Liebe Leser:innen,

für die kommende Ausgabe des Finanzmagazins Courage habe ich einen Artikel über die US-Finanzplattform Ellevest geschrieben, die speziell von Frauen für Frauen gemacht ist. Weil Frauen nicht nur unter der Gender Pay Gap leiden, sondern auch unter einer Gender Investment Gap. Sie verdienen weniger Geld, unterbrechen die Karriere häufiger, um für Kinder oder kranke Familienangehörige zu sorgen – und haben entsprechend andere Voraussetzungen, um ihr Geld mit Vermögensanlagen zu vermehren. Im Schnitt werden Frauen aber älter als Männer. Sie müssen ihre ohnehin schon niedrigere Rente also noch auf einen längeren Lebensabend dehnen. 

Ellevest setzt genau bei diesen Ungerechtigkeiten an und gibt Frauen die Möglichkeit, Finanzziele vom Sparplan für Sonderausgaben wie große Urlaube und Autos über langfristige Sparziele (zum Beispiel finanzielle Unterstützung der Kinder während des Studiums) und die eigene Rente zu verfolgen. Ein solches Finanzunternehmen würde ich mir auch für den deutschen Markt wünschen, um ehrlich zu sein.

Auch deshalb, weil die Plattform nicht nur ihre Kund:innen zum Erfolg verhelfen will, sondern auch die Industrie von innen heraus verändern möchte. Dafür nutzt sie das Konzept von ESG-Investments (Environment, Social, Governance-Investitionen) auf besondere Weise: Auch Wunsch der Kund:innen investiert Ellevest das Geld gezielt in Unternehmen, die von Frauen oder LGBTQIA+ Personen geleitet werden oder die sich für Geschlechtergerechtigkeit einsetzen.

Dabei habe ich mich gefragt, wie einfach wir das eigentlich auch in der analogen Welt umsetzen könnten? Also: Wenn wir unser Geld nur Unternehmen geben, die Frauen und LGBTQIA+ Personen Mitbestimmungsrechte und Verantwortung geben oder gleich ganz von ihnen geführt werden?

Dass Frauen und LGBTQIA+ Personen in der Wirtschaft unterrepräsentiert sind, ist kein Geheimnis. Die Allbright Stiftung verfolgt das Thema seit 2011 und kann den aktuellen Status Quo beziffern: Der Frauenanteil in deutschen Vorständen betrug im März dieses Jahres 12,3 Prozent, in Aufsichtsräten sind es immerhin ein Drittel.

Bild: Frauenanteil in den Führungsgremien der Börsenunternehmen in Schweden und Deutschland. Stand jeweils 1. März 2021, Entwicklung seit September 2020 dargestellt in Prozentpunkten. Quelle: https://www.allbright-stiftung.de/fakten

Die Zahl der Aufsichtsratsvorsitzenden lag Anfang 2021 bei 5 Prozent – und richtig dünn wird es bei den CEOs: 3,8 Prozent von ihnen sind Frauen. Leider gibt es keine vergleichbaren Zahlen für die LQBTQIA+ Community. Ich glaube aber, dass ich mich nicht weit aus dem Fenster lehne, wenn ich vermute: Die Zahlen sehen mindestens ähnlich, sehr wahrscheinlich aber sogar schlechter aus.

Ich habe mal genauer hingeschaut bei der Grundversorgung: Wohnen, Mobilität, Finanzen, Gesundheit, Familie/Mutterschaft, Unterhaltung/Reisen. Wie schneiden deutsche Großkonzerne dabei ab, wie viel Verantwortung und Mitbestimmung liegt bei Frauen und LGBTQIA+ Personen?

Weil die Recherche etwas länger geworden ist, teile ich sie auf, damit ihr keine Scrollfinger kriegt. In dieser Ausgabe von TheirStories schaue ich mir die Bereiche Mobilität, Gesundheit und Finanzen an. In der nächsten Ausgabe geht’s um Wohnen, Familie/Mutterschaft und Unterhaltung. Im dritten und letzten Teil geht’s dann um Unternehmen, bei denen LGBTQIA+ Personen und Frauen komplett das Heft in der Hand haben. Wenn ihr dafür Tipps habt, die ich unbedingt aufnehmen sollte, schreibt sie mir an feedback@herstorypod.de.

Übrigens: Wenn ich im Folgenden Unternehmen positiv erwähne, sind das lediglich Ergebnisse meiner Recherchen. Es stellt keine Werbung dar. Ob die von mir zusammengetragenen Informationen eure Konsumentscheidungen beeinflussen, bleibt natürlich ganz allein euch überlassen. Also, los geht’s.

🚘 Mobilität. Na, wie viele Autobauer mit Chefinnen fallen euch ein? Richtig. Das Geschäft mit Pferdestärken ist in Deutschland bis heute ein Boys Club. Weltweit gibt es unter den großen Autobauern eine Ausnahme: Mary Barra ist seit 2014 Chefin von GM.

