Liebe Leser:innen,

am Montag dieser Woche hat das sudanesische Militär die Regierung überworfen, Regierungsmitglieder verhaftet und den sudanesischen Premierminister Abdalla Hamdok unter Hausarrest gestellt. Zuvor war es ihm noch gelungen, die Bürger:innen des Landes dazu aufzurufen, gegen den Putsch zu demonstrieren. Das Militär ging gewaltsam gegen die Demonstrant:innen vor, es gab mehrere Tote. Der Umsturz gefährdet nicht nur den gerade erst mühsam begonnenen demokratischen Prozess im Land, sondern auch die Stabilität in der umliegenden afrikanischen Region. 

Zahlreiche Frauen lehnen sich bei den Protestmärschen gegen das Militär auf. „Gib auf, Burhan“, skandieren sie an Abdel Fattah al-Burhan gerichtet, den Anführer der Putschisten.

Für die Sudanesinnen steht mit dem Coup besonders viel auf dem Spiel: Erst vor zwei Jahren haben sie das Ende des 30-jährigen Regimes von Omar al-Bashir miterzwungen, das sie systematisch unterdrückte.

Bashir hatte ein fundamentalistisches islamisches System etabliert, das Frauen ihre Unabhängigkeit nahm. Sie mussten sich an einen strikten Dresscode halten: Hosen zu tragen oder das Haar nicht vollständig zu bedecken wurde mit Peitschenhieben bestraft. Ohne die Erlaubnis eines Mannes konnten sie weder das Haus verlassen noch arbeiten oder reisen. Mädchen im Sudan droht außerdem die Geschlechtsverstümmelung und sie können schon im Alter von nur 10 Jahren verheiratet werden.

Bei den Protesten gegen Bashir in den Jahren 2018 und 2019 waren 70 Prozent der Demonstrant:innen Frauen. Sie forderten mehr Freiheiten und politische Mitbestimmung. Aufgrund des Engagements der sudanesischen Frauen wird die Revolution 2018/19 auch „The Women’s Revolution“ genannt.

Nachdem Bashir 2019 aus dem Amt gedrängt wurde, sollte eine Übergangsregierung den Weg zu demokratischen Wahlen im Jahr 2023 ebnen. Es gab erste Fortschritte. Der Dresscode wurde aufgehoben, die Genitalbeschneidung von Mädchen unter Strafe gestellt. Unter der 11-köpfigen Übergangsregierung waren zwei Frauen. Die Sudanese Womens Union, eine der stärksten Frauenrechtsorganisationen Afrikas, forderte eine paritätische Aufteilung der Positionen und eine gleichberechtigte Mitwirkung der sudanischen Frauen.

Den Frauen war klar, dass der Weg noch lang war, um patriarchale Strukturen aufzubrechen. Deshalb gingen sie weiter auf die Straße. Im Juli 2021 protestierten sie gegen Gewalt gegen Frauen und verkündeten das „Feminist Manifesto“, das vollständige Gleichberechtigung in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft fordert. 

Nun also sind die Frauen wieder auf der Straße, um einmal mehr für ihre Rechte und ihre Sicherheit zu kämpfen. Sie fürchten um die hart erkämpften Freiheiten und um die Menschenrechte im Land. Ihre Motivation ist klar: „Frauen haben so viel zu verlieren – wir können es uns nicht leisten, Rückschritte zu machen.“ 

Bis zur nächsten Ausgabe, Jasmin

Übrigens: Das ist nicht das erste Mal, das die Frauen eines afrikanischen Landes sich gegen einen Gewaltherrscher erheben. 2003 gingen in Liberia die Marktfrauen auf die Straße, um nach einem unfassbar brutalen 14-jährigen Bürgerkrieg für Frieden zu beten. Sie trugen durch ihr Engagement dazu bei, den damaligen Gewaltherrscher Charles Taylor erst zu Friedensverhandlungen, dann zum Regierungsverzicht zu zwingen. Zwei Jahre später halfen die Frauen des Landes, mit Ellen Johnson Sirleaf die erste demokratisch gewählte Präsidentin an die Spitze des Landes zu heben. Die ganze Story erzähle ich in der aktuellen Folge von HerStory

HerStory und TheirStories sind kostenlos und werbefrei. Wenn ihr dabei mithelfen wollt, freue ich mich über eure Unterstützung.

