Die leuchtenden Auen

»Ich habe dir gesagt, du sollst dich nicht da oben rumtreiben, hörst du?«

Sein Vater griff ihn mit einer Kraft, wie sie nur ein Anpacker aus Tredenbach haben konnte fest am Oberarm.

»Wie oft muss ich dir das noch einprügeln?«, schrie er ihm mit dem Geruch von Fusel und Räucherspeck einhergehend in das frech grinsende Sommersprossengesicht.

»Gehe niemals zu den Hügeln im Norden! Dahinter liegen die leuchtenden Auen!«

Es flogen zwei deftige Backpfeifen, bevor ihn sein Vater, wüst fluchend über seinen Nichts- nutz von Sohn den Weg hinunter zurück ins Dorf zog.

Jonas war ein Bauernkind aus den kleinen Gemeinden, nördlich von Tredenbach.

Eine größere Stadt hatte er nie von innen gesehen, ebenso wenig wie ein heißes Bad oder ein hübsches Mädchen.

Stattdessen füllte er seinen Tag damit, sich davonzustehlen, wenn sein Vater nach der Feldarbeit, an den alten Apfelbaum gelehnt einschlief, um Schabernack und alle erdenklichen Streiche anzuzetteln.

Er zerschlug Mutters einzige Glasschale über dem Gartenzaun, um mit ihren Scherben Ameisen anzuzünden und stutzte mit Vaters Rasiermesser das Fell der Katze vom Nachbarhof.

Am allerwohlsten fühlte er sich aber, wenn er das Dörrfleisch für den kommenden Sayatan aus der Vorratskammer stahl. Dann hatte er es ganz für sich, um es, geschützt von den hohen Ähren um sich herum, auf dem Feld, in der Sonne liegend zu vertilgen. Geschwister, mit denen er seine Ausbeute vielleicht geteilt hätte, hatte er nicht und ohnehin kümmerte ihn herzlich wenig, was die Anderen von ihm dachten.

»Wenn ich dich da oben nochmal erwische, mach ich dir Feuer unterm Arsch! Ich will dich heute nicht mehr sehen du Taugenichts! Du kriegst heute Abend nichts zu essen!«, maulte sein Vater, warf ihn auf den Schlafzimmerboden und schlug die Tür hinter sich zu.

Jonas legte sich auf die kühlen Dielen unter sich und dachte an damals.

An den Tag, an dem er zum ersten Mal die Lichter gesehen hat, die in mancher Nacht hinter dem Hügel im Norden am Himmel zu erkennen waren.

Glänzende, leuchtende Fäden, die weit über den Hügeln in allen erdenklichen Farben glommen, als würden sie versuchen, das Firmament selbst mit ihrem kalten Feuer zu entzünden. Wie ein schwebender Nebel aus sich kräuselnden, schwelgenden Wolken.

»Geh niemals über die Hügel, da sind die leuchtenden Auen!«, war das Einzige, was sein Vater ihm dazu sagte, seitdem er den Anblick der Lichter nicht mehr vergessen konnte.

Kein Schnaps oder Obstbrand der bekannten Welt schien ein Wort über die geheimnisvollen Auen aus seinem Vater herauszuspülen. Und als Jonas eines Tages die Eltern von Malte vom Nachbarhof fragte, hagelte es Prügel.

Unter den wenigen Kindern im Dorf wurden die Auen bald ein lebendiger Mythos.

Niko erzählte, dass niemand der die Auen betreten hat, jemals wieder gesehen wurde. Paulchen war sich sicher, dass sein Onkel einmal den Hügel überschritten hat. Doch dieser hat nach seinem Ausflug in den Norden kein Wort mehr gesprochen, nicht mehr gegessen oder getrunken, bis er dann starb.

Und Jonas sehnte sich allein danach, nur ein weiteres Mal die wunderbaren Lichter zu sehen, die er in der Nacht vor drei Jahren am Himmel über den Auen strahlen gesehen hat. Und selbst Taubheit, Blindheit, Schmerz und Tod wären es ihm wert, nur um noch einmal in den Genuss der schwebenden Farbenpracht zu kommen und ihre Quelle mit eigenen Augen zu sehen.

Was sollte es denn sonst in diesem Leben für ihn zu erreichen geben?

Als sein Vater an diesem Abend von der Feldarbeit nach Hause kam, hörte er seine Mutter das Abendessen auftischen, roch die gedämpften Kartoffeln und die, in Butter gebratenen Schwarzwurzeln.

Seine Eltern sprachen nicht. So wie sie es immer taten. Es lag eine stehende Stille in der warmen Abendluft, die mit jedem von Jonas‘ Atemzügen zu vibrieren schien.

Er wusste, dass nun die Zeit für ihn gekommen war zu gehen.

Er hörte seinen Vater schmatzen und seine Mutter das Bier nachschenken, da war Jonas bereits durch das Fenster nach draußen gestiegen und lief zielstrebig in Richtung der berüch tigten Hügel im Norden.

Niemand würde ihn vermissen, da war er sich sicher, als er den steilen Abhang hochzuklettern begann, der ihn von seinem einzigen Begehren trennte.

»Ich schau mal nach dem Jungen.«, sprach sein Vater nach dem Essen, stand auf und bewegte sich in Richtung Schlafzimmer.

Jonas breitete die Arme aus und ließ die hohen, in allen Farben des Regenbogens schimmernden, bunten Grashalme um sich herum seine Handflächen kitzeln.

Zum ersten Mal fühlte er sich vollkommen und er atmete das sanfte Licht, das ihn umgab. Langsam setzte er einen Fuß vor den anderen.

Und er schritt durch die leuchtenden Auen.

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