Aber zurück nach Deutschland. Daimler ist mit der Berufung von Sabine Kohleisen zur Personalvorständin und Arbeitsdirektorin zum Jahreswechsel 2021/22 bald der erste deutsche Autokonzern mit drei Frauen im Vorstand. Tochterunternehmen Mercedes-Benz fördert und vernetzt mit der Initiative „She’s Mercedes“ rund um den Globus Frauen. Außerdem war Daimler Erstunterzeichner der Charta der Vielfalt, veranstaltet seit 2013 den Daimler Diversity Day und setzt sich für Frauen, LGBTQIA+ Personen und Menschen mit Behinderung ein.

BMW hinkt Daimler in Sachen Frauen und LQBTQIA+ Personen in Führungspositionen etwas hinterher, hat mit Personalvorständin Ilka Horstmeier aber immerhin eine Frau im Vorstand. Fürs Engagement für die LGBTQIA+ Community mit dem Netzwerk „BMW Group Pride“ gibt es Pluspunkte.

Im VW-Konzern hält Hiltrud Dorothea Werner aktuell noch den Vorstandssitz für die Bereiche Recht und Integrität. Allerdings wurde vor zwei Wochen bekannt, dass VW ihren Vertrag nicht verlängert und 2022 auslaufen lässt. Werner ist Vorständin für das Ressort Recht und Integrität und hat die Aufarbeitung des Diesel-Skandals im Unternehmen mitbegleitet. Nach Medienberichten muss sie jetzt gehen, weil VW-Chef Herbert Diess offenbar ein persönliches Problem mit ihr hat. Die Wolfsburger gaben sich als Sponsor der Fußball-EM nach außen modern, offen und regenbogenbunt. Nach innen scheinen die Strukturen aber doch verkrustet und altbacken.

Der Vorstand von VW-Tochter Porsche ist wenig überraschend komplett in Männerhand. Bei Audi hingegen übersehen zwei Frauen die Ressorts Personal und Organisation sowie Marketing und Vertrieb.

⚕️Gesundheit. Eine Ärztin zu finden ist in Deutschland kein Problem. Aber wie viel Verantwortung und Mitbestimmung haben LGBTQIA+ Personen und Frauen eigentlich in Krankenhäusern? Nach einer Stichprobe bei drei der bekanntesten deutschen Kliniken lautet meine Antwort: kaum Verantwortung.

Die Asklepios-Kliniken sind fest in der Hand einer fünfköpfigen Männerriege. Die Helios-Kliniken gehören zum Gesundheitskonzern Fresenius. Dort hält Rachel Empey als einzige Frau einen Vorstandsposten, aber immerhin ist sie Finanzvorständin und hat damit eine ziemlich einflussreiche Position inne. Leider ist sie damit die einzige Frau in der Stichprobe. Der vierköpfige Vorstand des Rhön-Klinikums ist komplett männlich.

💶 Finanzen. Die Commerzbank ist grad mitten im Personalumbau und dabei gab es eine schöne Entwicklung: Im Juni ernannte die Bank Managerin Bettina Orlopp zur stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden. 2017 war sie bereits als erste Frau in den Vorstand aufgerückt. Außerdem ist Sabine Schmittroth als Vorständin zuständig für Privat- und Unternehmenskund:innen. Die Commerzbank-Tochter comdirect hat außerdem das Portal Finanzheldinnen aufgebaut und sich damit als erste deutsche Bank mit den Finanzbedürfnissen von Frauen auseinandergesetzt.

Überraschung: Ich verbinde die Deutsche Bank in jüngerer Vergangenheit hauptsächlich mit Skandalen von Zinsmanipulation bis hin zur Verstrickung in Donald Trumps fragwürdige Finanzen. Deshalb war mir nicht bewusst, dass die Deutsche Bank im Corporate Equality Index der Human Rights Campaign seit Jahren Bestnoten bekommt. Offenbar ist das Bankhaus ein Top-Arbeitgeber für Frauen und fördert mit Partnerschaften Vielfalt und Inklusion. Mit Karen Meyer hat außerdem eine offen lesbische Frau den Posten des COO inne.

Ich muss sagen, dass ich solche Ergebnisse beinahe erwartet hatte – einzig Daimler hat mich dann doch positiv überrascht. In der nächsten Ausgabe schauen wir auf die Bereiche Wohnen, Familie/Mutterschaft und Unterhaltung.

