepunkte hat, alles bunt verfügbar, verpixelt.

Die Tage fliessen zusammen – hoppla schon wieder Sonntag, den ich nur daran erkenne, dass es online keine neue Tageszeitung gibt.

Seit ich nur noch online mit der Welt in Verbindung stehe, hat sich meine Erregungsbereitschaft erhöht.

Der Rechner, steht in einer Wohnung –

(Für die sehr Jungen – das gab es früher, ehe die Massen in Kellern lebten, oder in Tiny Houses – also 12 m2 Bretterbuden aber als Statement.)

Früher hat man Wohnungen gemietet, oder geerbt oder gekauft. Ok, die letzten beiden Optionen bestehen weiter. Eine Wohnung ist der Ort, an dem wir unser Zeug verstauen, und dann sitzen und denken: geil, so Zeug in Boxen, das ist mein Zuhause. Das gibt mir eine Sicherheit. Die verschwindet, wenn ich die Wohnung verlassen muss, denn da draussen findet ein neoliberales Erdbeben statt. Die Strassen werden aufgerissen, die Läden, die ich für Dinge aufsuchen will, weil Brot online zu kaufen ein wenig zu manieriert scheint, verschwinden. Im Zweifel werden sie durch Zara ausgetauscht, oder irgendeine andere Kette, die Produkte anbietet, die man nicht versteht. Wer kauft diesen Mist aus Deko-Shop-Ketten oder Kleidung, die man sich schon beim Erwerb grossartig in Altkleidersäcken vorstellen kann. Da landen sie auch schnell wieder. Machts gut Brudis, auf eurem Weg in irgendein Land mit suboptimaler Einkommensstruktur, wo ihr als Feuer die Nacht erhellen könnt.

Die Bank ist eine bargeldlose Filiale. Fair genug, da es Geld sowieso nicht gibt.

Die Wohnung auch nicht mehr lange. Sie war der Ort, an dem der Mensch sich sicher wähnte, die Tür schloss, nachdem er den ganzen Tag das Bruttoinlandprodukt gesteigert hat, meist mit einem komplett sinnlosen Beruf, der nur dazu diente, ihn beschäftigt zu halten, ihn in einer Ruhe zu bewahren, einer Abhängigkeit vom nächsthöheren Menschen, der abhängig war vom Vogel in der nächsthöheren Shitposition, aber – ich verliere mich.

In Erregung über die brennenden Kleiderhaufen, und die Wohnungen, die es in Städten kaum mehr gibt, in einer Art das man sie mit sinnloser Arbeit finanzieren kann. Zieht man eben weg. Das ist egal, weil es in den Brotläden nur noch Klamotten gibt, und in den Banken kein Geld mehr, und weil wir alle online arbeiten, ausser jenen, die den Dreck dann wieder aufräumen, die kaputten Menschen zusammenflicken und Transportmittel durch aufgerissene Strassen rollen.

Der Rest zieht Wohnungen hinterher nach Zellerberg im Ammergau. Wenn man mit seinen Boxen und dem Zeug die Landesgrenze in Richtung neue Wohnung überquert, wird man angehalten, sein elektronisches Patientendossier vorzuzeigen. Ordnung muss sein, wir wollen ja keine Erreger nach – zum Beispiel Bayern oder Liechtenstein transportieren und zum Glück und ist das alles jetzt digitalisiert. Das HIV dokumentiert, die Unfälle mit rektal eingeführten Produkten, die Therapiesitzungen (der Traum, in dem man seinen Stiefvater an einen Baum tackert, könnte eventuell heikel werden).

All das kann bald an Ländergrenzen von BeamtInnen  abgefragt werden.

Man kann es auch der Allgemeinheit mit einem guten Hack zur Verfügung stellen.

https://www.computerbild.de/artikel/cb-News-Sicherheit-Patientendaten-Sicherheit-Skandal-24152899.html (Öffnet in neuem Fenster)

https://www.medinside.ch/informationsplattform-fuer-das-elektronische-patientendossier-gehackt-20220930 (Öffnet in neuem Fenster)

Ist aber in Ordnung, denn Digitalisierung hat uns  in der letzten Pandemie gefehlt, sie ist gut für die Wissenschaft und führt zur Vermeidung von Doppelbehandlungen. Die Kassen können bei Verweigerung dieser fortschrittlichen Digitalisierung sofort mit einer Prämie Erhöhung reagieren.

