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Und jedem Anfang wohnt das Chaos inne…

3. April 2022, Sonntag, La Gomera, kanarische Inseln – Am Rande des Lorbeer-Urwaldes in Los Aceviños

Von unserem neuen zu Hause aus kann man sogar den Teide sehen, den höchsten Berg Spaniens auf Teneriffa

Wir haben ziemlich genau 14.00 Uhr, es regnet seit heute Morgen in sintflutartigen Strömen. Der Wind fegt den Regen nur so durch die Palmen und Bäume, unsere Zelte haben wir schon mehrfach sichern müssen, damit sie nicht „vom Winde verweht“ werden… 

Zwischendurch lässt die Sonne sich minutenlang blicken, und der Boden dampft von ihrer sofortigen Wärme. Die Welt um uns herum liegt in Nebel- und Wolkenschwaden, durchzogen von dem Geruch der Erde, und feine Kreise aus winzigen Wasser Tröpfchen formen sich zu geisterhaften, sich windenden Gebilden.

Seit rund 2 Wochen nun haben die meisten unserer Gemeinschaft das inzwischen 120 (!) Jahre alte Segelschiff Stahlratte verlassen und wohnen in einem gemieteten Häuschen und in Zelten im Landesinneren von La Gomera.

Beeindruckende Felsformationen La Gomeras

Viele neue Schritte

Es ist noch kein Jahr her, da wagten wir den Schritt, unser geliebtes Selbstversorger-Paradies Odrintsi zu verlassen um eine neue Aufgabe anzugehen. Für die Umsetzung benötigten wir die Hilfe eines Segelschiffes, denn ohne schwimmendes Vehikel wären die Arbeiten auf dem Atlantik kaum möglich gewesen.

Die Stahlratte hat eine lange Geschichte hinter sich, und wir hoffen, dass diese auch weiter geht, die alte Lady weiter leben darf und Menschen dazu verhilft ihre Träume zu leben.

1. CHAOS: Heidehaus, Schwarzwald

Während wir dort als Gemeinschaft unseren Anfang hatten renovierten wir die alte Jugendberge und lernten vor allen Dingen – wie heißt es so schön – ein Kopp und ein Arsch zu werden!

Schon damals merkten wir, dass eine Gemeinschaft dann Berge versetzen  kann, wenn sie  effektiv zusammen arbeitet.

2. CHAOS: Togo, Westafrika

Der uns völlig unbekannte Kontinent stellte für uns anfangs eine echte Herausforderung dar! Hier war so ziemlich alles anders, was man kannte, und wir sollten die mannigfaltigen Tropenkrankheiten als auch die Regenzeit und den Harmatan (die trockenen Saharawinde) dort so richtig kennen lernen.

Auch die „wilden Tiere“ stellten sich der Reihe nach vor, in allen Formen, Farben und Größen gut vertreten. Bei den Großtieren waren die Affen am schlimmsten, die unsere Felder regelmäßig räuberten. Die schlimmsten tierischen Exemplare waren…. Trommelwirbel …. Nein, keine Schlangen – AMEISEN!

Mit denen haben wir so viel mitgemacht, dass wir ihnen gerne mal einen eigenen Text widmen, mal sehen ob ihr uns glaubt, was für über da kleine schwarze Volk zu erzählen haben.

Der aktuelle morgendliche "Weg zur Arbeit"

3. CHAOS: Odrintsi, Bulgarien

Während wir aufatmeten noch mal bekannte Natur um uns herum zu haben, staunten wir in unserem Ruinendörfchen, dass es dort tatsächlich noch mehr dornige und stachelige Pflanzen gab als in Togo. Und das will was heißen! Egal: Dort wachsen seltene Distelarten, die es sonst nicht mehr oft zu sehen gibt!

Schlangen sind auch gut vertreten – die wir hier aber mal ganz laut in Schutz nehmen wollen: Denn seit Togo und Bulgarien (und das sind immerhin 12 Jahre) hatten wir noch nicht EINEN negativen Vorfall durch einen Schlangenbiss.

Wir lernten uns über kalte Winter und warme Sommer zu arrangieren und entdeckten mit unseren Tierherden die wildesten Winkel Bulgariens.

Mario nimmt die Natur um sich herum mit allen Sinnen wahr - auch mit der Kamera!

