Kolumne "On my mind"     #2 Ausländer*innen zweiter Klasse

Input

Definition laut dem Statistischem Bundesamt für Bildungsinländer*in:  „Als Bildungs­inländer/-innen werden aus­ländische Studierende  und Schüler*innen bezeichnet, die ihre Hochschul­zugangs­berechtigung oder Hochschulabschluss in Deutsch­land, aber nicht an einem Studien­kolleg, erworben haben.“

Im Jahr 2019 lebten 21,2 Millionen Menschen mit “Migrationshintergrund” und somit 26,0 % der Bevölkerung in Deutschland. Außerdem haben 11,2 Millionen Ausländer*innen in Deutschland gelebt.

Hi, ich bins! Giorgia, Sternzeichen: Krebs, Aszendent: Löwe, 1. 70 Meter groß, 65 KG schwer, heterosexuell, cisgender, weiblich, italo-deutsch, Kulturwissenschaftlerin, Journalistin und ehemalige Bildungsinländerin, enchantée.

Heute bin ich Deutsche (nicht nur, aber auch). Ob du vielleicht auch ein*e Bildungsinländer*in bist, wissen wir gleich. Lebst du in Deutschland? Hast du einen deutschen Schulabschluss aber keine deutsche Staatsbürgerschaft? Dann herzlich Willkommen an Bord, du bist Bildungsinländer*in. Aber nur, wenn du ein Abitur oder Studium in der Tasche hast! Entschuldige, wenn ich deinen Höhenflug gleich wieder beenden muss, aber mit deutschem Real- oder Hauptschulabschluss habe ich leider kein Erste-Klasse-Ticket für dich. Du bist und bleibst einfach ein*e Ausländer*in und bekommst keinen cooleren Namen. Ja, auch wenn du schon seit  30 Jahren in Deutschland lebst. Kein Grund gleich abzuheben.

Die Studierenden aus Amsterdam oder Hongkong, die für einen Bachelor oder Master für ein paar Jahre nach Deutschland kommen, sind “deutscher” als du. Zumindest auf dem Papier. Du, die Ausländer*in, die schon seit Jahrzehnten in Deutschland lebt oder hier groß geworden ist, aber keinen Zugang zum höchsten deutschen Bildungsgrad hatte oder lieber etwas anderes gemacht hat.

*Plopp* Rechts und links von mir steigt Rauch auf – auf meinen Schultern spüre ich Gewicht. Ah, ich weiß was los ist, habe mich schon gefragt, wo die beiden abgeblieben sind.  Ein schielender Blick nach unten verrät mir, dass sich die Protagonist*innen meiner Variante von ‚Engelchen und Teufelchen‘ zum erweiterten Selbstgespräch eingefunden haben: Rechts die Mini-Version einer erfolgreichen, integrierten und gefeierten Feministin of Color. Links ein kleiner, alter, weißer cis-Mann, der auch sofort ungefragt zu plappern beginnt: “Ist doch nur ein Wort, sei nicht gleich hysterisch!” War ja klar. Ich gucke nach rechts, die Inkarnation meiner Ideal-Feministin lächelt nur gütig und nickt mir aufmunternd zu. Ich schnipse den kleinen Wichtigtuer mit geübter Bewegung auf den Boden, hole Luft und erkläre Helmut:

Eine deutsche Schulausbildung haben die meisten Kinder der ersten Gastarbeiter*innen und wahrscheinliche alle der daraus abstammenden zweiten Generation hinter sich. Resultat: Abschluss ja, Abitur nicht unbedingt. Überhaupt ist es sogar so, dass laut einer Studie des Statistischen Bundesamtes von 2012 der häufigste Schulabschluss mit 35,6% in Deutschland der Hauptschulabschluss ist, und die allgemeine Hochschulreife mit 27,3% der seltenste. Das bedeutet, dass ganz allgemein – ohne Rücksicht auf den ethnischen, kulturellen und nationalen Hintergrund – die wenigsten ein Abitur machen.

Seit wann ist es also salonfähig, den Bildungsstand einer Person mit der Landeszugehörigkeit zu vermischen? Deutschen mit einem geringeren Abschluss als dem Abitur wird ihr deutsch-Sein deswegen nicht abgesprochen. Warum wird man dann als Ausländer*in ‚deutscher‘, wenn man die Bildungsleiter weiter hoch steigt? Und was ist mit den Menschen, die vor über 30 Jahren nach Deutschland kamen und nicht mehr gingen? Dein “Lieblingsitaliener” um die Ecke, bei dem du einen “eXpresso” bestellst, die türkische Schneiderin, zu der du deine gerissene Hose bringst, weil die Wohlstandswampe ihren Raum braucht, die Putzkraft, der du schon seit Jahren nen Fuffi bezahlst, damit sie einmal die Woche kommt und dessen Nationalität du nicht genau kennst, aber “irgendwo aus dem Osten” denkst. Sie haben lange in Deutschland gelebt, gearbeitet, Steuern gezahlt, Kinder in die Welt gesetzt, die Wirtschaft angekurbelt, aber halt kein Abi. Sie gehören damit nicht zu der Art von Ausländer*innen, für die man in Deutschland einen fancy Namen eingeführt hat, sondern nur eine Ergänzung: „Ausländer*in mit Lebensmittelpunkt in Deutschland.“ Sind sie weniger deutsch als die Ausländer*innen mit Abi oder deutschem Studium? Es ist vielleicht nur ein Wort, das den Alltag gar nicht oder kaum beeinflusst. Es macht nur dann einen Unterschied, wenn es um Stipendien oder Jobs in staatlichen Behörden geht. Aber es bedeutet ja dennoch, dass sich irgendwelche Menschen, die in keinster Weise davon betroffen sind, diese Kategorisierung ausgedacht haben und die Menschen, die damit gemeint oder eben nicht gemeint sind, in zwei verschiedene Schubladen stecken: Ausländer*innen erster und zweiter Klasse.

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