Liebe Leser:innen,

in dieser Ausgabe geht es weiter mit der Mini-Serie zur Mitbestimmung von Frauen und LGBTQIA+ Personen in der deutschen Wirtschaft. Nachdem ich in der vorletzten Ausgabe aus die Industrien Mobilität, Gesundheit und Finanzen geschaut habe, blicke ich diesmal auf die Branchen Wohnen, Familie & Mutterschaft und Unterhaltung & Reise.

🏡 Wohnen. Wer bestimmt in der Wirtschaft über die deutsche Wohnsituation? Bei der Vonovia lenkt Helene von Roeder seit 2018 im vierköpfigen Vorstand als einzige Frau die finanziellen Geschicke des Unternehmens. Der Vorsitz des Vorstands und des Aufsichtsrats obliegt Männern, im zwölfköpfigen Aufsichtsrat sitzen vier Frauen. Das Unternehmen hat sich Diversity als Ziel gesetzt und einen Mindestanteil von Frauen auf das derzeit vorgeschriebene Minimum von 30 Prozent festgelegt. Mindestens eine Frau soll außerdem im Nominierungsausschuss sitzen, der für die Neubesetzung von Aufsichtsratsposten zuständig ist.

Konkurrentin Deutsche Wohnen (der Vonovia gerade ein Übernahmeangebot unterbreitet hat) hat als Vorstand eine Männerclique vorzuweisen und zwei Frauen in den sechsköpfigen Aufsichtsrat berufen. Die Deutsche Wohnen hat ihre Zielgröße für die Frauenquote im Vorstand bis Mitte 2022 auf 16,6 Prozent festgelegt, danach sollen es bis Mitte 2025 20 Prozent sein. In den Erläuterungen des Unternehmens kann man förmlich hören, wie Frauen an die Glasdecke stoßen: Die selbst definierte Zielgröße für die erste Führungsebene unter dem Vorstand liegt bei 20 Prozent und wurde 2020 noch nicht erfüllt. Eine Ebene legte der Konzern eine Quote von 40 Prozent fest – und hatte 2020 tatsächlich schon 41% der Positionen mit Frauen besetzt. Frauen schaffen es weit – doch bei den letzten Schritten gen Ziellinie werden sie bei der Deutsche Wohnen von männlichen Kollegen überholt.

Beim Wohnkonzern LEG Immobilien hält mit Susanne Schröter-Crossan wie bei der Vonovia eine Frau den mächtigen Posten der Finanzvorständin im insgesamt dreiköpfigen Vorstand. Der Aufsichtsrat war bis vor kurzem eine reine Männerriege: erst mit Beschluss der Hauptversammlung im Mai 2021 rückte mit Sylvia Eichelberg die erste Frau in den Vorstand. Ein zaghafter Fortschritt. 2018 landete das Unternehmen noch von 100 börsennotierten deutschen Unternehmen mit Blick auf Frauen im Vorstand und im Aufsichtsrat auf einem der letzten 10 Plätze. Bis 2020 kletterte es dann immerhin auf Platz 52. Vor zwei Jahren unterzeichnete LEG Immobilien die Charta der Vielfalt, die Diversity und Chancengleichheit am Arbeitsplatz fördern soll.

🍼 Familie & Mutterschaft. Wie sieht es bei Babynahrung bis Lotion aus? Beiersdorf hat die Charta der Vielfalt unterschrieben, fördert Geschlechtergerechtigkeit durch Programme wie „enCourage“ und mit Mentoring und fördert Menschen mit Behinderung und ältere Arbeitnehmer:innen. Mitarbeiter:innen haben außerdem das Programm „Be You @Beiersdorf“ auf den Weg gebracht, das LGBTQIA+ Personen am Arbeitsplatz sichtbar macht und sich für Toleranz und Fairness einsetzt. Im sechsköpfigen Vorstand hat Astrid Hermann den mächtigen Posten als Finanzvorständin inne.

Der Schweizer Babynahrungskonzern Hipp verkauft und vermarktet seine Produkte auch auf dem deutschen Markt. Die Geschäftsführung liegt komplett in der Hand der Hipp-Familie: Claus und Paulus Hipp sind geschäftsführende Gesellschafter. Claus Hipp hat die Geschäfte im März dieses Jahre gerade an seine beiden Söhne Stefan und Sebsatian Hipp abgegeben. „und weitere Familienmitglieder“, wie die Website sagt – ich frag mich ja, ob damit u.a. die Frauen in der Familie gemeint sind.

