Männer!

Die neue Dokumentation über den FC Bayern München ist aus Versehen großartig geworden

Zwei meiner besten Freunde sind Fans des Fußballvereins FC Bayern München und seit dem Start der Dokumentar-Serie „FC Bayern – Behind The Legend“ auf Amazon Prime am vergangenen Dienstag sind sie wütend und aufgebracht – viel wütender und aufgebrachter als sie es nach der Pokalniederlage ihrer Mannschaft gegen Borussia Mönchengladbach waren.

Ich bin kein Fan von Bayern München. Ich bin Fan von gutem Fernsehen. Deshalb wollte ich verstehen, was meine beiden Freunde so erzürnt, und habe mir die sechsteilige Serie angeschaut. Und ich finde alles interessant: den Zorn meiner Freunde, die Machart der Dokumentation, die Erwartungshaltung an so ein Format.

„FC Bayern – Behind The Legend“ folgt einem ähnlichen Muster, wie Doku-Serien über Borussia Dortmund oder Manchester City: Die Macherinnen und Macher laufen einige Monate mit dem Verein mit, sprechen mit den Spielern, mit der medizinischen Abteilung, dem Trainerstab, mit den Chefs. Als Zuschauer sitzt man mit im Mannschaftsbus, in der Kabine, manchmal auch bei Spielern zu Hause. Es gibt ein paar Szenen aus Spielen, auch von ganz früher.

Ich habe mir das gerne angeschaut. Es ist nicht „The Last Dance“, die Doku-Serie über Michael Jordans letzte Saison bei den Chicago Bulls, die im vergangenen Jahr auf Netflix lief, aber es ist wirklich nicht schlecht. Der Regisseur Simon Verhoeven, hat in der Vergangenheit deutsche Dutzendware wie „Nighlife“ oder „Willkommen bei den Hartmanns“ gedreht. „Behind The Legend“ kann demnach als seine bisher beste Arbeit gelten. Produziert haben die Serie Wiedemann und Berg, die bereits einiges Gutes („Der Pass“, „Para“, „Die Ibiza Affäre“) und einiges Schlechtes („Tribes of Europa“, „Werk ohne Autor“), zu verantworten haben. Jedenfalls hatten Regisseur und Produzenten bisher eher mit fiktionalen Stoffen zu tun, aber ich finde, das muss kein Nachteil sein, wenn man eine Dokumentation macht. Und da gehen die Probleme bereits los.

Der eine Bayern-München-Fan sagte, dass ihm das alles zu wenig authentisch sei, und bezog sich auf die Szene, in der der Trainer Hansi Flick seiner Mannschaft nach dem Spiel gegen Wolfsburg in der Kabine sagt, er werde zum Ende der Saison aufhören. Da wären, so mein Freund, dann zu viele Kameras auf den Gesichtern der Spieler – das würde inszeniert wirken, unecht.

Leider vergaß ich, meinen Freund zu fragen, wie das denn hätte aussehen müssen, damit es für ihn „authentisch“ wäre. Vielleicht hätte ich aber mit der Antwort auch nichts anfangen können, weil mein Freund und ich eine andere Haltung zur Authentizität haben. Ich tue mich schwer mit dem Begriff, vor allem, wenn man Authentizität von Beobachtern einfordert, egal, ob sie versuchen, die so genannte Wirklichkeit mit Worten oder mit Bildern zu beschreiben. Weil ich glaube, dass das nicht möglich ist: eine authentische Wiedergabe der Wirklichkeit. Ich wüsste nicht einmal, ob das erstrebenswert ist, so wie ich nicht weiß, ob es wirklich toll wäre, wenn sich alle Menschen immer authentisch verhalten würden.

Vielleicht bedeutet sein Vorwurf aber auch, dass diese Szene – wie viele andere Szenen auch – so gut, zu glatt aussehen. Auch diesen Vorwurf würde ich allerdings nicht verstehen, denn selbst wenn das mit einer wackeligen Handykamera gefilmt worden wäre, dann wäre es ja immer noch dieselbe Situation, sähe für den Zuschauer halt nur scheiße aus. Aber es ist schon interessant, dass der Vorwurf an eine Dokumentation, etwas sehe zu gut, zu glatt aus, immer Hand in Hand mit dem Vorwurf einhergeht, dass es eigentlich gar keine Dokumentation sei, sondern ja eher eine Werbemaßnahme für das Objekt der Dokumentation. So war das auch Anfang des Jahres, als auf Amazon Prime „Bild Macht Deutschland“ anlief, die Dokumentation über die „Bild“-Zeitung. Ich habe mich schon damals gewundert, ob die Kritiker dieser Serie vielleicht nicht richtig zugeschaut haben, denn „Werbung“ für „Bild“ war das ganz sicher nicht, weil man vor allem ein paar altgewordenen Jungs dabei zusehen konnte, wie sie sich an ihrer eigenen herbeifantasierten Macht berauscht haben, wie sie sich gegenseitig in ihrem Zynismus überbieten wollten, wie über allem eine überdrehte toxische Männlichkeit lag.

