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Mitleseprojekt Südseeträume Teil 4

Aber Rotbart wusste, die Sorge um seine Freunde war eigentlich unbegründet und eher Ausdruck seiner Sehnsucht gewesen, wieder zur See zu fahren. Immerhin wartete er nun schon seit fast eineinhalb Jahren darauf, dass sein zweibeiniger Freund endlich wieder auf große Fahrt ging.

Etwa sechs Stunden, nachdem sie Amsterdam verlassen hatten, lenkte Carlszoon seine Jacht im rotgoldenen Schein der untergehenden Sonne geschickt zwischen den Molen des Neuen Hafens von Hoorn hindurch. Auf dem Weg zum Binnenhafen, schepperten die Eisschollen des mühsam offengehaltenen Hafenbeckens gegen den Rumpf des Schiffchens. Nach Empfang des Hafenkapitäns und Erledigung der Formalitäten fand die „Seetiger“ schließlich ihren Liegeplatz am Kai des Binnenhafens, direkt hinter dem mächtigen Hafenturm und vor dem Haus Frederick Pieterszoons.

Wie erwartet hatten sich Grotebroer und Kleinebroer gut eingelebt und der Käptn, so versicherten die Beiden, habe sehr viel gelernt, die Kläffer sowieso. Tatsächlich wahrten die beiden Hunde freundliche Distanz zu Rotbart der sie seinerseits höflich ignorierte.

„Lass Dich schon mal vor dem Kamin nieder“, gurrte Kleinebroer, „Grotebroer sorgt schnell dafür, dass dir das Personal einen kleinen Imbiss bereitstellt.“

Rotbart konnte das energische Maunzen seines Katzenkumpels aus der Küche hören, das eindeutig an den Steward des Käptns gerichtet war. Das anschließende „wollt ihr nicht rüberkommen? Wir haben Besuch“ war jedoch keine Einladung an den Zweibeiner, der seinem Kapitän zur See und an Land treu zu Diensten war. Stattdessen tauchten hinter dem Tiger zwei Katzengestalten auf, mit denen Rotbart nun überhaupt nicht gerechnet hätte. Auch Lalin und Laleze waren überrascht und stürzten sich mit begeisterten Köpfeln und Schnurren auf den Roten.

Nachdem der Steward das opulente Abendessen für Pieterszoon und Carlszoon aufgetragen hatte, stellte er Rotbart ein Schälchen mit leckeren Geflügelteilen vor die Nase. „Bedien dich, schnurrte Grotebroer zufrieden, wir haben schon gegessen.“

Die Hunde, die sich zu Füßen des Kapitäns zusammengerollt hatten blickten nicht einmal hoch. Sie wussten, weder vom Tisch der Zweibeiner noch vom Futter der Katzen würden sie jemals etwas abbekommen. Hungern mussten sie bei ihrem Käptn aber dennoch nicht.

Rotbar staunte nicht schlecht, als er vernahm, dass Käptn Holzbein auf der Expedition sein eigenes Schiff, das Pinassschiff Stormvogelbefehligen und sein zweibeiniger Freund Carl das alleinige Kommando über die Zoeker führen würde. „Ich habe meine Crew bereits zusammen“, schnurrte Grotebroer mit Blick auf Kleinebroer, Lalin und Laleze.“

Dass Grotebroer unter diesen Bedingungen nicht auf der Zoeker mitfahren würde, war Rotbart klar. Schließlich war hier die Kapitänskajüte ja schon durch ihn selbst besetzt und der Brauntiger würde nicht im Traum darauf kommen, ihm diese streitig zu machen. Natürlich segelte Kleinebroer mit seinem Freund und Mentor. Und mit Lalin und Laleze hatte Rotbart ja ohnehin nicht gerechnet. Die hatten zwischenzeitlich auf Hoorner Ostseefahrern angeheuert, bevor sie im Spätherbst 1657 bei ihrer Rückkehr in der Hoorner Katzentaverne auf Grote- und Kleinebroer gestoßen waren. Bei Wintereinbruch hatten sie sich dann ebenfalls bei Pieterszoon einquartiert und beschlossen, nächstes Jahr gemeinsam mit Grote und Kleine auf große Fahrt zu gehen.

Vor dem Kamin war es viel zu gemütlich, um noch eine Nachtrunde in der eisigen Kälte zu drehen und der örtlichen Spelunke einen Besuch abzustatten. Vor allem aber waren die kleinen und großen Seefahrtsabenteuer, mit denen Lalin und Laleze aufwarten konnten, den Hoorner Samtpfoten längst bekannt, Rotbart hingegen würde ein dankbarer Zuhörer sein. Und so maunzten die beiden ungleichen Freunde mit wachsender Begeisterung über ihre Raufereien in diversen skandinavischen Häfen, über kleine und große Raubzüge in Vorratskammern und Fischhallen oder über das eine oder andere amouröse Abenteuer, für dessen Folgen sie sich – wie bei Katern üblich – keine Gedanken machten. Nicht, dass Rotbart all diese Geschichten nicht interessiert hätten, aber irgendwann machte sich die Erschöpfung von der anstrengenden Seereise bemerkbar und er wechselte leise schnurrend in das Land der Träume über.

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