Liebe Leser:innen,

in dieser Ausgabe war Teil 2 meines Blicks auf Frauen in der Wirtschaft geplant, aber dann kam Afghanistan.

Der dramatisch schnelle Vorstoß der Taliban und der gleichzeitig Kollaps der afghanischen Regierung konfrontiert uns mit dramatischen Bildern und Nachrichten. Die Menschenmassen am Flughafen von Kabul, die nichts anderes wollen als in Sicherheit geflogen zu werden. Die Ortskräfte, die mit ausländischen Vertreter:innen zusammengearbeitet haben und nun um eine Evakuierung flehen und bangen. Eltern strecken amerikanischen Soldaten am Flughafen von Kabul verzweifelt  Babies und Kinder entgegen, damit wenigstens sie gerettet werden.

Und die unfassbare Tatsache, dass Frauen über Nacht ihre Freiheiten verlieren. Sie sollen zurück in ein repressives System gezwungen werden, in dem auch das Leben von LGBTQIA+ Personen in Gefahr ist – weil die Taliban nicht akzeptieren, wen sie lieben oder dass sie sich nicht strikt binär identifizieren.

Khalida Popal, die ehemalige Kapitänin des afghanischen Frauenfußballteams, hält sich mittlerweile in Kopenhagen auf und erzählte in einem Reuters-Interview von ihren Gesprächen mit Spielerinnen, die Angst um ihr Leben haben. Popal führt Telefongespräche mit ihnen und bittet sie, zur eigenen Sicherheit ihre Social-Media-Profile und Fotos zu löschen, sogar ihre Trikots zu verbrennen. Bis vor wenigen Tagen waren die Spielerinnen Vorbilder für junge Mädchen und Frauen in Afghanistan. Jetzt ist ihre Zukunft völlig offen und ihr Leben in Gefahr. 

Die Sätze, die Popal spricht, machen fassungslos: „All the pride, the happiness, to be there, to empower women and men of the country is just like it was just wasted. All those achievements, all those dreams just…faded.”

Die Deutsche Welle hat mit einer afghanischen Spielerin gesprochen, die sich nach dem Einmarsch der Taliban versteckt hält. Sie hat aus einem Versteck im Keller einen Hilferuf an die Berliner Initiative „Discover Football“ gesendet. Ihr Name steht jetzt auf einer Evakuierungsliste, die an das Auswärtige Amt geleitet wurde. „Die Taliban akzeptieren keine Frauen. Wie können sie dann eine Frau akzeptieren, die Fußball spielt?“, fragt „Jane“, die zu ihrem Schutz unter Pseudonym interviewt wurde.

Die Taliban versprechen zwar, Frauen bekämen in ihrer Gesellschaft eine aktive Rolle und dürften auch weiterhin studieren und Berufe ausüben – eine Freiheit, die sie sich nach der Vertreibung der Taliban vor zwei Jahrzehnten hart erkämpfen mussten. Obwohl sich die fundamentalistische Gruppe - auch mithilfe einer erschreckend ausgefeilten Social-Media-Strategie - nach außen hin liberaler gibt und um die Akzeptanz westlicher Regierungen werben, halten viele ihre Versprechungen für Worthülsen.

Lynsey Addario hat in den vergangenen zwanzig Jahren dokumentiert, wie sich Frauen aus dem fundamentalistischen Griff der Taliban befreiten und ein selbstbestimmteres Leben erkämpften. Als Fotojournalistin nutzte sie die Tatsache, dass sie als Frau in eben jenen Situationen mit Frauen in Kontakt kommen konnte, zu denen Männer aufgrund der strengen Auslegung des Islam durch die Taliban keinen Zutritt hatten.

Der Satz, der mich aus diesem Artikel verfolgt:

„Women are purchasing the best armour to protect themselves from the Taliban: the veil.”

