Kann man nostalgisch fernsehschauen?

Samstag „Wetten, dass...?“, Mittwoch „TV Total“, Donnerstag die Analyse - bitteschön:

Im Jahr 1995 erschien das Album „Maxinquaye“ des britischen Musikers Tricky. Was Tricky da ablieferte, hatte man so noch nicht gehört, wahrscheinlich handelte es sich um das erste Meisterwerk des Genres „Trip-Hop“, obwohl Tricky mit dieser Bezeichnung nie etwas anfangen konnte.

https://open.spotify.com/track/3PEdbkPDoXq7hlhizlFehI

Jetzt heißt dieser Newsletter natürlich nicht „Auf dem Plattenteller“, sondern „Auf dem Schirm“, aber es gibt ein Lied auf Maxinquaye, das habe ich damals die ganze Zeit gehört, und in dieser Woche wieder. Es heißt „Brand New, You’re Retro“. Tricky ist nie bei „Wetten, dass...?“ aufgetreten. Die musikalischen Gäste im Jahr 1995 hießen unter anderem Rod Stewart, Cher, Die Doofen und Gianna Nannini. Es hätte niemanden gewundert, wenn die auch am vergangenen Samstag zu Gast gewesen wären, als „Wetten, dass...?“ im ZDF lief. Mit Thomas Gottschalk und Michelle Hunziker und Helene Fischer und Abba und Udo Lindenberg.

13,8 Millionen Menschen haben sich das angeschaut – so viele willen selbst den Tatort aus Münster nur in Ausnahmefällen einschalten. Was haben diese Menschen gesehen? Vor allem einen altgewordenen Thomas Gottschalk, dem man mit dieser Show vielleicht am wenigsten einen Gefallen getan hat. Vor fast einem Jahr, als Gottschalk eine Ausgabe der Joko-Winterscheidt-Sendung „Wer stiehlt mir die Show?“ moderieren durfte, habe ich mich auf zeit.de vor Begeisterung überschlagen und eine Hymne auf den Mann geschrieben. Am Samstag saß ich vor dem Fernseher und habe mich gefragt, was in den vergangenen zwölf Monaten passiert sein musste, denn nichts von dem, wofür ich Gottschalk gelobt hatte, konnte er abrufen.

Er war ja nie sonderlich vorbereitet, wenn er „Wetten, dass...?“ moderierte, aber er war immer in der Lage, seine Orientierungslosigkeit mit Charme und Witz aufzufangen. In dieser Lage war Gottschalk am Samstag nicht, und wahrscheinlich wird er es auch nicht mehr sein. Durch die Show geführt hat tatsächlich Michelle Hunziker, die zu jeder Zeit wusste, was wie wo passiert und wahrscheinlich sogar die Namen der Partner der Kameramänner und Kamerafrauen kannte. Zu oft musste Hunziker Gottschalk beispringen, wenn er leicht desorientiert vor dem Sofa stand und nicht wusste, was von ihm verlangt wurde. Und vielleicht liegt der Unterschied zwischen seiner Leistung in „Wetten, dass...?“ und seiner Leistung in „Wer stiehlt mir die Show?“ nicht so sehr in den Monaten, die dazwischen liegen, sondern daran, dass am Samstag alles live war und vor einem Jahr alles aufgezeichnet wurde. Möglicherweise ist Gottschalk das Spontane abhandengekommen, vielleicht braucht er mittlerweile mehrere Anläufe für eine gelungene Moderation, vielleicht muss er diesmal heimlich was in den Ärmel reintun, um es lässig herauszuschütteln.

