12. Oktober 2021, 22.40 Uhr

Unser erster Eintrag! Ich weiß das klingt kindisch, aber ich hab mich riesig gefreut hier schreiben zu dürfen. Für mich, für uns – für euch!

„Ich“ – tja, das bin heute ich, Kati - und das nächste Mal vielleicht jemand anderes. Darum habt Nachsicht mit mir, dass ich vom „Ich“ auch gerne mal ins „wir“ springe. Schließlich schreibe ich als ein Teil einer 28köpfigen Gemeinschaft :)

Bevor wir diesen Blog LANDRATTE GOES STAHLRATTE nannten, wollten wir ihn MEERCHAOS nennen – denn das trifft es in letzter Zeit wirklich gut!

SO… Das war ein Einstieg, und jetzt erklär ich erst mal den Anfang:

Wer ist „Wir“?

„Wir“, damit sind 28 Personen gemeint, jegliche Altersstufe inbegriffen, die sich als Gemeinschaft zusammen getan haben um bestimmte Ziele umzusetzen. Jaaaaa, es kracht auch mal, es ist nicht leicht, auf dem Schiff findet man noch weniger Ruhe wenn man den anderen grad mal nicht sehen kann – aber hey! Es gibt auch eine sehr positive Seite:

Jeder von uns hat anderes Wissen, ein anderes Know How und andere Fähigkeiten. Wenn wir etwas umsetzen wollen und all unser Wissen und Können in einen Topf schmeißen, bringt uns das stets weiter als alleine vor sich hin zu bröteln.

Ziele

Ein punktgenaues Ziel verbindet uns nicht, vermute ich, darüber könnten wir mal reden :)

Unsere 28köpfige Gemeinschaft

Auf jeden Fall gibt es die Gemeinsamkeit, dass wir alle das unbestimmte Gefühl hatten, das in unserem Leben was nicht richtig läuft. Ob als Krankenschwester, Steinmetz, LKW-Fahrer, Dachdecker, Industriekauffrau – jeder von uns hat sich… ich nenne es mal leer gefühlt. Ich weiß nicht ob ihr das kennt, es gibt solche Tage: Man setzt sich hin und starrt die Wand an / aus dem Fenster – egal was! Und es drängt sich die Frage auf: Da muss doch noch mehr sein, das hier kann doch nicht alles sein. Das dahinter, was man nicht sieht. Das Wunder eines Neugeborenen, Liebe & Freundschaft die über Jahrzehnte und getrennt sein Bestand haben, wahrer Mut, ach… es gibt so vieles, was man aufzählen könnte, aber dann würde ich jetzt abschweifen. Ich hoffe ich konnte das Gefühl vermitteln, was uns zusammen gebracht hat.

16 Jahre Vergangenheit

Vor 16 Jahren haben wir uns zusammen getan und eine alte Jugendherberge im Süd-Schwarzwald renoviert, die wir als schamanisches Meditations- und Erholungsheim eröffneten.

Nach einem Jahr wurde uns klar, dass die Gesetze und Richtlinien in Deutschland, besonders für uns angehende freie Unternehmer, sehr engmaschig sind. Der Ruf nach mehr Freiheit und Eigenständigkeit ließ uns keine Ruhe finden, und so entschieden wir uns nach Togo in Westafrika auszuwandern. Die Hauptstadt Lomé liegt am Meer – wir haben uns 4 Stunden Autofahrt weit weg von dort auf einem Berg niedergelassen, mitten im Nichts, auf dem Akposso-Plateau.

Dort haben wir uns ein Dorf aufgebaut. Noch bevor wir die Hüttchen richtig fertig hatten, bauten wir erst Mal eine Krankenstation auf. Viele Menschen sind wirklich krank und haben kein Geld für Medizin. Vor allem die Kinder leiden, und bekommen vor ihrem 3. Geburtstag oft gar keinen Namen, weil viele schon früher sterben. Wir boten naturheilkundliche und pharmazeutische Betreuung an. Über 70 Leute täglich kamen zu uns.

