Palliative Care IST KEINE STERBEBEGLEITUNG! 

TEIL 1 von geplanten 3 Teilen. Irritiert? Reden wir über Palliativversorgung. Darüber, was sie WIRLICH ist.

Was ist Palliative Care?

Viele ÄrztInnen und Pflegende erliegen dem Missverständnis, ein Patient "sei palliativ", wenn ein kuratives (also heilendes) Ziel nicht mehr zu erreichen sei. Als sei Palliative Care die Ultima Ratio, wenn "sonst nix mehr zu reißen ist." DAS IST FALSCH! Sehen wir, welche Definition die WHO 2018 formuliert hat (um die beruflichen Zusändigkeiten gekürzt): "Palliativmedizin/ Palliative Care ist ein Ansatz zur Verbesserung der Lebensqualität von Patienten und ihren Familien, die mit Problemen konfrontiert sind, welche mit einer lebensbedrohlichen Erkrankung einhergehen. Dies geschieht durch Vorbeugen und Lindern von Leiden durch frühzeitige Erkennung, sorgfältige Einschätzung und Behandlung von Schmerzen sowie anderen Problemen körperlicher, psychosozialer und spiritueller Art." 

Das Wort "Palliativ" kommt ursprünglich aus dem lateinischen (palliare), bedeutet "ummanteln" und das trifft den Kern auch ganz gut. Palliative Care ummantelt. Sie schirmt den Erkrankten (und sein soziales Umfeld) vor dem Symptomdruck seiner Erkrankung mit dem Ziel ab, ein individuelles Maximum an Lebensqualität zu erreichen. Natürlich beinhaltet das auch die Begleitung in den letzten Lebensphasen. Doch Palliative Care darauf zu reduzieren ist, als würde man die Tätigkeit eines Journalisten auf die Publikation reduzieren. Natürlich kommt sie unweigerlich auf einen zu, aber der Weg dahin ist nicht weniger Journalistische Arbeit. Was dem Journalisten sein Artikel, ist der Palliativversorgung die Begleitung in der letzten Lebensphase, dem Sterben. Hier reden wir nicht mehr von Ummantelnder Versorgung (Palliative Care), sondern von Versorgung am Ende des Lebens. Die End-Of-Life-Care.

Palliativ/ Kurativ - Wirklich ein Widerspruch?

Ewig im Gedächtnis bleiben wird mir eine pflegerische Kollegin, die nicht verstand, wie ich im Zimmer einer sterbenden Patienten so viel Zeit verbringen könne - der Frau wäre doch eh nicht mehr zu helfen, warum also so viel Arbeit? Nicht WARUM. Sondern WEIL!

Palliative Care setzt in dem Moment ein, in dem der Patient - unabhängig von seinem Therapieziel - eine für ihn schwere, existenzbedrohende Diagnose, z.Bsp. eine Leukämie erhält. Sie verfolgt das Ziel, ihn bestmöglich vom Leid deiner Erkrankung abzuschirmen. Die Entscheidung ist nicht "kurativ", oder "palliativ". Es geht beides zusammen einen gemeinsamen Weg - so lange, bis das kurative Ziel von Patient, Erkrankungen, oder auf ärztl. Anraten aufgegeben wird und das palliative Ziel für sich allein weiter besteht.

Frage dich einmal selbst - Was würdest du in einem Moment einer schweren Diagnose wollen? Was würdest du fühlen? Vermutlich wäre, nach dem ersten Schockmoment, dein hauptsächlicher Wunsch die Behandlung und die Heilung. Doch was willst du wirklich?