🎵⛱ Unterhaltung & Reise. Zu Reiseveranstaltern kann sich jede:r eine eigene Meinung bilden, fest steht aber der Blick auf den deutschen Branchenriesen Tui fördert Interessantes zu Tage. Während im Vorstand nur einer von sechs Posten weiblich besetzt ist und Sybille Reiß als Personal und Arbeitsdirektorin den Posten innehat, der besonders häufig mit Frauen besetzt wird, sind im 18-köpfigen Aufsichtsrat immerhin 8 Frauen vertreten. Intern hat sich das Reiseunternehmen Diversität und Inklusivität verschrieben – und tritt übrigens auch nach außen mit Initiativen wie Gay Travel als inklusiver Anbieter auf. Tui hat ein Global Employment Statement formuliert und sich damit die Selbstverpflichtung auferlegt, am Arbeitsplatz keine Benachteiligung aufgrund von Geschlecht, Herkunft, Behinderung, Religion oder Alter zu dulden. Ein interner Meldekanal, über den Mitarbeiter:innen Verstöße gegen den Tui-Verhaltenskodex melden können, umfasst auch sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz.

Wesentlich dünner werden die Informationen in der Unternehmensbranche, etwa bei Deutschlands größter Kinokette Cinestar. Das Unternehmen wurde in Lübeck einst vom Ehepaar Hilma und Albert Kieft gegründet – nach dem Ausscheiden der Nachfahr:innen Marlies und Heiner Kieft ist die Führung heute fest in männlicher Hand. Und weil das Unternehmen nicht börsennotiert ist, äußert es sich öffentlich herzlich wenig zu Themen wie Gleichbereichtigung und Diversität.

Bleibt eine zweite Unterhaltungsbranche: Der Buchhandel. Deutschlands größter Anbieter Hugendubel wird inhaber:innengeführt: seit 2003 steht Nina Hugendubel mit ihrem Bruder Maximilian an der Spitze des Unternehmens. Nach eigenen Angaben arbeiten in der oberen Managementebene über 70 Prozent Frauen, außerdem hat das Unternehmen einen sehr hohen (nicht näher bezifferten) Anteil an Mitarbeiter:innen mit Kindern, die in flexiblen Teilzeitmodellen arbeiten können. Nicht zuletzt legt Hugendubel Wert darauf, die Filialen so behindertengerecht wie möglich einzurichten.

Ein erstes Fazit fällt für mich ernüchternd aus: Die meisten Unternehmen scheinen zum Thema Gleichberechtigung in punkto Geschlechtsidentität und Sexualität gerade so viel zu unternehmen, wie es politisch bzw. gesetzlich vorgeschrieben ist. Nach der BCG Gender Diversity Studie 2020 dauert es beim derzeitigen Tempo noch bis zum Jahr 2053, bevor in deutschen Vorständen Geschlechterparität erreicht ist. Wenn die Politik so schwerfällig bleibt und die Unternehmen so bequem, sehe ich persönlich keinen Umbruch voraus. Wie so oft musst die Veränderung von Macher:innen in Eigeninitiative vorangetrieben und der Status Quo auf diese Weise herausgefordert werden.

Deshalb schauen wir in der nächsten Ausgabe im letzten Teil der Miniserie auf Unternehmen, die schon jetzt von Frauen und LGBTQIA+ Personen geführt werden. Wenn ihr Tipps habt, wer unbedingt dabei sein sollte, schickt eure Empfehlungen gern an: feedback@herstorypod.de

Bis zur nächsten Ausgabe! Alles Liebe,

Jasmin

Vordenkerin in Finnland: Wer von uns würde einen einmonatigen Sommerurlaub ausschlagen? Richtig, niemand. Selbst die finnische Premierministerin Sanna Marin nicht – sie hat sich gerade eine einmonatige Auszeit genommen und die Zeit mit ihrer Familie und der dreijährigen Tochter verbracht. Das funktioniert, sagt sie, weil kein Regierungsmitglied als so unersetzbar gilt, dass man keine Vertretung organisieren könne. Weil Pausen vom Job wichtig sind, fordert sie von der Wirtschaft, die Arbeitszeiten für Angestellte bei gleicher Bezahlung zu reduzieren und sie auf diese Weise am steigenden Profiten teilhaben zu lassen. (Bloomberg)

Nicht länger nur „diese Frau“: Der Satz von Bill Clinton „I did not have sexual relations with that woman“ ging in die Geschichte ein – nicht nur, weil der US-Präsident die amerikanische Öffentlichkeit ohne mit der Wimper zu zucken anlog. Sondern auch weil er die junge Frau, mit der er eine Affäre hatte, nicht einmal namentlich erwähnte und durch seine Wortwahl öffentlich abwertete. Monica Lewinksy stand mit Anfang 20 im Zentrum eines der größten Skandale um die US-Präsidentschaft und trägt seitdem an den Folgen: Sie wurde mit PTSD diagnostiziert, versuchte wiederholt vergeblich Fuß zu fassen und war jahrelang finanziell von ihren Eltern abhängig. Seit 2014 erkämpft sie sich die Kontrolle über den Narrativ zurück und ist jetzt sogar Produzentin der Serie „Impeachment“, die den Skandal erzählt – und bei der sie sich selbst nicht schont. (New York Times)