Andererseits ist es ja nicht so, dass man Gottschalk und „Wetten, dass...?“ in der Vergangenheit ausnahmslos gelobt hätte. Tatsächlich ist das Gegenteil richtig – Kritik gab es bereits an Gottschalks erster „Wetten, dass...?“-Sendung im Jahr 1987, als er die Show von dessen Erfinder Frank Elstner übernahm. Zugegeben: Mit dem Interimsmoderator Wolfgang Lippert und mit dem Zerstörungsmoderator Markus Lanz ging man noch unfreundlicher um (Jan Böhmermann, der immerhin auch eine Ausgabe moderiert hat, wird in der Aufzählung der Wetten-dass-Moderatoren fast immer vergessen - was George Lazenby für 007 ist, ist Böhmermann für diese Show), aber es ist beileibe nicht so, dass man Gottschalk für seine Leistungen jahrelang mit Lob überschüttet hätte. Daher passen die Kritiken vom vergangenen Samstag durchaus ins Bild, obwohl man beim ZDF tatsächlich darüber nachdenken sollte, ob er noch der richtige für den Job wäre, wenn die Show tatsächlich einmal im Jahr ausgestrahlt werden sollte. Warum übernimmt ab hier nicht einfach Michelle Hunziker, die am Samstag eh durch die Sendung geführt hat?

Aber sollte das ZDF „Wetten, dass...?“ dauerhaft wiederbeleben? Ich denke ja. Es gibt schlimmeres im deutschen Fernsehen – kennen Sie Quiz Shows? Alexander Bommes? Das ZDF sollte es tun, aber aus den richtigen Gründen und nicht aus den falschen. Falsch ist zum Beispiel dieses Lagerfeuer-Gelabere. Fernsehen war und ist nicht etwas, an dem man zusammenkommt, das ist der Esstisch. Und gerade „Wetten, dass...?“ funktionierte nie als kollektives Ereignis. Jeder hatte sein eigenes „Wetten, dass...?“, seine eigenen Erinnerungen an die Show. Denn nur bei „Wetten, dass....?“ formulieren die Zuschauer ihre Erwartungen an die Show – und die können nicht unterschiedlicher sein. Denn das ist die Magie der Sendung: Jeder wünscht sich von ihr etwas anderes und jeder sieht auch etwas anderes. Manche freuen sich auf Udo Lindenberg und auf Werbung für ein Musical. Andere lieben die Wetten. Es gibt welche, die schalten wegen Gottschalk ein, andere wegen eines „Weltstars“, der leider nicht bis zum Ende bleiben kann. Aber egal, welche Erwartungshaltung man hat – irgendwann singen Benny und Björn von Abba mit Helene Fischer den Abba-Hit „SOS“, und diese Minuten sind es, die einzigartig sind im deutschen Fernsehen, alleine dafür lohnt sich all der andere Quatsch (und dafür, wie einer mit einem Bagger Frisbees fängt). Dafür wurden Samstagabendshows erfunden.

https://youtu.be/RrYvpLj1RyY

Aber funktionieren sie heute noch? Oder erleben wir, nach dem „goldenen Zeitalter des Fernsehens“ gerade den Anfang einer neuen Ära, eine, mit dem Namen „Retro-TV“. Oder ist es nur Zufall, dass der Sender Pro7 am Montag, zwei Tage nach „Wetten, dass...?“ ankündigte, dass am Mittwoch plötzlich wieder „TV Total“ läuft?

Wahrscheinlich nicht. Wahrscheinlich hat es eher damit zu tun, dass das lineare Fernsehen in den vergangenen Jahren nicht wirklich kreativ war, wenn es darum ging, Neues zu wagen – seien es Formate oder Moderatorinnen oder Moderatoren. Und die Generation, die mit „Wetten, dass...?“ und „TV Total“ aufgewachsen ist, hat eventuell das Gefühl, für sie werde nichts mehr gemacht: die Serien und Formate, die auf den Streamingplattformen in den vergangenen Jahren rausgeballert wurden, richten sich zunehmend an ein jüngeres Publikum. Menschen über 40 können wenig anfangen mit „Bridgerton“ oder mit „Squid Game“. Sie spüren, dass das nicht für sie ist. Und gleichzeitig erinnern sie sich an ihre eigene Fernsehbiografie, verklären sie in Teilen, und glauben, dass das damals noch Fernsehen für sie war. Und jetzt sind sie dankbar, dass ihre nostalgische Sehnsucht anscheinend befriedigt wird.