Der andere Freund beklagte, in der Dokumentation würde man nur Belanglosigkeiten sehen. Und da komm ich dann und sage: Ja, zum Glück! Denn tatsächlich sind Belanglosigkeiten genau das, was ich sehen will, wenn ich mir eine Dokumentation über den FC Bayern München anschaue.

Warum sollte der Alltag bei einem deutschen Fußballverein – selbst beim FC Bayern – nicht belanglos sein? Was erwartet man? Dass die Spieler nach dem Training Hegel zitieren? Dass der Taktikstab aus Versehen die Weltformel entdeckt? Es geht hier schließlich immer noch um Profifußball und so ein Fußballerleben besteht halt aus belanglosen Sachen: Training, Trainigslager, Fahrt zum Spiel, Spiel.

Man sieht natürlich viel mehr – wenn man genau hinschaut und genau hinhört. Wenn Julian Nagelsmann in der Säbener Straße aufläuft mit seinen Beratern, um seinen Trainervertrag zu unterschreiben, und plötzlich wimmelt es im Raum von mittelalten Männern mit Wohlstandsbäuchlein und taubenblauen Anzügen zu weißen Sneakern, die sich in ihrer ganzen Highfivehaftigkeit so lächerlich machen, dass es einen wundert, dass im deutschen Fußball überhaupt noch was funktioniert. Das ständige auf- die-Schultern-Gehauen, das unangenehm Laute – das ist alles so wenig modern, wie die „BWL für Dummies“-Lektionen, die Oliver Kahn offenbar auswendig gelernt hat und nun ständig aufsagt, um so zu tun, als würde er aus dem FC Bayern München eine Firma wie Tesla oder Apple machen.

Und auch, Männer, die Ansprachen von Hansi Flick. Das muss man, Männer, einfach sagen, dass es da schon auch ums Gewinnen geht, Männer, in diesen Ansprachen, aber, Männer, ich muss dann halt auch sagen, Männer, dass ich bei solchen Ansprachen, Männer, dann doch gleich eher nicht Fußballspielen gehen würde, Männer, sondern lieber nach Hause, um mir das nicht mehr anhören zu müssen, Männer.

Nach den sechs Folgen wundert man sich auch darüber, dass es keine einzige Szene gibt, in der Thomas Müller von seinen Mitspielern in einen Mülleimer gesteckt wurde. Die vielleicht größte Leistung dieser Spitzensportler besteht darin, diesen nervigen Kerl Tag für Tag zu ertragen. Müller redet ohne Unterlass und leider hat er irgendwann mal irgendwem geglaubt, dass er witzig sei. Aber auf dem schmalen Grat zwischen Klassenclown und Klassenkasper fällt Müller immer wieder auf die Klassenkasper-Seite.

Hin und wieder sieht man Lothar Matthäus. Er sitzt im alten Münchner Olympia-Stadion und versucht, den FC Bayern zu erklären. Einmal sagt er, dass er Journalist sei – einer meiner Freunde fand das komisch. Aber wir leben nun mal in einer Welt, in der auch Sigmund Gottlieb behaupten kann, er sei Journalist, von daher ist an Matthäus Aussage überhaupt nichts komisch.

Überhaupt taugt „Behind The Legend“ eher nicht zum Lachen – manches ist traurig: Einmal ist man mit Robert Lewandowski in seiner Wohnung, in seinem begehbaren Kleiderschrank. Er zieht sich einen Smoking an, dann fährt er mit seinem Auto auf eine Preisverleihung. Und obwohl alles teuer ist, hat es keinen Glanz, nichts funkelt, nichts glitzert – es ist prolliger Glamour. Zudem erkennt man Lewandowskis Einsamkeit. Er redet nie mit seinen Mitspielern, die Kameras zeigen ihn meistens, wie er in der Kabine vor seinem Spind sitzt und leise lächelnd, aber teilnahmslos, die dünnen Witzchen von Müller erträgt.

In „Behind The Legend“ kommt der FC Bayern nicht gut weg. Er kommt auch nicht schlecht weg. Es geht in diesem Verein wahrscheinlich ungefähr genau so zu, wie wir das als Zuschauer zu sehen bekommen. Aber wie wir es als Zuschauer sehen – was uns auffällt, was wir in Erinnerung behalten, was uns amüsiert – darauf haben die Macherinnen und Macher keinen Einfluss. Denn dass jemand wie ich „Behind The Legend“ gut findet (und wofür ich es gut finde), das kann der FC Bayern nicht gewollt haben.

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