Das neue Leben von Chelsey Manning: Als Whistlerblowerin gab Chelsey Manning Tausende Dokumente an WikiLeaks, darunter ein Video, das den tödlichen Beschuss irakischer Zivilist:innen durch einen amerikanischen Kampfhubschrauber zeigt. Manning wurde verhaftet und bekam eine 35-jährige Gefängnisstrafe. Nach 7 Jahren Haft wurde sie von Barack Obama begnadigt. Manning, die sich in der Haft als transgender outete, entwickelte noch im Militärgefängnis Ideen für ein sichereres Verfahren, um User:innen beim Browsen im Internet Privatsphäre zu garantieren – und berät mit diesem technologischen Wissen jetzt Startups. (Forbes)

Nicht mitgedacht: Dass die Warenwelt für Männer geschaffen ist, ist mittlerweile kein Geheimnis mehr. Von der Größe unserer Smartphones (passen besser in Männerhände) bis hin zur Medizin (eventuelle Auswirkungen der Coronaimpfung auf die Periode wurden nicht getestet) gilt der Mann als Standardmaß. Dass das tödliche Konsequenzen haben kann, zeigt sich auch bei Autos, wenn deren Sicherheit nur mit männlichen Dummys getestet wird. Besonders die USA hinken hinterher, wenn es um ein Update der Sicherheitstests geht. Das Dieser Beitrag wurde von zwei Frauen geschrieben, die bei Frontalkollisionen schwere Verletzungen erlitten. (Fast Company)

Geburtshelferin für Flüchtlinge: Liyatu Ayuba floh vor der Terrorgruppe Boko Haram aus ihrer Region Gwoza. Im Flüchtlingscamp kümmerte sie sich um eine schwangere Frau mit Eklampsie, brachte sie schließlich in ein Krankenhaus. Dort wurde die Frau abgewiesen, weil sie keine Geld für die Behandlung hatte. Die Schwangere und ihr Kind starben. Nach dieser Erfahrung entschloss sich Ayuba zur Selbsthilfe: Sie orientierte sich am Wissen ihrer Großmutter, die jahrelang Geburtshelferin war. Jetzt hat Ayuba diese Rolle angenommen und mehr als 100 Babys von flüchtenden Frauen auf die Welt geholfen. Ihre Klinik lebt von Spenden und kämpft mit der Versorgungsknappheit, die durch die Coronakrise ausgelöst wurde. (The Guardian)

Hör- und TV-Tipps

🎧  Feministische Rechtspolitik: Was hat Gleichstellung mit Demokratie zu tun und warum ist sie ein elementarer Bestandteil des demokratischen Versprechens? Darum geht es in der aktuellen Folge von Justitias Töchter, dem Podcast des Deutschen Juristinnenbundes. Die Juristinnen Dana Valentiner und Selma Gather haben sich Juristin Sina Fontana, Vorsitzende der djb-Kommission Verfassungsrecht, Öffentliches Recht und Gleichstellung eingeladen und sprechen über Machtteilhabe in Politik und Wirtschaft und wie digitale Gewalt und Hate Speech nicht nur Frauen von der Machtteilhabe abhalten, sondern auch die Demokratie als solche gefährden. (Justitias Töchter)

📺  Fenster in eine düstere Zukunft: “Das Leben ist vom Geld und vom Rechnen bestimmt.“ Diesen Satz sagt die 73-jährige Rentnerin Ursula in diesem Dokumentarfilm über Frauenarmut in Deutschland. Das ist keine Wohlfühlreportage, aber ein wichtiger Film. Denn während wir über die Gender Pay Gap mittlerweile offener sprechen, verlieren wir meist aus den Augen, dass nach der Gender Pay Gap die Gender Retirement Gap kommt: Frauen, die häufiger Elternzeit nehmen oder Teilzeit arbeiten, bekommen später empfindlich weniger Rente. Ursula rät jungen Frauen: Auf eigenen Füßen stehen, von niemandem abhängig machen! (NRD)

📺  Die Impfhelferin: Die Südstaaten der USA haben nach wie vor eine niedrigere Impfrate als der Rest des Landes. Dorothy Oliver, Eigentümerin eines General Stores in Panola, Alabama, wo manche Kund:innen mit dem Pferd zum Einkauf kommen. Der kleine Ort ist so weit von der nächsten Stadt entfernt, dass viele ältere und arme Einwohner:innen noch gar keine Impfung gekommen haben. Oliver hat selbst die Initiative ergriffen und arrangiert einen Termin, an dem ein Impfteam nach Panola kommt. Sie ruft ihre Kund:innen an fährt von Tür zu Tür, um Nachbar:innen zu überzeugen, sich impfen zu lassen.  „I felt like I had to do it because the government, nobody does enough in this area.“ (New Yorker)

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