Im Falle von „TV Total“ allerdings könnten die Programmverantwortlichen etwas ganz anderes im Sinn haben, als die Sehnsüchte einer älter werdenden Zielgruppe zu befriedigen. Sie programmieren die Show mittwochs um 20 Uhr 15 (in der Regel lief „TV Total“ um 23:15 Uhr) und zeigen im Anschluss „Zervakis und Opdenhövel“. Diese Sendung, von der sich der Sender unendlich viel erhofft hatte, verliert also ihren 20-Uhr-15-Sendeplatz vom Montag (da werden in Zukunft dann die Simpsons laufen) und wird auf Mittwoch, 21 Uhr 20 gelegt (bevor dann, Prognose, Ende des Jahres Schluss sein wird mit diesem Missverständnis). Es ist eine Rückbesinnung auf alte Stärken (obwohl auch „TV Total“ ab 2007 nie mehr über eine Million Zuschauer hatte) und ein Eingeständnis, dass man sich mit der Informationsoffensive vielleicht doch etwas übernommen hat. Eine sehr gute Produktionsfirma reicht eben nicht aus – man braucht auch mehr, als einen ehemaligen Ficki-Ficki-Reporter, der von seinen Werken wie „In 80 Frauen um die Welt“ nichts mehr wissen will, und meint, er könne jetzt relevante Reportagen drehen. Fernsehen ist auch nicht Profifußball – es gelingt selten, wenn ein Sender einem anderen die Talente wegkauft und meint, damit habe man bereits ins Programm investiert. Zervakis und Opdenhövel sind gute Moderatoren – und haben gerade eine unausgegorene Sendung beim falschen Sender.

Der Sender Pro7 bestand jahrelang quasi nur aus Stefan Raab, seinen Ideen und seinen Sendungen. Seit er sich 2015 aus dem Fernsehgeschäft zurückgezogen hat, haben Joko und Klaas diese Rolle teilweise übernommen, aber selbst deren Shows schwächeln. Und weil offenbar kein Geld der Welt Raab wieder VOR die Kamera bringen konnte, produziert der Mann jetzt „TV Total“ - der Moderator ist Sebastian Pufpaff, der auch kein Sendergesicht ist (warum gab man die Sendung nicht Katrin Bauerfeind?). Und Pufpaff wirkte dann am Mittwoch, in seiner ersten „TV Total“-Sendung, eher wie ein Schauspieler, der einen Moderator darstellen will. Das kann gut gehen – wenn man ein guter Schauspieler ist. Christian Ulmen hat, als er noch Sendungen bei MTV moderierte, den Moderator immer nur dargestellt. Pufpaff fehlt aber dieses Talent, alles an ihm ist etwas zu überdreht, zu hochgepitcht, er neigt zum Brüllen. Und man merkt: Es ist nicht seine Show, es ist Raabs Show. Immerhin kann man Gottschalk immer noch zu Gute halten, dass er davon überzeugt ist, dass „Wetten, dass...?“ seine Show sei (obwohl es Elstners Show ist). Lanz und Lippert haben diesen narzisstischen Selbstbetrug nicht hinbekommen.

Es ist schon fast skurril, dass sich die Neuauflage von „TV Total“ vor allem an der Neuauflage von „Wetten, dass...?“ abgearbeitet hat (was am Ende auch nur beweist, dass „TV Total“ im Grunde genommen überflüssig ist). Das nostalgische Fernsehen sucht seine Bezüge nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch in sich selbst; das kann auf Dauer nicht gut gehen. Man kann auch nicht einmal die Woche auf ein Klassentreffen gehen.

Aber was ist jetzt die Erkenntnis aus dieser seltsamen Woche, die aus Versehen oder mit Absicht die Erfindung von Retro-TV gebracht hat? Vielleicht, dass sich das Fernsehen selbst alt macht aus Angst vor der Jugend. Oder aus Angst, die Jugend oder die Gegenwart nicht mehr zu verstehen. Deshalb gibt es diese seltsame Nostalgie, die nichts anderes bedeutet als die Kapitulation des Fernsehens vor der Jugend und der Gegenwart. Die eigentliche Botschaft des Fernsehens in dieser Woche lautet: Alle, die jünger sind als 40, haben wir ohnehin verloren – lasst uns Fernsehen für die ab 40 machen, dann haben wir noch gute 30 Jahre.

Nichts daran ist brandneu. Alles ist retro. Aber eigentlich ist es tot.

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