4. CHAOS: Stahlratte, Atlantik

Da bedarf es wohl keiner großen Erklärung mehr, ihr habt selbst gelesen was uns alles wiederfahren ist und warum uns das Thema mit dem Chaos immer wieder mal überrollt und wir es nicht übersehen möchten. Wenn es denn schon angerollt kommt herrscht Handlungsbedarf!

Wir überlegen immer noch, wie man wohl am besten damit umgeht: Aktuell versuchen wir es mit Humor :)

5. CHAOS: Der Neubeginn auf La Gomera

Wir glauben, dass es euch brennend interessiert, wie es hier weiter geht, daher wollen wir euch nicht länger auf die Folter spannen und euch unsere ersten Eindrücke und Erlebnisse von hier schildern:

Da wartet Arbeit - die alte Küche unserer neuen Behausung

Zuerst einmal mieteten wir ein Häuschen im Landesinneren in dem Dorf Los Aceviños, wo wir im Haus und in Zelten wohnen. Mindestens 3 Leute von uns sind dauerhaft auf der Stahlratte, um unsere schöne alte Lady zu behüten und ihr die nötige Pflege zukommen zu lassen.

Um hier richtig was aufzubauen werden wir uns von unserer schönen Dame trennen müssen. Beides am Laufen zu halten – einen Ort an Land und ein Segelschiff – wird unsere finanziellen Möglichkeiten weit übersteigen.

Und, ganz ehrlich gesagt, gibt es noch einen weiteren dick unterstrichenen Punkt, warum wir beides nicht hinkriegen können, bzw. wollen:

Als Gemeinschaft werden wir dauerhaft getrennt sein, wenn wir 2 Anlaufpunkte haben, und damit 2mal ein zu Hause – oder kein richtiges.

Wir haben schon mal erwähnt, dass wir unterschiedliche Typen an Menschen sind, und es auch immer wieder mal zu Unverständnis oder Konflikten kommt. Trotzdem sind wir uns ans Herz gewachsen, und die Vorstellung, dass wir als Patchwork-Familie ständig getrennt sind, weil mindestens 3 Leute auf dem Schiff sein müssen, ist nicht tragbar.

Wir möchten unsere Konzentration, und damit unser ganzes Herzblut, unserer neuen Aufgabe hier auf La Gomera widmen.

Frei machen, hier wachsen viele Brombeeren

Den Hang hinunter werden natürliche Treppen angelegt

Unser neues Haus, viel zu tun :)

Wie geht es weiter?

Nach einiger Suche haben wir hier auf der Insel einen Ort gefunden, der wohl unser neues zu Hause werden wird. Abgelegen im Wald.

Man kommt mit dem Auto hin – gerade so J Dann krackselt man einen Hang hinunter und findet ein altes Haus, völlig überwuchert von Brombeeren. Wenn man genau hinschaut, kann man die alten Terrassen erkennen, auf denen früher Gemüse und Kartoffeln angebaut worden sind.

Alte Ställe haben wir entdeckt, in den weichen Stein des Berges hinein gehauen. Ein völlig zugewachsenes Pfädchen führt die Schlucht hinunter, und unten angekommen hat man das Gefühl in einer anderen Welt zu sein. Dort herrscht angenehme Ruhe, die Vögel zwitschern, die Sonne scheint durch hohe, schief gewundene Bäume, die sich mit ihren verwachsenen Wurzeln am blanken Fels festhalten. Würde man da jetzt eine Frau oder einen Mann mit Elfenohren rein stellen, würde jeder denken man sei in einem Dreh von „Herr der Ringe“ gelandet.

Herr der Ringe auf La Gomera

Bewegung für müde Muskeln, hier ist noch mal Platz zum laufen!

Wir haben angefangen dort freizumachen. Mia hat schon angefragt, ob wir nicht in dem Haus  wohnen bleiben können, in dem wir jetzt sind. Auf die Frage hin, warum sie denn in dem  Mietshaus bleiben will hat sie geantwortet: „Da sind zu viele Brombeeren, die pieksen!“

Der grinsende Papa hat ihr daraufhin erklärt, dass wir das natürlich vor dem Einzug noch ändern werden :)

Wir freuen uns auf, auf Erde und das buddeln und wühlen in ihr. Frische Kräuter, eigene Kartoffeln.

