Melodien für Millionen

Das dreckige Funkeln und Glitzern der Show „Schlagerboom 2021“ in der ARD

Wenn man das Fernsehen liebt, dann muss man sich hin und wieder Sachen anschauen, die diese Liebe nicht gerade fördern, sondern die eigentlich dieser Liebe eigentlich im Wege stehen, sie manchmal sogar unmöglich macht. Menschen, die Malerei lieben, müssen sich doch bestimmt auch mal hässliche Bilder anschauen, und man kann mit Sicherheit nicht ausschließlich sehr gut essen, wenn man ein Feinschmecker ist.

Jedenfalls habe ich mir vergangenen Samstagabend in der ARD die Live-Sendung „Schlagerboom 2021“ angeschaut, moderiert von Florian Silbereisen. Vor zehn Jahren wurde ich nicht müde zu behaupten, dass Silbereisen das größte Moderationstalent im deutschen Fernsehen sei – einer, der alles kann: moderieren, singen, tanzen, musizieren, schauspielern. Ich dachte damals: Man müsse ihm nur mal eine gute Show geben – dann könnte er zeigen, was in ihm steckt. In meinem Wahn war ich drauf und dran, ein Porträt über ihn zu schreiben. Ich wollte Silbereisen treffen, ihn begleiten, mit ihm reden. Ich wollte, dass er meinen Glauben an ihn bestätigt.

Ich habe Florian Silbereisen nie getroffen. Und bis zum vergangenen Samstag habe ich ihn auch lange nicht im Fernsehen gesehen. Und was soll ich sagen? Es wäre besser gewesen, wenn ich Samstag ein Buch gelesen oder mir ein schönes Bild angeschaut hätte. Oder ich wäre lecker essen gegangen – aber stattdessen saß ich vor dem Fernseher und konnte mich über drei Stunden nicht mehr bewegen.

Wissen Sie, wie viele Leute sich genau wie ich „Schlagerboom 2021“ angeschaut haben? Nein? Schätzen Sie mal? Es waren 5,26 Millionen Zuschauer. Das entspricht einem Marktanteil von 20,3 Prozent. Ein Fünftel aller Menschen, die Samstag Abend den Fernseher angemacht haben, sahen die Show, die den Untertitel trug „Alles funkelt, alles glitzert“. Trotz Krimi in der ARD. Trotz „Masked Singer“ auf Pro 7. Trotz „Supertalent“ bei RTL.

Ich halte ja nichts von diesem Gerede darüber, dass ja eigentlich kein Mensch mehr Fernsehen schauen würde, jedenfalls nicht klassisch, also ARD, ZDF, RTL – solche Sachen. Statistisch gesehen steht in jedem deutschen Haushalt mindestens ein Fernseher, ich weiß gar nicht, warum so viele denken, alle würden immer nur auf ihren Laptops YouTube-Videos schauen oder „Squid Game“ auf Netflix oder „LOL“ auf Amazon Prime. Die Menschen schauen sich den „Tatort“ an und Markus Lanz und sehr viele halt auch „Schlagerboom 2021“ (alles funkelt, alles glitzert).

Es wäre zu einfach und auch zu billig, wenn ich jetzt einfach mal davon ausgehe, dass diese Menschen, die sich das anschauen, allesamt bescheuert sind. Oder sehr alt. Oder dass sie die „Tagesschau“ geschaut haben, dann ins Kino gegangen sind (Dune) und leider vergessen haben, den Fernseher auszuschalten. Ich glaube außerdem nicht, dass sich ein Großteil der 5,26 Millionen Menschen die Show „ironisch“ angeschaut haben (weil man gar nicht ironisch fernschauen kann, darüber habe ich aber bereits in einer anderen Newsletter-Episode geschrieben). Ich glaube, dass sich die meisten Menschen gerne „Schlagerboom 2021“ angeschaut haben, dass sie sich dabei gut unterhalten gefühlt haben. Und ich möchte all diese Menschen ungern beleidigen.

Eigentlich möchte ich auch nicht die Macherinnen und Macher von „Schlagerboom 2021“ beleidigen, denn unter handwerklichen Gesichtspunkten war das eine sehr gute gemachte Show und unter den Maßgaben von Einschaltquoten sehr erfolgreich. Aber es hilft ja alles nicht: Das war schon sehr, sehr schlechtes Fernsehen – und zwar in allen Bereichen.

Irgendwann trat der Komiker Bülent Ceylan auf – überhaupt hat die Sendung eine interessante Verbindung zwischen Schlager und deutschem Humor hergestellt: Didi Hallervorden hat ein unglaublich schlechtes Lied, in dem es vor allem darum ging, was für ein wunderbarer Mann Didi Hallervorden ist. Otto Waalkes ist kurz aufgetreten mit einer Nummer, die er auch bei „Schlagerboom 1994“ hätte machen können. Und Hape Kerkeling singt jetzt auch irgendwelche egalen Lieder - und zwar als Hape Kerkeling. Ohne Augenzwinkern.

Jedenfalls war Bülent Ceylan auch da, der sich jahrelang Mühe gegeben hat, als Rocker zu wirken und seine langen Haare durch die Gegend zu wirbeln. Ceylan hat es geschafft, dass sich sein Publikum schon wegschmeißt, wenn er nur „MANNNNNHEEEEM“ brüllt – diesmal brüllte er auch. Und zwar: „Corona ist vorbei!“ Das Publikum in der Dortmunder Westfalenhalle rastete aus.

Nur ist Corona nicht vorbei und das Publikum hätte das genau so wie Bülent Ceylan wissen können, denn in der Halle galt auf, neben und hinter der Bühne 2G. Auch Silbereisen, der neben Ceylan stand, wollte nicht die gute Stimmung vermiesen und darauf hinweisen, dass Corona ja nun wirklich nicht vorbei sei und so eine Sendung nur deshalb möglich ist, weil man sich penibel an die Aufklagen und Regeln hält.

Überhaupt beschränkte sich Silbereisen bei seiner Moderation drauf, dass alles ja endlich wieder normal sei; dass man endlich wieder gemeinsam feiern; dass man endlich wieder zusammen kommen kann; dass man ja viel zu lange, viel zu traurig gewesen war. Es war, als wolle Silbereisen mit dieser Show gleich mal eine Art deutschen „Freedom Day“ ausrufen, was angesichts der steigenden Infektionszahlen mehr als zweifelhaft wäre. Das Problem ist nur, dass sich das alles eben über 5 Millionen Menschen angeschaut haben – die mit Sicherheit weder den Verstand verloren haben, noch in der Mehrheit Corona-Leugner, Querdenker oder Impfgegner sind. Aber die dennoch das Gefühl haben könnten, dass ja das Schlimmste hinter und liegt, dass man wieder ausgehen und tanzen und singen und wildfremde Menschen umarmen kann, weil das ja früher auch schon furchtbar war. Und dieses Gefühl war das, was der „Schlagerboom 2021“ über drei Stunden erzeugt hat und um in diesem launigen Newsletter einmal moralisch zu werden: So kann man das nicht machen, das ist verantwortungslos, es ist grundfalsch.

Abgesehen davon behauptete Howard Carpendale in einem Lied: „Dem, dem du gehörst, zudem gehörst du nicht“, Roland Kaiser sang den Elvis-Song „In The Ghetto“, begleitet von einem Gospel-Chor, und Andreas Gabalier war auch da.

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