Faking Fernsehen

Wie ich wegen zweier Formate fast den Glauben an das Gute verloren hätte

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Mit diesem Newsletter wollte ich auch immer wieder das Fernsehen loben, seine Kreativität, die unbegrenzten Möglichkeiten, die in diesem Medium stecken, seinen Mut, die visionäre Kraft, den unbedingten Unterhaltungswillen und die Wucht, mit der das Fernsehen seine Inhalte gegen die Welt haut. Einmal die Woche wollte ich loben und empfehlen und über all das Schöne und Gute schwärmen, das man immer wieder, jeden Tag, überall finden kann. Ich wollte nie der Typ werden, den Stefan Niggemeier vor Jahren in mir sah, als er mich „Kritiker Taliban“ nannte, weil er und ich verschiedener Meinung sind über das Format „Ich bin ein Star – holt mich hier raus!“

Aber, ach, es nützt ja alles nichts. Doch bevor ich über „Faking Hitler“ auf RTL+ schreibe und über „Celebrity Hunted“ auf Amazon Prime, ist es mir wirklich wichtig, darauf hinzuweisen, dass die Beatles-Dokumentation „Get Back“ auf Disney+ und die Serie „Succession“ auf Sky schlichtweg großartig sind, und dass das Schauen dieser zwei Meisterwerke für die allgemeine Stimmung mit Sicherheit zuträglicher ist als das Weiterlesen dieses Newsletters.

So.

Sind Sie sicher?

Na gut.

Dann fang ich jetzt an.

„Faking Hitler“ hieß ursprünglich ein Podcast, der vor einigen Jahren für Furore sorgte. Der Journalist Malte Herwig entdeckte im Keller des ehemaligen Stern-Reporters Gerd Heidemanns mehrer hundert Tonbandkassetten, auf denen Heidemanns jedes Gespräch aufgenommen hat, das er mit dem Fälscher Konrad Kujau zwischen 1980 und 1983 geführt hatte. Aus diesem Material machte Herwig dann den zehnteiligen Podcast mit dem Namen „Faking Hitler“. Dieser Podcast, den das Magazin „stern“ in Auftrag gegeben hatte, wurde für viele Preise nominiert, einige gewann er auch. Warum die Serie, die von der UFA für RTL+ produziert wurde, auch „Faking Hitler“ heißt, verstehe ich nicht. Warum heißt sie zum Beispiel nicht „Schtonk!“?

„Schtonk!“ ist zum einen ein Kunstwort, das Charlie Chaplin in seinem Film „Der große Diktator“ gebraucht – und zum anderen der Name eines nicht ganz unbekannten Films von Helmut Dietl aus dem Jahr 1992, in dem es um die Hitler-Tagebücher geht. Der Film ist eine Klamotte, Götz George spielt Gerd Heidemanns und Uwe Ochsenknecht Konrad Kujau, es gab eine Oscar-Nominierung in der „Kategorie bester fremdsprachiger Film“ und einige Gags waren sehr, sehr gut, wie zum Beispiel in der Szene, in der man sich in der Redaktion des „stern“ gerade die für teuer Geld gekauften Bände anschaut, und auf dem Einband die initialen FH sieht und daraus nicht ganz schlau wird, denn „Fritze Hitler hieß er jawohl nicht.“

https://youtu.be/QTGMnPS-nxg

Guter Podcast, guter Film – eigentlich ein okayer Schnitt für einen historischen deutschen Stoff. Leider versaut die sechsteilige Serie „Faking Hitler“ diesen Schnitt jetzt, und das ist so unnötig wie ärgerlich. Warum hat sich die UFA dazu entschieden, wieder eine Klamotte aus den Hitler-Tagebüchern zu machen und nicht, zum Beispiel, ein Musical oder ein Drama oder einen Kriminalfall? Wäre das nicht naheliegender gewesen, wo es doch bereits eine gute Klamotte zu dem Stoff gibt? Vielleicht hat die Entscheidung ja was mit dem UFA-Personal zu tun, denn in der Fiction-Abteilung der UFA hat der Komiker Tommy Wosch eine leitende Funktion und dieser Wosch war dann auch der Chef des Writers Room, in dem die Serie geschrieben wurde, und was man so hört, muss es in Deutschland schon angenehmere Orte zum Schreiben gegeben haben als diesen Raum. Aber irgendwann waren dann wohl die Bücher fertig, die Rolle des Kujau übernahm Moritz Bleibtreu und Lars Eidinger durfte sich an Heidemanns, und während Bleibtreu seine Sache gar nicht mal so schlecht macht und Ochsenknechts Leistung dagegen tatsächlich abfällt, kann Eidinger nichts gegen Georges Brillanz setzen, denn Eidinger hat es in den vergangenen Jahren geschafft, dass er immer Eidinger-Charaktere spielt, und das ist eigentlich zu wenig bei all dem Talent. Aber die eigentliche Frage, nämlich die, warum man diese Geschichte noch einmal fiktionalisiert als Komödie erzählen muss, darauf fällt „Faking Hitler“ keine Antwort ein.