Warum und wofür willst du geheilt werden? Ein persönliches Beispiel: Ich würde mich wieder gesund fühlen wollen, ans Meer fahren, salzige Seeluft auf meiner Haut spüren, den Duft einer Tasse Kaffee in einem Strandcafé. Möwen kreischen, das Meer rauscht, ich spüre den Wind in meinem Haar. Meine Frau an meiner Hand, meinen Sohn an der anderen. Also möchte ich für eine Wiedererlangung von Lebensqualität geheilt werden. Dafür wäre ich auch bereit, kurzfristige Verluste an Lebensqualität hinzunehmen. Haarverlust durch die Chemo, Übelkeit, Erschöpfung, Infektionen, Fieber. Grundsätzlich jedoch möchte ich mit meiner Heilung meine Lebensqualität wieder erlangen.

Irgendwann kommen Menschen jedoch an den Punkt, an dem sie möglicherweise NICHT mehr bereit sind, den für ein kuratives Ziel benötigten Preis an Lebensqualität zu zahlen. An genau diesem Punkt verlassen Palliativ- und Kurativversorgung ihre siamesische Verbindung. Wann dieser Punkt allerdings erreicht ist, ist bei jedem Menschen unterschiedlich. Manche entschließen sich mit der Diagnose dafür, ihre Erkrankung nicht heilen zu lassen und sie dafür möglichst lange "stabil zu halten". In dem Wissen, dass sie früher, oder später daran versterben werden, doch ebenfalls in der Gewissheit, keine Ressourcen in eine Behandlung zu investieren, die ihnen möglicherweise mehr kostet, als bringt. Für Andere kommt dieser Punkt im Laufe der kurativen Therapie, wenn das Maß an Komplikationen und Rückschlägen das Maß dessen übersteigt, was sie bereit sind "auszuhalten". Wieder andere Erkrankungen sind mit Diagnosestellung "palliativ" - ALS zum Beispiel - die neurodegenerative Erkrankung, an der Stephen Hawking verstarb. Erkrankungen, für die es keine Heilungsoption gibt, bedeuten keinesfalls, das man bereits mit Diagnosestellung im Sterben läge. Doch Palliative Care begleitet einen Patienten bis dahin. Bis zum Sterben. Manchmal über Jahre hinweg.

KURATIVES ZIEL IST EIN ZEITPUNKT PALLIATIVES ZIEL EIN ZEITRAUM

Natürlich verändert sich mit der Aufgabe eines Heilungsziels die gesamte Selbstwahrnehmung der Situation. Die Erkrankung schreitet voran - manchmal konstant, manchmal schubweise. Genau hier kann Palliative Care ihre Stärken ausspielen. Die konzentriert sich auf die Behandlung von Schmerzen, Atembeschwerden, Luftnot. Wunden können palliativ versorgt werden, selbst Chemotherapien und chirurgische Eingriffe können vor einem palliativen Hintergrund erfolgen. Nie verbunden mit einer Heilung des Patienten - aber immer mit dem Gedanken, den durch die Erkrankung verursachten Leidensdruck auf Patient, Familie und soziales Gefüge zu lindern.

Warum soll ich einen Lungenkrebs nicht chirurgisch verkleinern, wenn der Patient dann besser Luft bekommt? Die Grenzen sind hier fließend. Abgesehen davon können Palliativ - und Kurativversorgung friedlich koexistieren. Bloß, weil eine Patientin irgendwann an ihrem Brustkrebs versterben wird, kann durchaus die akute Blinddarmentzündung behandelt werden.

Palliative Care lebt von einer laufenden Neueinschätzung der Lebensqualitativen Ziele eines Patienten. Sie gewinnt nicht, wenn es dem Patienten "besser geht." Sie gewinnt, wenn der Patient sagt: "So will ich leben." Oder: "So kann ich sterben." In Teil 2 des Threads wird es sich explizit um mögliche Angriffspunkte palliativer interdisziplinärer Versorgung drehen. Wie lindern wir Ängste? Was tun Pflege und Medizin bei Atemnot? Wie greifen wir bei Übelkeit und Erbrechen ein? In Teil 3 wird es explizit um End-Of-Life-Care gehen. Bis dahin hoffe ich, ich konnte euer Interesse wecken. Danke für's Lesen.

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