Folge 13 

Etwas Altes: Wilmersdorfer Witze 

Tagesspiegel, 2016

Etwas Neues: Leben 

Irgendwo las ich, ein Zukunftsforscher hätte für die Zeit nach der Pandemie ein Bedürfnis nach mehr Glamour vorhergesagt – ich habe den Artikel dazu lieber nicht aufgesucht, weil ich sehr starke Ressentiments gegen alle populären Zukunftsforscher habe, meine Laune gesellschaftsbedingt seit ein paar Jahren fragil ist und ich mich deshalb vor Clowns-Medieninhalten möglichst schütze.  (Hat er nicht mitbekommen, dass sehr viele Menschen die freiwillige Quarantäne nur mittels Glitzernagellack durchgestanden haben? Indoor-Glamour war eine wichtige Coping-Strategie. – Vermutlich nutzt auch dieser Zukunftsforscher prinzipiell keine sozialen Medien.) Außerdem denke ich, dass jedweder Nachpandemie-Glamour nur eine Facette dessen sein wird, was jetzt schon spür- und sichtbar allerortens aus Menschen herausbricht: Lebenshunger, Lebensenergie, Leben. Entweder unbeweglich gewordene oder aber übertrainierte Bär*innen kriechen nach dem unangenehm langen Winterschlaf aus den Höhlen, und zwar genau 14 Tage und null Minuten nach der 2. Impfung und dem bis auf weiteres letzten #EinstichSelfie: Tür auftreten, raus! Summer is coming. Neuerdings auch glaubhaft für die Rücksichtsvollen und Vorsichtigen – für die anderen ja eh. »Es ist beinahe wie früher«, sagte mein 17-jähriger Sohn gestern.

»Hurra, wir leben noch«, sang 1984 zu nicht ganz so tollem 1984-Sound Milva, die, uh, unheimlich, vor kurzem gestorben ist, »Bitch, ich lebe Leben« singt seit ein paar Wochen energetisch tadellos, aber immer noch unnötig misogyn Haftbefehl. (Notiz an mich selbst: mehr mit Lebensphilosophie beschäftigen, mal wieder Georg Simmel lesen.) 

Ich ist zwar postpandemisch spürbar eine andere, aber wir leben noch, die meisten von uns jedenfalls, die, die Glück hatten und zuhause bleiben konnten, die geimpft wurden, die einen leichten Verlauf hatten. Die von uns, die nicht auf dem Weg nach Europa ertrunken sind, was die von uns, die gewohnheitsmäßig in Europa leben oder Urlaub machen, beunruhigenderweise noch weniger gejuckt hat, als es plötzlich ein ganz kleines bisschen existenzieller wurde 

F-Ü-R

U-N-S. 

Learning mal wieder: Es gibt gönnerhaft oder strategisch aufgesetzte und wahrhaftige wir/uns. 

Genießt das Leben, Leute, es ist so kostbar und so schön. Und wenn ihr euch wieder lebendig genug fühlt, investiert bewusst mehr Energie ins Mitdenken und -gestalten eines guten Lebens für alle. Dazu gehört im ersten Schritt, es anderen zu ermöglichen, am Leben zu bleiben. Wählt keine Parteien, die das nicht als oberstes Ziel haben.

Wie glamourös wäre es, wenn alle Menschen sicher und würdevoll leben könnten. Dann klappt es auch mit der Zukunft. Chin chin.

Etwas teilweise Geborgtes: Ein Zitat-Drama

Deutsche Gesellschafte der deutschen Deutschsprache: »Eine Katze hat sieben Leben.« Gesellschaft der Deutschen für deutscheste Deutschsprache: »Neun Leben hat die Katze.« .... 100 Jahre Debatte darüber, wie es nun richtig heißen würde Katzen: 

#LebenWieEineKatze

Etwas Uncooles: »Leben« suchen

Stellt dir vor, du bist 14 Jahre alt und ein Mädchen, ein trans Junge, nicht binär. Du suchst Theorien und Gedanken zu Begriff und Vorstellung von »Leben«. Alles, was du dazu bei Wikipedia und in Zitatdatenbanken findest, sind Äußerungen von cis Männern. Was macht das mit dir? 

Stellt dir vor, du bist 14 Jahre alt und ein cis Junge. Du suchst Theorien und Gedanken zu Begriff und Vorstellung von »Leben«. Alles, was du dazu bei Wikipedia und in Zitatdatenbanken findest, sind Äußerungen von cis Männern. Was macht das mit dir? 

Rubrikloses

Konstellationen: Auch deine Deko ist politisch. 

Der Publikumspreis geht an zarte Leben.

Mein neuer Song heißt »Handballgroße Pfingstrosen«.

Deutsche Hanami mit Clematis montana

Menschen, die »Eskapismus!« schreien, haben in Wirklichkeit begründete Sorge, dass man vor ihnen fliehen würde.

Guerlica

Zurück zur Mitte, zu denen, die punkten. Wir sehen uns nächste Woche wieder. Seid lieb, nur nicht zu Nazis.

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