Direkt im Anschluss bauten wir ein Haus für Kinder in Not. 56 Kinder fanden bei uns ein dauerhaftes zu Hause, einige kamen und gingen, die kurzfristig Hilfe brauchten, bis z. B. ein anderen Familienmitglied sie aufnehmen konnte.

Und dann ohne Krankenkasse, mitten im Busch.

Naja, wir haben es gewagt, waren oft krank, teilweise auch sehr schlimm. Durch schlechte Ernährung hatten einige von uns Mangelerscheinungen. Wir haben kennen gelernt, dass man Pharmazie ablehnen kann – und trotzdem kann sie einem das Leben retten. Ich selbst habe Fleisch mein Leben lang, schon als kleines Kind, gehasst – und trotzdem hab ich es hier und da gebraucht, weil ich starken B12 Mangel in Togo hatte. Und davon ist nun mal am meisten in Fleisch drin, wenn man keine Vitamintabletten hat. Und Käse etc. bei tropischer Hitze? Uhhh, Darmkeime lassen direkt grüßen… Mögen tu ich es immer noch nicht!

Was ich damit sagen will: Diese 8 Jahre Togo haben stark dazu beigetragen, viele Dogmas aus unseren Köpfen zu vertreiben, oder uns überhaupt bewusst werden zu lassen, das sie da sind. Dort sind wir teilweise sehr rasenfeindlich behandelt worden, Minderheit halt als „Jovos“ = „Die Weißen“. Wir haben vieles erlebt, das hat uns zusammen geschweißt, auch wenn wir nicht immer einer Meinung sind.

Wenn ihr dazu mehr wissen möchtet, schreibt es uns bitte! Wenn Interesse da ist, werden wir unser Leben in Togo mal als SPECIAL mit dazu geben.

Das Leben nach Togo

Nach 8 Jahren änderte sich die politische Lage. Bis dato konnten wir als ONG / NGO ohne den dauerhafte Taxe als Tourist in Togo leben und arbeiten. Schließlich floss ein Großteil unseres Ersparten in unsere Krankenstation und unser Kinderhaus. Auch ein Partnerverein in Deutschland sammelte Spendengelder, um den Menschen dort zu helfen. Wir taten wirklich was für Togo, waren mittendrin, lebten mit ihnen zusammen.

Als die Botschaft kam, das die togoische Regierung alle kleinen NGO`s nicht mehr ohne diese Tax-Gelder im Land lassen wolle, waren ein paar von uns gerade dabei sich im nächstgelegenen Krankenhaus in Atakpamé, über 1 Stunde Holperfahrt von unserem Plateau entfernt, als Hebammen ausbilden zu lassen.

Umgerechnet hätte jeder von uns, sogar unsere in Togo geborenen Kinder, die zu der Zeit beide 5 Jahre alt waren, monatlich Aufenthaltsgeld bezahlen müssen. Mit rund 14 Erwachsenen ging das in die Hunderte Euros im Monat, nur für den Aufenthalt. Das konnten wir nicht begleichen, woher das Geld nehmen?

Das war unser Hauptgrund, uns erneut auf die Suche zu machen. Hinzu kam das unbestimmte Gefühl, das es Zeit wäre zu gehen. Das hatten einige von uns, ließen es aber nicht gelten, woher denn? Jeder von uns hat sich den Menschen und Kindern so verpflichtet gefühlt, da konnte man nicht gehen!

Das Aufenthaltsgeld war der Schlag ins Gesicht, der uns wahrscheinlich zeigen sollte, dass dieses Gefühl nicht ganz unbegründet war. Hinzu kamen noch die Tropenkrankheiten, die ein paar unserer Familienmitglieder arg beutelten. Malaria tropica, Amöbenruhr, Typhus, Würmer, Darmkeime usw. Meistens kam alles in Serie. War der Körper einmal geschwächt, bekam man eine Krankheit nach der anderen…

Ihr denkt an die Kinder?

