Wer wir waren, wie wir waren

Warum „Cobra Kai“ gar nicht mal so gut ist und trotzdem die beste Serie zurzeit

Am Donnerstag starb der Regisseur Peter Bogdanovich, und natürlich zeigten sie im Fernsehen weder sein Meisterwerk „Die letzte Vorstellung“ noch seine anderen Meisterwerke „Is was, Doc?“ oder „Paper Moon“. Auf RTL lief ab 20 Uhr 15 fast vier Stunden lang eine Sonderausgabe von „Wer wird Millionär?“, bei dem die Kandidat*innen drei anstatt einer Million Euro gewinnen konnten. Auf Sat. 1 zeigten sie ein so genanntes Infotainment-Format, in dem unter anderem die irre Erkenntnis vermittelt wurde, dass es unterschiedliche Schlaftypen gibt, nämlich Lerchen, Eulen und Tauben. Auf Pro7 gab es eine Art Spin-off von „Masked Singer“ mit dem Namen „Masked Dancer“, aber man hätte das auch „Maked Rumsteher“ oder „Masked Langweiler“ nennen können, denn gedanced wurde da nur rudimentär.

Das Fernsehen wollte sich also nicht an Peter Bogdanovich erinnern, den Job übernahmen dankenswerterweise die Kolleg*innen vom SZ-Magazin, für die der Mann vor zwanzig Jahren sehr lange Interviews geführt hatte, unter anderem mit Lauren Bacall und mit Jerry Lewis. Die Interviews sind online verfügbar und sie zu lesen, ist eine große Freude, vor allem das Gespräch mit Lewis, in dem es vor allem um seine Freundschaft mit Dean Martin geht und darum, wie viel sich die beiden zu verdanken haben, weil sie sich am Anfang ihrer Karrieren gefunden hatten. Und ich erinnere mich, dass es mal eine Zeit gab, da zeigte die ARD sonntagnachmittags die Filme von Lewis und Martin. Ich war sieben oder acht Jahre alt und wusste nicht, worüber ich da staunte. Und auch heute weiß ich manchmal nicht, warum mich etwas, was ich im Fernsehen sehe, berührt – und manches überhaupt nicht.

Die Netflix-Serie „Cobra Kai“ zum Beispiel berührt mich immens – trotz all ihrer Schwächen. Die Handlung ist vorhersehbar, die Schauspieler sind in ihren Fähigkeiten limitiert, die Dialoge holpern mitunter vor sich hin. Dennoch habe ich mir die vierte Staffel, die seit Silvester verfügbar ist, in einem Rutsch angeschaut. Warum?

https://youtu.be/mTnPHZemczI

„Cobra Kai“ erzählt die Geschichte der drei Karate-Kid-Filme aus den 80er Jahren weiter. Die Charaktere sind alt geworden, der vermeintliche Antagonist Johnny (es gibt ein sehr gutes Youtube-Video, das beweist, dass er im ersten Karate-Kid-Film eben nicht der Antagonist ist), hat sein Leben nach dem Kampf gegen Daniel nie in den Griff bekommen – Daniel hingegen besitzt ein Autohaus und hat es zu Wohlstand gebracht. Es geht in der Serie um diese alte Rivalität, es geht um Karate, es geht um Teenager und wie sie versuchen, ihren Platz in dieser Welt zu finden. Aber vor allem geht es darum, Menschen in meinem Alter das Gefühl einer kollektiven Erinnerung zu schenken. Ich war elf oder zwölf, als ich die ersten beiden Karate-Kid-Filme gesehen habe, meine Mutter brachte sie aus einer Videothek mit. Zunächst mochte ich die Rocky-artige Geschichte (der Regisseur des ersten Karate Kid drehte auch den ersten Rocky-Film), aber ich glaube, das etwas anderes tiefer in mich einsickerte, aber das wurde mir erst jetzt klar, und zwar immer dann, wenn in der Serie „Cobra Kai“ das Wort „Valley“ fiel.

Dort, im San Fernando Valley, spielt die Serie, dort spielten auch die Filme, und irgendwie fand alles in den 80er Jahren, als mich Filme und das Fernsehen begannen zu prägen, in diesem Valley statt. Es war vielleicht mein erster Sehnsuchtsort – die Gegend um Los Angeles, da, wo alles passierte.

„E.T.“ – der Film, der mich zum ersten Mal erschütterte, spielte im Valley, aber das wusste ich damals nicht, es war die Landschaft, das Licht, die Architektur, die Kleidung der Menschen, die BMX-Räder, die Spinde in den High-Schools, die Turnschuhe und die Küchen, die zusammengenommen eine Art von Sehnsuchtsort ergaben, an dem alle Hoffnungen und alle Träume größer und schöner zu sein schienen als in der ostwestfälischen Provinz. Im Grunde genommen verortete ich alle Filme, die mir damals etwas bedeuteten, ins „Valley“ ein, obwohl das natürlich großer Unsinn ist. „Die Goonies“ zum Beispiel erlebten für mich ihr Abenteuer im „Valley“, nur bei schlechterem Wetter, dabei wurde der Film in Astoria, Oregon, gedreht. Etwas später, als ich dachte, dass mich Filme wie „Breakfast Club“ oder „Ist sie nicht wunderbar“ auf das Erwachsenwerden vorbereiten würden, verortete ich das Geschehen immer automatisch ins „Valley“. Denn nur da konnte all das passieren – New York war der Ort für ältere Leute, nach New York kam ich später.

In meiner Erinnerung habe ich große Teil meiner Kindheit und Jugend im „Valley“ verbracht. Da habe ich mich zum ersten Mal verknallt, da hatte ich zum ersten Mal Liebeskummer. Da bin ich BMX-Rad gefahren und habe Karate gelernt. Ich hatte Freunde im Valley. In „Cobra Kai“ habe ich sie endlich wieder gesehen, und ich verspüre ein klein wenig Neid darüber, dass sie das „Valley“ nie verlassen haben.

Oder dass sie zurückkommen konnten: Im ersten Karate-Kid-Film spielte Elisabeth Shue Ali Mills, sie war mit Johnny zusammen und verließ ihn für Daniel. Johnny ist über diese Trennung nie hinweggekommen und in der vorletzten Episode der dritten Staffel, gibt es ein Wiedersehen. „Feel The Night“ heißt die Folge und sie ist das Meisterwerk der Serie, denn es geht um mehr, als eine 80er-Jahre-Erinnerung oder darum, den Fans der Filme einen Gefallen zu tun. Es geht darum, wer wir waren, wie wir waren, es geht um unsere Fehler und um die Erkenntnis, dass man sie nie wieder gut machen kann. Fast küssen sich Ali und Johnny in dieser Folge, aber die Macher*innen waren schlau genug, dass sie es eben nicht tun. Dinge, die im Valley passiert sind, bleiben im Valley – aber wir haben „Cobra Kai“, damit wir uns an sie erinnern können.

https://open.spotify.com/track/1feLODy7BXa0tjkHJ2fOeQ?si=e9138c34e27344dd

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