Alleingang / 16.10.2020

Ich hab den Kinderwagen reingebracht und meine Jacke und Schuhe schonmal ausgezogen. Du kommst ja gleich hinterher. Spielst nur kurz an der Treppe. Wenn du durch die Haustür kommst, bitte ich dich die Tür zu schließen. Ich höre dich plappern. Ich gehe kurz in die Küche um die Spülmaschine auszumachen und einen Schluck zu trinken. Während ich in die Küche laufe, höre ich dich "Mama" rufen. Ich schmunzle und denke, ich schaue kurz durchs Fenster auf den Hof und gucke was du machst. Ich sehe dich nirgends...naja, du spielst irgendwo...die Stimme in mir sagt: ich höre aber nichts mehr...ich renne raus...mit Handy und Schlüssel in der Hand. Ohne Jacke und in Wollsocken. Die sich draußen auf dem nassen Asphalt mit Wasser vollsaugen. Doch das stört mich nicht. Wie sollte es auch. Ich sehe dich nicht. Ich weiß nicht in welche Richtung ich gehen soll. Was ich tun soll...ich laufe wie eine Bekloppte auf die Straße, spreche die Frau mit ihren Nordic Walking Stöcken an, den Jugendlichen, der sich gleich wieder umdreht, um dich zu suchen. Die Mutter mit Sohn, in deinem Alter, auf dem Arm, nimmt sich Zeit mit mir den Spielplatz abzusuchen. Tochter und Schwiegersohn der 94-jährigen Nachbarin spreche ich in ihrem Auto an, das sie sofort verlassen und die Straße auf und ablaufen, um dich zu finden...meine Tränen laufen schon längst...warum hab ich dich nicht gleich rein gebeten?! Dich gleich hinter dir die Türe zumachen lassen. Warum...du kommst freudestrahlend angerannt mit einem blauen Luftballon in der Hand...

Dein erster und hoffentlich vorerst letzter Alleingang...

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