Die meisten von uns schlafen wieder an Land ganz anders. Auf dem Schiff hat man sich automatisch angewöhnt mit einem „Hab-Achtung-Schalter“ im Kopf einzuschlafen, und dementsprechend auch nie richtig in den Tiefschlaf zu kommen. Hier kann man noch mal tief wegsacken, ohne Gefahr zu laufen den Anker nicht im Auge zu haben usw.

Warum Chaos?

Och, wenn ihr uns kennt und hier mal neutral eine Stunde rein schauen würdet, wüsstet ihr wovon wir reden ;) Vieles muss gleichzeitig erledigt werden, nichts darf oder sollte vergessen sein! Während man eine Sache anfängt beginnt die Zweite mittendrin, wenn man nicht schon an der fünften Sache angekommen ist – und dabei die erste schon halb vergessen hat.

Ständige Achtung ist geboten, sonst endet die Stahlratte an dieser Küste

Da wir in 3 Teams arbeiten

- das erste Team auf der Stahlratte

- das zweite Team in der gemieteten Finca

- das dritte Team auf unserem neuen Grundstück

ist die Absprache untereinander schwieriger geworden, und was der eine schon längst weiß und umsetzt, hat der andere noch nie gehört.

Und wisst ihr was?Wahrscheinlich ist genau hier ein Wechsel auch etwas Gutes, denn man erkennt wieder einmal, wo man sich selbst fest gefahren hat: Mit festgelegten Mustern im Kopf, Morgen- und Abendritualen. Man ist es gewöhnt in der Küche beiläufig nach dem Kochlöffel zu greifen - da die Küche neu ist steht und liegt jetzt aber alles wo anders.

Sven baut einen Zaun

Bei uns schlafen zurzeit 4 Mann/Frau in einem Zelt, 8 Erwachsene in einem Zimmer und 4 Erwachsene mit 6 Kindern in einem anderen Zimmer. Es hat etwas von Jugendherbergs-Flair. Vor allem die von uns, die schon bei der Renovierung des Heidehauses mit dabei waren, fühlen sich an damalige Zeiten erinnert, und wir versuchen die Enge, von der wir dachten ihr entronnen zu sein, mit Humor zu nehmen.

Die Mahlzeiten in dem kleinen Wohnzimmer gleichen abenteuerlichen Hürdenläufen. Bloß nicht auf was Rumliegendes, ein Kind oder einen Hund treten! Nichts umschmeißen und selber nicht stolpern! Hier ist es sogar noch enger als auf der Stahlratte – was ebenfalls lustig ist. Wer hätte gedacht, dass es an Land noch enger wird als auf dem Schiff?

Eingeständnisse

Ich selbst muss mir eingestehen, dass ich das letzte Jahr noch gar nicht richtig verdaut habe. Da ist so viel passiert, das ist bei mir noch gar nicht richtig angekommen. 

Als ich zum aller ersten Mal an unserem neuen Ort war, hatte ich beim Gehen auf den zugewachsenen Pfaden irgendwann das Gefühl, dass etwas aus der Erde unter meinen Füßen in mir hoch steigt. Es war wie das Gefühl einer Erinnerung, nur woran? Ich weiß es nicht. Auch wenn ich es versuche, da ist irgendetwas in mir, das die Erinnerung nicht zulässt, keine Ahnung warum.

Irgendetwas habe ich vergessen, an das ich mich nicht mehr erinnern kann. Vielleicht stehe ich mir selbst im Weg, vielleicht ist noch nicht die richtige Zeit gekommen – Geduld ist nicht grade meine Stärke.

Klar ist mir geworden, dass ich eine ganze Menge über mich selbst nicht weiß, und mich kein bisschen begreife - ganz zu schweigen vieles andere um mich herum.

Sichtbar und doch verborgen

Da gilt es aufzuräumen, zu verarbeiten – und zu verstehen.

Vielleicht ist jetzt die richtige Zeit dafür gekommen?

Wir werden sehen! 

Wie sagt Jürgen immer: Für Alles gibt es die richtige Zeit – und den richtigen Ort.

Wir hören voneinander,

eure Kati

und eure Spirebos

Neue Eindrücke auf La Gomera

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