Timing ist keine Stadt in China

Und Bad Timing kein Kurort in China - aber spielt beides vielleicht eine nicht zu unterschätzende Rolle, wenn man mit einer Serie anfängt?

Kennen Sie „Tiger King“? Blöde Frage, ich weiß. Schließlich haben Sie einen Newsletter zum Thema Fernsehen abonniert, ich muss eigentlich davon ausgehen, dass Sie „Tiger King“ kennen, zumindest schon einmal davon gehört haben, deshalb formuliere ich die Frage anders: Haben Sie „Tiger King“ gesehen? Die erste Staffel? Vielleicht sogar schon mit der zweiten angefangen, die seit Mittwoch auf Netflix zur Verfügung steht?

Mich würde Ihre Antwort wirklich interessieren, denn ich möchte gerne herausfinden, ob ich bescheuert bin. Nee, halt, das klingt zu hart, nochmal: Ich glaube, ich habe eine Art von Defekt, vielleicht ist es auch eine Schrulle, das wurde mir aber erst jetzt so richtig klar, wegen „Tiger King“. Ich erkläre das mal kurz:

Von diesem Newsletter kann ich nicht leben, zu wenig Menschen zahlen dafür Geld. Das ist aber in Ordnung, denn ich bin gemeinsam mit Hadnet Tesfai Gastgeber des Podcasts „Netflixwoche“, in dem wir jeden Donnerstag über Filme und Serien sprechen, die auf Netflix laufen. Dafür werde ich bezahlt, aber wenn ich etwas richtig schlimm finde, dann darf ich das in dem Podcast auch sagen, „Squid Game“ zum Beispiel fand ich richtig schlimm, mein Honorar habe ich trotzdem bekommen. In der Podcast-Folge von dieser Woche sprechen wir unter anderem über „Tiger King“, Gesprächsgast bei uns im Studio war Simon Gosejohann, wie ich übrigens ein Kind aus Ostwestfalen, aber das tut hier jetzt nichts zur Sache.

Jedenfalls: Ich bereite mich auf jede Aufzeichnung akribisch vor, ich schaue mir alles an, was wir besprechen, und als es hieß, dass wir über „Tiger King“ sprechen werden, stand ich doof da, denn ich hatte keine einzige Folge davon gesehen. Das hat mit dem Defekt, mit der Schrulle, zu tun. Wenn ich nicht der Erste bin, der etwas gut findet, dann will ich damit nichts zu tun haben. Verstehen Sie, was ich meine?

Als im vergangenen Jahr, es war März, kurz vor dem ersten Lockdown, die erste Staffel von „Tiger King“ anlief, hatte ich zunächst anderes zu tun. Ich hatte gerade bim ZEITmagazin aufgehört und arbeitete mit Sophie Passmann an unserem Podcast „Jubel & Krawall“. Ich hatte Glück, ich hatte zu tun, ich konnte fast alles von zu Hause erledigen. „Tiger King“ interessierte mich nicht sonderlich, ich nahm es zur Kenntnis, mehr nicht. Dann ging es aber los: Freunde und Bekannte schrieben mir, wie großartig diese Doku-Serie sei, sensationell, Donnerwetter, ich hätte die ja bestimmt auch gesehen. Das ist der entscheidende Moment. Der Moment, in dem etwas in mir beschließt, „Tiger King“ in gar keinem Fall zu schauen, nicht ums Verrecken. Es ist ein bisschen so, als würde sich etwas in mir sträuben, nicht als erster etwas zu entdecken und es gut zu finden. Ich will aber auch nicht etwas empfohlen bekommen, und es dann schlecht finden – das wirkt schnell arrogant. Deshalb entziehe ich mich dieser Diskussion und tue so, als würde es in meinem Leben, in meiner Welt, keinen „Tiger King“ geben.

Ein anderes Beispiel: Als vor über 25 Jahren der Film „Pulp Fiction“ in die Kinos kam, waren alle um mich herum komplett aus dem Häuschen. Ich ging damals in die Oberstufe, es war kurz vor dem Abitur, der Ort war Ostwestfalen. Weil ich mich damals für sehr weltläufig und smart und belesen hielt und mich so gar nicht ostwestfälisch fühlte (Simon Gosejohann wird wissen, was ich damit meine), verletzte es mich zutiefst, dass alle diesen Film vor mir kannten und ihn für ein Meisterwerk hielten. Also schlich ich mich irgendwann in das Programmkino, in dem „Pulp Fiction“ bereits seit Wochen hielt, schaute mir den Film an und fand alles falsch und dumm und grauenhaft. Mit diesem Tag begann meine tiefe Abneigung gegen das Werk von Quentin Tarantino und ich sehe mich nicht im Stande, mein Urteil über diesen Regisseur und seine Filme zu revidieren.

Es gibt in dieser ganzen Angelegenheit auch noch einen Nebendefekt: Ich neige manchmal dazu, etwas aus Prinzip gut zu finden, was ein Großteil meiner Freunde und Bekannten schlecht findet. Vor zehn Jahren, ich glaube, das habe ich vor einigen Wochen in diesem Newsletter in einem Nebensatz erwähnt, erzählte ich jedem, dass Florian Silbereisen mit irre vielen Talenten gesegnet, aber leider dazu verdammt sei, dauernd irgendwelche Schlagersendungen zu moderieren. Aber als Entertainer – so meine These – gäbe es keinen besseren. Über den Fußballer Andreas Möller habe ich in den neunziger Jahren übrigens ganz ähnlich geredet.

Zurück zu „Tiger King“. Ich habe mir in den vergangenen Tagen fast alles angeschaut, erste Staffel, paar Folgen der zweiten Staffel. Und ich sag mal so: Ich hab schon Schlimmeres gesehen (zum Beispiel „Pulp Fiction“), und ich hab schon Besseres gesehen. Aber eine Frage umtreibt mich dabei: Wie würde ich „Tiger King“ finden, wenn ich einer der ersten gewesen wäre, der diese Serie entdeckt hat, Tage, Wochen, bevor meine Freunde und Bekannten und die restlichen 64 Millionen Menschen sich darauf gestürzt haben wie ein Impfgegner auf gefälschte Statistiken? Ich werde das nie erfahren, so wie ich nie erfahren werde, was aus Florian Silbereisen geworden wäre, wenn sie ihm damals „Wetten, dass...?“ gegeben hätten.

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