Wenn ihr helfen wollt, könnt ihr Notfallkontakte teilen und weitergeben. Das Auswärtige Amt hat auf Twitter Kontakte kommuniziert, an die sich gefährdete Afghan:innen wenden können.

https://twitter.com/AuswaertigesAmt/status/1427964911582318602

Ihr könnt eure direkten Volksvertreter:innen kontaktieren – die findet ihr nach kurzer Google-Suche nach eurem Wahlkreis und könnt per Email darum bitten, dass sie sich für Hilfe der Gefährdeten in Afghanistan einsetzen.

Ihr könnt Hilfsorganisationen unterstützen, die sich für die Evakuierung und im Land selbst für die Sicherheit von Frauen einsetzen. Zum Beispiel die Women for Afghan Women.

https://twitter.com/WAWHumanRights/status/1428815788379676672?s=20

Die Ereignisse in Afghanistan sind erschütternd. Unsere Handlungsmöglichkeiten mögen aktuell begrenzt sein. Was wir aber tun können: In unserer Lebenswelt Entscheidungsträger:innen mit zur Verantwortung ziehen. Indem wir politisch mitentscheiden bei der kommenden Bundestagswahl. Welche Kandidat:innen zeigen Empathie mit den Menschen in Afghanistan? Wer spricht sich für die Aufnahme von Flüchtlingen aus? Wer verurteilt das Auftreten der Taliban? Welche Kandidat:innen reflektieren den Einsatz des Westens in Afghanistan kritisch? Wenn solche Fragen unsere Wahlentscheidung mit beeinflussen, können wir die Zeit zwar nicht zurückdrehen. Aber wir können zeigen, dass wir die Menschen in Afghanistan nicht vergessen. Dass uns ihr Schicksal nicht egal ist.

Passt auf euch auf. Alles Liebe, Jasmin

Angst um die Schwestern: Malala Yousafzai wurde 2012 von den Taliban in den Kopf geschossen, weil sie sich für die Bildung von Mädchen einsetzte. Yousafzai überlebte und kämpft bis heute für Frauen- und Kinderrechte, insbesondere für deren Recht auf Bildug. Sie weiß aus unmittelbarer Erfahrung, was die Herrschaft der Taliban für die Frauen in Afghanistan bedeutet. In diesem Gastbeitrag in der New York Times schreibt sie: „Like many women, I fear for my Afghan sisters.“ (New York Times)

Wasser als Frauensache: Die Region Bundelkhand ist eine der trockensten Regionen Indiens. Frauen müssen hier täglich Wasser holen, werden oft von ihren Töchtern begleitet die dadurch der Schule fernbleiben. Um die Wassernot zu bekämpfen, haben sich Hunderte Frauen zu den „Jal Saheli“ zusammengeschlossen: den Wasserfrauen. Die Frauen lernen, Handwasserpumpen selbst zu reparieren, machen Stauseen regenfest und vermitteln Wissen über das Wassersparen mithilfe von Volksliedern, die in der Region Tradition haben. Durch den Zusammenschluss der Frauen in Wasserräten lindern sie Wassernot und bekommen Mitsprache- und Entscheidungsrechte. Die Wasserbewegung ist so auch eine Frauenbewegung geworden. (taz

Offenes Gotteshaus: Alexya Salvador ist die erste transgender Pastorin in Lateinamerika. In ihrer Heimat Brasilien wurden im vergangenen Jahr 185 trans Menschen ermordet, ein trauriger Rekord. Salvador weiß, dass im streng gläubigen Brasilien gerade die Kirche oft kein sicherer Anlaufpunkt für trans Menschen ist – Salvador selbst wandte sich während ihrer Transition zeitweise von der Kirche ab. Seitdem sie zur Kirche zurückgefunden hat, arbeitet sie aktiv an deren Veränderung mit. Sie hat ihr Gotteshaus für trans Menschen geöffnet, hört ihnen zu und hilft mit einem Platz zum Schlafen, einer warmen Mahlzeit oder spirituellem Rat. (The Guardian)

