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Kurzgeschichte "Frosch 4.0"

schönen sonntag allerseits, wollte heute eigentlich im diabetes ratgeber vom juli auf wörtersuche gehen, hab den aber in einem etwas überhasteten aufbruch zu hause liegen lassen und bin heute unterwegs, nun gut. musste meine zeit im zug also anders überbrücken und habe eine kurzgeschichte überarbeitet, die ihr hier gerne lesen dürft, wenn ihr denn mögt. sie heißt frosch 4.0 und war eigentlich als schreibübung gedacht mich so ein bisschen an melodischem schreiben (was auch immer das genau sein soll) zu versuchen. gefällt mir aber mittlerweile ganz gut. viel spaß damit und habt einen wundervollen tag soweit möglich :) liebe grüße, lukas. für manche evtl auch der beweis, dass ich groß und kleinschreibung doch tatsächlich auch beherrsche, wenn es sein muss

Frosch 4.0

Weite grüne Wiese und ein Teich, vielleicht. Vielleicht ein Teich, oder mehr ein Tümpel, oder sonstwie stehendes Gewässer. See möchte man es nicht nennen, zu viele alte russische Panzer liegen auf dem schlammigen Grund. Frösche, wahrscheinlich. Ihr stumpfes Quaken prallt dann ab von den Bäumen und man weiß, es geht gegen Abend. Und man kann sitzen und fühlt sich wohlig beim Froschkonzert, denn Mensch und Frosch sind artverwandt. Setzt man Frösche in einen Topf mit Wasser und erhitzt es nur langsam, so sagt man, bemerken die Frösche nichts und sterben tatenlos. Könnte man den Fröschen beibringen das Wasser eigenständig zu erhitzen, wären sie also Menschen. Menschen, die tagsüber schweigen und nur Abends sprechen, wie schön wäre das?

Also grüne Wiese und Wasser und auch Bäume und eben dieser Lärm aus tausend Froschbäuchen. Und lange Grashalme und Grillenzirpen und Zecken und Borreliose sowieso. Und unrechtmäßig entsorgter Elektronikschrott, immer. Und "Hast du Feuer?" und ja, sie hat, und die Andere zündet sich eine Zigarette an, und die Beine fangen an zu frieren, weil die Sonne hinter Bäumen verschwindet. Die Eine also "Ich geh schonmal ins Zelt" und die Andere "Ok, ich rauch noch auf." Laut gesprochen, um gegen die Frösche anzukommen. Und die Eine geht dann auch schon mal ins Zelt und die Andere raucht auch auf und am Ende ein leises Zischen der Zigarette im Wasser, übertönt von den Fröschen. Alles immer übertönt von den Fröschen.

Und da die Eine bereits im Zelt ist und die Andere noch wach sitzt, ist die Eine zur Anderen geworden. Die Andere also schon im Zelt und die Eine sitzt so da und schaut über das schon dunkle Wasser und lässt keine Gedanken zu und riecht. Sitzt und riecht grüne Wiese und riecht Bäume und lange Grashalme und Wasser, und auch etwas von dem Lärm der Frösche klettert in die Nasennebenhöhle und resoniert. Doch wenn man nicht denkt wie die Frösche, versteht man die Frösche nicht, und das Stück Lärm, unverrichteter Dinge wieder ausgeatmet, verpufft.

Also dunkles Wasser und Bäume und Elektronikschrott und die Wiese, irgendwo. Und die Eine will aufstehen von ihrem Stein, und steht auch auf, aber nur halb und ist auf allen Vieren. Hockt so da, die Knie angewinkelt, die nackten Hände und auch die nackten Füße auf dem noch warmen Stein. Und denkt darüber nach sich abzustoßen, ruckartig, die Beine durchzustrecken und so ins Wasser zu springen. Und atmet wieder Lärm ein, den Lärm der Frösche, aber dieses mal eben mit Froschgedanken im Hirn und der Lärm klettert erneut in die Nasennebenhöhle und dieses mal versteht sie laut und deutlich.

Also Wiese irgendwo und vielleicht ein Teich und sicherlich Bäume und Grillen und Elektronikschrott und wahrscheinlich auch Zecken und Borreliose, und die Eine, auf dem Stein hockend. Und Frösche, jetzt definitiv. Frösche in aller Deutlichkeit. Tausende Frösche, unisono, langsam aber unnachgiebig "Tod den Menschen" in die Nacht rufend. Und die Eine, die den Ruf der Frösche versteht, eine heruntergefallene Kinnlade und Ratlosigkeit.