https://youtu.be/9TY4j78tf-s

Aber wenn ich jetzt vor die Wahl gestellt würde, dass ich bis Weihnachten nur noch eine Sache in Dauerschleife sehen dürfte – entweder „Faking Hitler“ oder „Celebrity Hunted“ – ich würde mich sofort, ohne zu zögern, für „Faking Hitler“ entscheiden. Denn schlimmer, langweiliger, dämlicher als „Celebrity Hunted“ kann Fernsehen wirklich kaum sein. Worum geht es? Zehn Prominente müssen zehn Tage lang untertauchen und sich dabei nicht erwischen lassen. Hinter ihnen her sind angeblich Profis, angeleitet von einem Mann, der mal Angela Merkel beraten hat. Diese Profis sitzen irgendwo in Frankfurt am Main, ihre Zentrale sieht so aus, wie sich Hollywood vor 20 Jahren die Büros von CIA oder vom FBI oder von geheimen Geheimdiensten vorgestellt hat. Die Prominenten, unter ihnen der ehemalige Box-Weltmeister Wladimir Klitschko und die Schlagersängerin Vanessa Mai, starten ihre Flucht von Hamburg aus, sie bekommen jeder ein altes Mobiltelefon und eine EC-Karte, mit der sie einmal am Tag 50 Euro abheben dürfen. Sie müssen sich einmal innerhalb von 24 Stunden bewegen – so wollen es die Regeln.

https://youtu.be/ciMVgxsVc0g

Gibt natürlich nicht wirklich Regeln, das ist alles ganz großer Unsinn, Verdummungsfernsehen, das keinen Sinn ergibt. Das wäre aber nur halb so schlimm, „Wetten, dass...?“ war das auch, das eigentliche Problem ist nur, dass dieses Format keinen Unterhaltungswert besitzt, was vor allem daran liegt, dass einem als Zuschauer alle Beteiligten total scheißegal sind. Es gibt keinen einzigen Prominenten, dem man wünschen würde, dass er davon kommt – bei jedem denkt man die ganze Zeit: Jetzt lass dich halt fangen, dann haben wir es hinter uns. Das Problem ist nur: Die „Ermittler“ in Frankfurt und ihre „Hunter“, die mit schwarzen Autos durch ganz Deutschland fahren, sind einem noch egaler – die sollen nun wirklich auch keinen Erfolg haben. Das scheint allerdings auch unwahrscheinlich, denn wenn Sicherheitsbehörden wirklich so arbeiten wie die, dann wird man zum Beispiel diesen Wire-Card-Typen niemals finden und ich könnte übermorgen als Jim-Bob Machule ein Tattoo-Studio in Pirmasens eröffnen und niemand würde mich jemals finden.

„Celebrity Hunted“ ist Fernsehen, das nicht einmal mehr Fernsehen sein will, denn die Macherinnen und Macher des Formats haben nichts, gar nichts, was auch nur annähernd unterhalten könnte. Und ich glaube, dass sie das wissen. Und dass sie daraus trotzdem diesen Schrott zusammengeschnitten haben. „Celebrity Hunted“ ist nihilistisches Fernsehen.

Okay. Reicht nun auch. Ich schau mir jetzt lieber zum vierten Mal die Beatles-Doku an, und nächste Woche, das verspreche ich, verteile ich hier nur Schnüffelküsse.

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