Bis dahin viel Freude mit den Lesetipps der heutigen Ausgabe,

Jasmin

Durch Mutterschaft zum Feminismus: Die afroamerikanische Athletin Allyson Felix fügte sich lange in die Erwartungen ihres Sports: Erfolge erkämpfen, professionell mit Medien umgehen, nicht durch politische Statements auffallen. Doch im US-Spitzensport nutzen in jüngerer Vergangenheit immer mehr Athlet:innen ihre Plattform für politisches und soziales Engagement. Für Felix war es die Erfahrung ihrer Schwangerschaft, in der sie und ihre Tochter durch einen Not-Kaiserschnitt gerettet werden mussten: Felix hatte Präeklampsie, von der afroamerikanische Frauen 60 Prozent häufiger betroffen sind als weiße Frauen. Seitdem kämpft sie für schwarze Mütter und Frauen und für die Rechte von Athletinnen. (ZDF) Mit Dank an Simon für die Empfehlung!

Digitale Widerständige: Vor Kurzem deckten Journalist:innen auf, dass die israelische Spionagesoftware Pegasus von Regierungen gezielt eingesetzt wurde, um Aktivist:innen zu überwachen. Wenig überraschend wurde die Software einmal mehr gegen Frauen eingesetzt, die im Internet ohnehin schon häufiger Beleidigungen und Bedrohungen ausgesetzt sind. Hacker stahlen etwa ein Bikinifoto der libanesischen Journalistin Ghada Oueiss, die kritisch über den saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman Al Saud (bekannt als MBS) berichtet, und verbreiteten es im Internet. Einschüchtern lassen wollen sich die betroffenen Frauen trotzdem nicht. (NBC)

Gründerin für Gründerinnen: Ein eigenes Unternehmen zu grünen ist keine leichte Aufgabe. Für Frauen ist es in Ländern wie Ägypten oder Jordanien besonders schwer, weil sie damit aus patriarchalen Strukturen ausbrechen. Die ägyptische Anwältin Hala hat deshalb ein Startup gegründet, das anderen Unternehmensgründerinnen hilft. „Ihr müsst euch klar machen, dass ihr zehnmal stärker seid, als euch irgendwer einreden will.“ (tagesschau)

Solidarität mit marginalisierten Gruppen: Vor der Bundestagswahl hat das queere Berliner Medium Siegessäule Linken-Chefin Susanne Hennig-Wellsow zum Interview gebeten. Sie spricht über eine mögliche Regierungsbeteiligung der Linken, warum sie selbst auf die Spitzenkandidatur verzichtete, warum es eine Umverteilung des Reichtums in der Gesellschaft braucht und warum die Linke für die Grundrechte von Transsexuellen, Intersexuellen und Transgender Menschen eintritt. (siegessäule)

Mit Käse fürs Klima: Miyoko Schinner verkauft seit 2014 ihren selbstgemachten veganen Käse. Was als „Miyoko’s Creamery“ in Kalifornien begann, wird heute in US-Supermärkten verkauft. Aber sie will mehr als nur veganen Käse bekannt machen, sie sieht darin einen Beitrag im Kampf gegen die Klimakrise: Wenn weniger Molkereiprodukte aus tierischer Milch produziert werden, kann der CO2-Abdruck der Industrie gemindert werden. Im Interview spricht die Frau, die sich selbst die „queen of vegan cheese“ nennt, über den Wachstum der veganen Lebensmittelindustrie und wie sie kalifornischen Bauern hilft, von tierischer auf pflanzliche Landwirtschaft umzustellen. (Guardian).

Hör- und TV-Tipps

🎧 Frauen fürs Klima: In den 1850er Jahren entdeckte Eunice Newton Foote als erste die Grundlagen des Treibhausgaseffektes. Wenig überraschend haben die Männer wieder mal nicht hingehört und sich für die Ergebnisse nicht interessiert. Newton Foote setzte sich später auch für das Frauenwahlrecht ein. Die Autorinnen Ayana Elizabeth Johnson und Katharine Wilkinson sehen sie deshalb als eine der ersten Klimafeministinnen. Im Podcast von Climate One sprechen sie darüber, warum wir eine „Feminist Climate Renaissance“ brauchen. (Climate One Rewind)

📺 Haare als Bedrohung: Die iranische Journalistin Masih Alinejad rief eine mächtige Bewegung des sozialen Ungehorsams ins Leben: Iranische Frauen zeigen sich ohne die ihr Kopftuch mit wehenden Haaren – für die männlich und religiös geprägte Gesellschaft im Land ein Affront. Der Dokumentarfilm „Mit wehenden Haaren gegen die Mullahs“ begleitet Masih bei ihrer Arbeit. (arte)

📺 Sprung an die Weltspitze: Für Weitsprung-Athletinnen ist bei Wettkämpfen am Ausland nicht viel mit Sightseeing: eine Stadt zu Fuß zu erkunden macht die Beine müde. Das hab ich auch erst in dieser Doku über Malaika Mihambo gelernt, die deutsche Europa- und Weltmeisterin im Weitsprung. Die Doku begleitet sie auf ihrem Weg zu den Olympischen Spielen. (ARD)

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