Überschäumend gut: Vitalie Taittinger saß als Kind mit Erntehelfer:innen an einer langen Tafel auf dem Weingut Château de la Marquetterie, um die Weinlese mit ihnen zu feiern. Heute leitet sie das traditionsreiche Weingut, ihr offizieller Titel lautet: Madame la Présidente. Die Weinwelt – die Güter der französischen Champagne sind da keine Ausnahme – war lange eine Männerdomäne. Heute sind Frauen wie Taittinger als Chefinnen erfolgreich und stellen auch immer mehr Kellermeisterinnen ein. Eine Ode an die „femme de champagne“. (Süddeutsche Zeitung)

Ein Platz in der Erinnerung: Im Musikunterricht in der Schule lernen wir, dass Wolfgang Amadeus Mozart vom Wunderkind zu einem der bedeutendsten Komponisten Europas aufstieg. Was wir nicht lernen: Dass seine Schwester Anna Maria Mozart im Kindesalter ebenfalls als musikalisches Genie galt – der Vater aber am Ende nur den Sohn förderte und die Tochter verheiratete. Anna Maria Mozart blieb ein Leben als Komponistin verwehrt, anderen Frauen erkämpften ihn sich und wurden von der Geschichte dennoch vergessen. Die Musiklehrerin Sakira Ventura wollte den unsichtbaren Musikerinnen ein Forum geben und baute deshalb eine interaktive Website, die 530 Komponistinnen aus aller Welt aufführt. (The Guardian) A propos Komponistinnen: Wenn ihr es noch nicht tut, an dieser Stelle große Folgeempfehlung für die Musikwissenschaftlerin @donauschwalbe auf Twitter, die regelmäßig Faszinierendes zu Komponistinnen twittert!

Hör- und TV-Empfehlungen

🎧 Sport ist für alle da: Zwei Tipps aus einem bekannten Feed: Bei Sport Inside ist eigentlich jede Folge ein Highlight, weil sie auf seltener beleuchtete Hintergründe der Sportwelt blicken. Die beiden jüngsten Episoden stechen besonders hervor: Aktuell geht es um die Entwicklung der Paralympics, wie die Spiele den Blick der Gesellschaft auf Menschen mit Behinderung verändern und warum es problematisch ist, dass sich die Paralympics den Olympischen Spielen angleichen. In der Folge davor wird thematisiert, wie intersexuelle Athletinnen im binär geprägten Leistungssport zu Hormontherapien oder Operationen genötigt werden, die die gesunden Sportlerinnen körperlich und emotional schwer geschädigt zurücklässt. (Sport Inside)

📺 Sexismus-Tradigkomödie:Eigentlich ist die ZDF-Sendung eine Dokumentation. Aber wenn der auf Mallorca gestrandete „Dating Coach“ Maximilian Pütz vor der Kamera behauptet, „Ich kann in Deutschland keinen Sexismus in irgendeiner Form erkennen“, muss man schon mal bitter auflachen. Auch die Experimente, wie tief Rollenbilder verankert sind, öffnen noch mal die Augen. Die Dokumentation zeigt: Um Sexismus zu überwinden, ist Sensibilität dafür zwar ein Anfang – aber der Weg bis zum Ende der Benachteiligung ist noch weit. (ZDF)

📺 Inklusive Freundschaft: Ab 2013 begleitete ein Kamerateam sechs Freundinnen aus Berlin durch ihre Pubertät. Lotti, Carlotta, Anna, Paula, Sophie und April navigieren gemeinsam ihre Reifejahre. Schulwechsel und Auslandsjahre beeinflussen die Freundschaft genauso wie ihr besonderes Band zu April, die mit einer Behinderung lebt und einen festen Platz in dieser tollen Mädchenclique hat, die Inklusion selbstverständlich lebt. (WDR)

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