Ein Hoch der Digitalisierung – die uns bald schon virtuellen Wohnraum im Netz schenken wird.

Mit Fenstern ins Metaverse. Da kannst du dann sitzen, Mensch, und online Dinge shoppen. Und mit Avataren tolle Dinge machen, um nicht durchzudrehen. Wegen der Sehnsucht nach einem Ort in der Vergangenheit, als es noch Kontakte mit der sogenannten Realität gab. Und das diffuse Gefühl einer Heimat. Das heute den meisten nach Filmen klingt, in denen Frauen Dirndl tragen.

Heimat – das Wort fällt einem nur ein, wenn man den Ort, an dem man geboren wurde, verlässt. Es bildet sich aus Angst, Kitsch und einer Überforderung – man will zurück zu etwas, das Reinheit und Frieden verspricht. Genährt wird die Sehnsucht aus implantierten Erinnerungen, die eventuell aus Filmen stammen, in denen man sich zwingend immer mit irgendwelchen Kuchenstücken sieht.

Wir sind die neuen Menschen. Die nach der digitalen Revolution.

Wir hassen Kuchen.

Und tun alles gegen ein Wohlgefühl.

Die Kontakte mit realen Menschen – die Postboten, Schalterangestellten, die Leute im Stammrestaurant, die Ticket VerkäuferInnen, Reisebüroberatenden, wurden durch Apps ersetzt, oder Menschen im Niedriglohnsektor. Wir wollen es so. Wir wollen alles bequem vom Sofa aus erledigen, wollen nicht reden, nicht interagieren, das Haus nicht verlassen ausser mit Polizeigewalt, wir wollen chatten und zoomen, Googlen und begrüssen es, dass jede Dienstleistung, für die wir zahlen, nun von uns selber ausgeführt wird.

Wir verbringen Stunden mit Bankgeschäften, Versicherungsgeschäften, Ticketbuchungen, Self-Check-ins, mit updaten, Hotlines und ich frage mich

Wann ich so einsam geworden bin.

Und erinnere mich daran, dass es einmal eine Vertrautheit gab, die von dem Viertel, der Stadt, in der ich lebte, ausging, und von den blöden Witzen mit 1.0 Menschen. Kleine erzwungene Gespräche in Transportmitteln, bevor man dort Filme im Netz betrachtet hat. Die Darbietung der Tageszeit auf der Strasse, das unsinnige Gespräch mit Leuten, die irgendwelches Zeug machten oder anboten, was ich gerade benötigte, und das mitunter so überraschend war. Und die Erkenntnis beinhaltete, dass da jemand lebt, wie ich, mit Humor, und Ängsten, mit Sorgen und das Mitgefühl, das dadurch entstand – ist verschwunden. Ich fühle nicht mit Personen, die eventuell virtuell sind. Codeketten streicheln mich nicht, ein Witz der ChatGPT erheitert mich nicht, und das Onlineshoppen ist nur erregend, bis irgendwelche Ware in meine virtuelle Wohnung kommt, die danach tote Materie ist.

Seit einigen Wochen lebe ich immer öfter Retro. Ein seltsames Gefühl ohne Endgerät die virtuelle Wohnung zu verlassen. Menschen anzusehen. Das Online-Zeitungsabo zu kündigen und in einen Kiosk zu gehen. Ich besuche reale Läden, fasse Sachen an, ich treffe mich mit Bekannten, ich lächle viel seitdem.

Das Gefühl allein im All, das aus Pixeln besteht – zu schweben.

Ist verschwunden.

Menschliche Kontakte können im schweren Fall zu einer Solidarisierung führen.

Und die nützt keinem.

Ausser uns.

Eure Zuneigung könnt ihr mir hier zeigen

https://steadyhq.com/de/sibylle-berg-regelt-das/about (Öffnet in neuem Fenster)

aber auch 

mehr schöne Geschichten vorgelesen 

bekommen. Oder nackte Tiere.

Vielen Dank für alles. Eure Bille

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