Im Minenfeld: In nur vier Ländern auf der Welt liegen mehr Landminen als in der Ukraine. Der Konflikt ist beinahe vergessen, für die Menschen vor Ort aber noch immer sehr real und die Gefahr der Minen tödlich: Allein 2014 wurden 700 Menschen durch Minen getötet. Ukrainische Frauen riskieren ihr Leben und helfen beim Räumen der Minen: Um ihren Kindern ein Land zu geben, in dem sie angstfrei spielen und aufwachsen können. (Spiegel)

Graffiti für die Freiheit: Street-Art-Künstler:innen haben in den vergangenen Jahren zahlreiche Murals in Kabul geschaffen, die die Frauen des Landes und ihren Kampf für Freiheit und Gleichberechtigung feierten. Als die Taliban im August in Kabul einrückten, wurden viele der Murals übermalt, die Künstler:innen mussten aus dem Land fliehen. Manche von ihnen leben jetzt in Flüchtlingscamps und schaffen auch dort neue Werke – sie hoffen, dass ihre Arbeit in Afghanistan nicht umsonst war. (The Guardian

Lesben ins Rampenlicht: Élisabeth Chevillet schreibt in ihrem Essay von einer besonderen Form der Diskriminierung lesbischer Frauen in der Gesellschaft: Sie werden unsichtbar gemacht. „Sich weigern, jemanden zu sehen, bedeutet, dessen Existenz zu leugnen“. Chevillet plädiert dafür, sich nicht in eine cis-heteronormative Welt drängen zu lassen und sich mit stolzem Lesbendasein gegen die Unsichtbarmachung aufzulehnen. (queer.de)

Widerstand im Kleinen: Frauen in Iran sollen ihr Haar mit einem Kopftuch bedecken – doch viele legen es nur lose auf den Kopf und lassen vorne Haar herausschauen. Fahrradfahren ist Frauen verboten – trotzdem fahren sie weiter Rad. Frauen in Iran haben ihre eigenen Wege gefunden, sich gegen die Regeln des Systems aufzulehnen. Warum der Widerstand Einzelner noch keine feministische Welle ist und wieso viele Frauen das konservative System weiter stützen, analysiert dieses Stück. (Deine Korri)

Politik ist Kunst: Sally Edelstein nennt sich eine „visuelle Anthropologin“. Sie fertigt Collagen mit Ausschnitten aus unzähligen Werbeanzeigen der vergangenen Jahrzehnte. Edelstein stellt Berichte über den ersten Mann auf dem Mond neben Anzeigen für Reinigungsmittel, mit denen Frauen künftig auch den Mond zu einer sauberen Umgebung machen können. Ihre Collagen beschäftigten sich mit Misogynie und Sexismus, dem Blick auf Frauen im Alter, das Recht auf Abtreibung. (Ms Magazine

Hör- und TV-Tipps

🎧 Queer durch deutsche Geschichte: Phenix K, Florian Prokop und Meili Scheidemann führen Hörer:innen in ihrem Podcast durch die queere Geschichte Deutschlands – immer unterstützt von Gesprächspartner:innen aus der LGBTQ+ Community. In der aktuellen Folge geht es um die Repräsentation und Darstellung queerer Menschen in den Medien. (Queer Story

📺 Eine Anwältin gegen Frauenfeindlichkeit: Mehr als jede dritte Frau in der Türkei erlebt häusliche Gewalt, es gibt eine wachsende Welle an Femiziden. Besonders denen, die dem Missbrauch ihres Partners entfliehen wollen, droht Gewalt: Frauen wie Arzu und Kübra. Nach der Trennung wurden sie von ihren Partnern brutal angegriffen. Die Anwältin Ipek Bozkurt hilft türkischen Frauen, die Scheidung von gewalttätigen Partnern zu erkämpfen und sich ihre Unabhängigkeit zu erobern. TW: Beschreibung von extremer Gewalt gegen Frauen (WDR

📺 „Ich bin nur eine Malerin im Kleid“: Millie ist nach eigener Aussage die einzige transgender Malerin in Texas. Sie lebt im Wohnwagen und streicht als „Paint Wizzard“ die Häuser ihrer Kund:innen an. Sie war verheiratet und hat mit Mitte 50 ein Leben hinter sich, in dem sie ihr Innerstes jahrzehntelang verleugnen musste. Jetzt schert sie sich nicht mehr um die Gedanken anderer und zeigt sich stolz als trans Frau. Achtung: Vergesst alles, was ihr über Arbeitssicherheit wisst, wenn ihr Millie in Flip Flops oder barfuß auf der Leiter bei Malen zuschaut. (The New Yorker

Du kannst HerStory auf Twitter und Instagram folgen.

Wenn du die Arbeit an HerStory und TheirStories für mehr Sichtbarkeit von FLINTAs unterstützen möchtest, kannst auf das auf Steady tun.

Wurde dir dieser Newsletter weitergeleitet? TheirStories bringt dir jeden zweiten Samstag Geschichten rund um FLINTA-Wegbereiter:innen. Hier abonnieren!

Kommentare sind nur für Mitglieder zugänglich. Nimm an der Diskussion teil …