Dieses Gewässer, bei den Bäumen und der Wiese, und drumherum tausende identische Wiesen und Gewässer und ungezählte Bäume, und überall Elektronikschrott und überall Frösche. In alle Richtungen, so weit das Auge reicht: Wiesen und Wälder und Gewässer und in den Wald gefahrener Elektronikschrott und Zecken und Frösche und Zigarettenstummel und vereinzelt auch Häuser und das alles ist vermeintliches Menschenland.

Und in den vereinzelten Häusern vereinzelte Menschen und heute ziehen sich Adern aus Teer durch den Boden, der alles zusammenhält. Und die Menschen bewegen sich von manchen Häusern zu manch anderen und laufen über den Boden und denken sich "hier ist mein Land" und laufen über die Knochen von Langobarden und Semnoden, von Neandertalern und Goten, von Slawen und arktischen Jägern. Und sie laufen über die Knochen von Langobardinnen und Semnodinnen, von Neandertalerinnen und Gotinnen, von Slawinnen und arktischen Jägerinnen. Und sie laufen über die Knochen von Billionen von Fröschen und haben vergessen, wer vor ihnen da war, und es interessiert sie auch nicht. Aber die Frösche haben es nie vergessen.

Und die Eine also, wie gelähmt hockend auf dem Stein. Und der Lärm, stetig pulsierend in der Nasennebenhöhle und kriechend bis ins Gehirn, wird zum Befehl und sie streckt kraftvoll die Knie durch und springt in den Teich und raus kommt sie nicht mehr, nicht gleich und auch nicht später irgendwann.

Also Elektronikschrott und Grashalme und ein leerer, warmer Stein und Wasser und ein leicht wippender, schwimmender Zigarettenstummel. Und Zecken und Bäume und hunderte Frösche, nach und nach verstummend. Und schließlich große Ruhe, ins Zelt hinein schlüpfend und in die Ohren der Anderen. Die wacht auf davon und wundert sich und ist bald aus dem Zelt und die Eine nicht da, wo sie sein sollte. Nur dunkles Wasser und dunkle Bäume und Stechmücken und nach zehn Minuten Klarheit, dass die Eine nicht "vielleicht nur kurz pinkeln" ist, und die Andere und die Panik und ein Handy ohne Empfang.

Dann eine Fahrt auf dem Fahrrad, über dunkle, mit Schlaglöchern und Wurzeln übersäte Waldwege, hastig in die Pedalen getreten in Richtung Funkturm und Tränen fallen auf den sandigen Boden. Und eine Holzbrücke über einen kleinen Bach und das Holz ist ganz nass geworden von fleißigen Froschbäuchen und ein Vorderrad kommt ins Rutschen und verdreht sich und bald liegt ein herrenloses Fahrrad neben der Brücke und etwas weiter ein Handy und noch immer kein Signal und nun hat es also angefangen.

Denn die Frösche sitzen im Wasser und sehen die Zigarettenstummel und den Elektronikschrott und wissen, wozu die Menschen fähig sind. Die Frösche sitzen im Wasser und haben es wohl bemerkt, dass es langsam heißer wird. Und die Frösche haben gewartet jahrhundertelang, geduldig aber wachsam. Und die Frösche haben gesprochen, lange und ausgiebig, immer abends. Und die Frösche haben die Menschen still beobachtet und haben von den Meistern des Mordens gelernt. Und die Frösche sind gute Schüler gewesen. Und die Frösche haben schließlich einen Entschluss gefasst und nun hat es also angefangen.

Weite grüne Wiese und ein Teich, vielleicht. Vielleicht ein Teich, oder mehr ein Tümpel, oder sonstwie stehendes Gewässer. See möchte man es nicht nennen, zu viele alte russische Panzer liegen auf dem schlammigen Grund. Und drumherum tausende identische Wiesen und Gewässer und ungezählte Bäume, und überall Elektronikschrott. Und Frösche, millionenfach aus den Wassern quillend und in die Häuser hinein und Laich ist ihre Spur, die neue Frösche bringt und nun hat es also angefangen. Und die Menschen macht- und die Frösche gnadenlos. Und die Spezies Mensch bald vom Aussterben bedroht, bald ausgestorben, und mit ihr die tausenden vergebenen Chancen auf ein Auskommen.

Und die Frösche bleiben und sammeln den Elektronikschrott und die Zigarettenstummel aus den Wäldern, und die Frösche schieben die alten Panzer aus dem Wasser, und nur noch manchmal, ganz manchmal, abends, an einem Teich oder Tümpel oder sonstigem Gewässer, zwischen Wiesen und Bäumen, versammeln sich einige von ihnen und sprechen ein bisschen über die alte Zeit, nur für ein paar Stunden, nur für einen Moment.

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