Ja, das war unser erster und wichtigster Gedanke! Der Grund, warum wir nicht gehen wollten. Wir haben versucht sie mitzunehmen. Das erlaubte das Gesetz nicht. Dann versuchten wir es mit Adoptionen. Ein paar der Kinder hatten eigene Familien, und waren bei uns in Pflege. Oft kam es vor, dass der Vater oder die Mutter gestorben war, und das eine Elternteil sich neu sortieren musste. Während dieser Zeit lebten die Kinder bei uns und wurden versorgt, sahen ihre Eltern aber regelmäßig und es war klar, dass sie dorthin zurückkehrten. Aber was war mit den anderen? Die schon seit Jahren bei uns waren? Teilweise schon 16jährige Kerlchen, waren sie doch mit 8 oder 9 Jahren zu uns gekommen.

Alles vergebens. Adoptionen sind nur erlaubt, wenn man das Kind vorher nie gesehen hat – so die Kurzfassung. Und nur Verheiratete dürfen adoptieren, und bei uns ist lange nicht jeder verheiratet. Also fingen wir an zu rödeln, und für jeden Älteren, der über 16 war, einen guten Job zu finden. Das erwies sich als leichter als gedacht, waren die Jungs bei uns viel bei der Tierzucht und – betreuung tätig. Wir hatten riesige Rinderherden, rund 70 Dromedare, eine Eselherde und rund 50 Pferde, um nur die Großtiere zu nennen. Weiter viele verschiedene Hunderassen, Ziegen und Schafe, Puten, Hühner, Tauben und Perlhühner. Hoffe ich hab nix vergessen… In Togo ist das ein gefragter Beruf, und Menschen die keine Angst vor Tieren haben werden gesucht, denn das ist da sehr selten!

Unsere älteren Mädels waren alle mit in unser Ausbildungsprogramm integriert, und wurden in die Gastwirtschaft, Hotelbranche etc. eingearbeitet. Auch sie fanden schnell gute Arbeitsverhältnisse. Für alle kleineren Kinder suchten wir akribisch nach Familienmitgliedern, und fanden tatsächlich für jedes Kind ein bestehendes Familienmitglied, das bereit war es aufzunehmen. Dazu sei zu sagen, dass Familie in Togo über allem steht.

Ok… Ich merke schon, dass ich versuche mich zu rechtfertigen, und mancher wird sagen, ihr hättet doch versuchen können…! usw. Haben wir, ehrlich!

An dem Tag, als entschieden war, dass wir Togo ohne unsere Kinder verlassen, habe ich Rotz und Wasser geheult, und war diese Nacht gar nicht richtig im Bett. Es war für uns alle sehr, sehr schwer, und der schlimmste Abschied den wir je hatten. Jedem haben wir einen großen Sack Kleidung und Lebensmittel mitgegeben. Den großen Jungs, wenn sie wollten, noch einen der Hunde als Freund mit dazu, was gerne angenommen wurde.

Unser altes Dorf ist mittlerweile eine Schule für die Polizei geworden, die Pferdeherden werden von der Kavallerie ausgebildet. Einer unserer engsten togoischen Freunde arbeitet immer noch dort und betreut die Pferde.

Die Kinder schicken uns heute immer wieder mal Fotos und Nachrichten über Facebook, und wir freuen uns tierisch, dass sie uns nicht vergessen haben, und auch zu sehen, wie groß sie geworden sind und dass es ihnen gut geht.

… oh, ich sehe gerade, dass ich schon die dritte Seite angefangen habe! Das wird vielleicht zu lang… In ein paar Tagen geht’s dann weiter, ok?

Zum Abschluss sei gesagt, dass ich mich sehr freue hier schreiben zu dürfen! Unsere STAHLRATTE, unser altes Segelschiff, braucht momentan wirklich Unterstützung. Aber von allen Projekten, die wir versuchen anzugehen und die wir umsetzen möchten, liegt mir persönlich dieses hier sehr am Herzen, und darum setze ich das auch vor allen anderen um!

In den nächsten Blogs…

… erfahrt ihr was uns nach Afrika erwartete

…. Zeige ich euch wie die Stahlratte sich weiter verwandelt

… stelle ich euch unsere Mannschaft im Einzelnen vor

DANKE DAS IHR MIT DABEI SEID :)

Wir sehn uns,

als Schreiberling heute

Kati

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